Fotostrecke

Michael Ballack: Tore, Titel, Tränen

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

Bayer-Altstar Ballack Ein Opfer seiner selbst

Erst hat es sich Michael Ballack mit der Nationalmannschaft verdorben, jetzt auch mit Bayer Leverkusen. Der frühere DFB-Kapitän erkannte die Zeichen der Zeit nicht und verpasste den Moment fürs Aufhören. Zu lange hielt er sich für unverzichtbar.

Michael Ballack ist regelrecht ins Schwärmen gekommen: "Hier stimmt alles, von den Strukturen über die Bedingungen bis hin zur personellen Besetzung", hat Ballack dem Kölner "Express" über Bayer Leverkusen erzählt. Dieses Interview ist gerade einmal drei Wochen alt. Und von dem, was Ballack da sagte, stimmt nichts mehr für ihn.

Erst ist die Beziehung zwischen der Nationalmannschaft und ihm in die Brüche gegangen, jetzt steht auch seine Liaison mit Leverkusen vor dem Aus. Seit der 35-Jährige zum Rückrundenauftakt gegen Mainz unter dem Gejohle des Publikums vorzeitig ausgewechselt wurde, existiert ein Nicht-Verhältnis zwischen dem Club und seinem Star. Seitdem wird eigentlich nur noch darüber geredet, wann Ballack geht und wohin.

Die Ziele, die zuletzt im Gespräch waren oder durch Ballacks Berater selbst ins Gespräch gebracht wurden: Mallorca, China, Arabien, die USA. Eine Ferieninsel mit dem 15. der spanischen Liga und drei Stationen, bei denen Altstars im sehr späten Spätherbst ihrer Karriere den finanziellen Rahm abschöpfen, ohne sportlich noch Überdurchschnittliches leisten zu müssen. Auf dieser Stufe scheint Ballack mittlerweile angekommen zu sein.

Ballack ist ein Opfer geworden. Ein Opfer der Erwartungen, die Bayer in ihn setzte. Und ein Opfer seiner selbst.

Rückkehr in die Mannschaft scheint undenkbar

Bei seinem Verein dürfte auf ihn nur noch das Los des bestbezahlten Ersatzspielers der Bundesliga warten. Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser und Trainer Robin Dutt betonen zwar immer noch gerne, dass der Mittelfeldspieler gewiss noch seinen Beitrag in dieser Spielzeit für Bayer leisten werde. Aber das ist nichts als Rhetorik.

Eine Rückkehr ins Team scheint nicht mehr möglich, nachdem Holzhäuser das Projekt Ballack in der Vorwoche praktisch als gescheitert bezeichnet und davon gesprochen hat, man werde den Fall jetzt "professionell abwickeln". Die Mannschaft ist ohnehin von dem seit zwei Jahren schwelenden Dauerthema seit langem maximal genervt.

Schon unter Dutts Vorgänger Jupp Heynckes in der Vorsaison war der ehemalige DFB-Kapitän teamintern isoliert, unter Dutt hat sich das noch verstärkt. Wenn gestandene Bundesliga-Profis wie Verteidiger Manuel Friedrich oder Stürmer Stefan Kießling über Monate auf kein anderes Thema mehr angesprochen werden als auf ihr Verhältnis zu Michael Ballack, vergeht auch dem letzten Profi die Lust auf ein konstruktives Miteinander.

Als Holzhäuser in der Vorwoche zur Demontage Ballacks schritt, rührte sich aus dem Team keine Stimme, um den einstigen Führungspieler der Nation zu unterstützen. Bayer-Sportdirektor Rudi Völler, der den Ballack-Deal maßgeblich eingefädelt hatte und lange Zeit als Fürsprecher des 35-Jährigen im Club galt, ließ sich am Wochenende als heiser entschuldigen. Dem letzten Ballack-Befürworter hat es mittlerweile auch die Sprache verschlagen.

Ballack hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt

Holzhäuser und Völler hatten mit der Verpflichtung Ballacks die Erwartungen selbst geschürt, von denen sie sich jetzt enttäuscht zeigen. Obwohl damals auch schon 33 Jahre alt und zudem mit den Nachwirkungen seiner schweren Verletzung im Vorfeld der WM 2010 kämpfend, wurde Ballack als der große Heilsbringer präsentiert. Dabei wurde nicht nur der Fitness- und Formzustand des damals noch amtierenden DFB-Kapitäns verkannt. Auch die Auswirkung auf das Mannschaftsgefüge hatte man überhaupt nicht bedacht.

So war Ballacks Engagement bei Bayer letztlich nichts als ein ganz großes Missverständnis. Statistische Zahlen des Sportdatenanbieters Opta belegen das nachdrücklich. Nur in 58 Prozent der Leverkusener Partien kam er zum Einsatz, im Schnitt stand er dabei 71 Minuten auf dem Feld. Statistisch war es für die Mannschaft unbedeutend, ob er spielte oder nicht. Ein Beispiel: Mit Ballack holte Bayer im Schnitt 1,87 Punkte, ohne ihn 1,82.

Dazu kommt das geradezu außergewöhnliche Talent Ballacks, die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig wahrzunehmen. Ballack hatte jahrelang eine Ausnahmestellung im deutschen Fußball inne, da er in einer Ära seinen Zenit erreichte, in der andere deutsche Talente selten waren oder viel zu wenig gefördert wurden. Ballack ist noch mit einer Leitwolf-Ideologie im deutschen Fußball aufgewachsen. Er hat nicht merken wollen, dass solche Typen nicht mehr gefragt sind.

Früher Respekt, heute Mitleid

Viel zu lange hat er sich für unverzichtbar gehalten. Gepaart mit einem gewissen Starrsinn hat das dazu geführt, dass er und sein Berater Michael Becker heute fast allein dastehen. Eine Zwei-Mann-Wagenburg. Ballack geht die gewisse Geschmeidigkeit ab, die seinen Nachfolger als DFB-Kapitän Philipp Lahm auch durch unangenehme Situationen lavieren lässt. Auch das hat ihm zuletzt nicht geholfen.

Ballack ist eine tragische Figur geworden. Und seine Verdienste um den deutschen Fußball drohen davon zugedeckt zu werden. 2006 war Ballack das Idol der deutschen Anhänger, das Gesicht des Klinsmann-Teams, sein Trikot mit der Nummer 13 war so etwas wie die zweite Haut der deutschen Fußballfans. Aus Anerkennung wurde erst Respekt, heute nur noch Mitleid.

Am Dienstag fühlte sich der Betreiber einer Vermittlungsagentur für Urlaubsreisen, Konstantin Korosides, bemüßigt, eine Pressemitteilung herauszugeben. Ballack ist Werbepartner des Unternehmens, das mit dem Slogan wirbt: "Ab in den Urlaub." In der Mitteilung heißt es: "Für uns ist und bleibt Michael Ballack ein überaus erfolgreicher Werbepartner mit einem Starpotential, das seinesgleichen in Deutschland sucht. Wir freuen uns sehr, dass er auch in diesem Jahr als Testimonial in vorderster Front steht."

Rückendeckung gibt es für Ballack nicht mehr vom eigenen Verein, sondern nur noch von ab-in-den-urlaub.de. Eben Mallorca, China, Arabien, die USA.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.