Wolfsburger Pleite in Leverkusen "Pfffff"

Wolfsburg bangt nach dem 0:3 in Leverkusen um die Champions League. Das Team hat offenbar tiefer liegende Probleme, Trainer Dieter Hecking wirkt konsterniert. Nun wartet ausgerechnet Real Madrid.

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Aus Leverkusen berichtet


Dieter Hecking stieß ein trotziges "Pfffff" hervor, als er am späten Freitagabend an die bevorstehenden Ereignisse erinnert wurde. Am nächsten Mittwoch (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) trifft der Trainer des VfL Wolfsburg mit seiner Mannschaft auf Real Madrid, den vielleicht schillerndsten Klub der Welt. Doch der imaginäre Schritt von diesem finsteren 0:3 bei Bayer Leverkusen auf die große Champions League-Bühne schien Heckings Vorstellungskraft für einen Moment zu überfordern.

Das Spiel gegen Real, so viel steht fest, wird tatsächlich stattfinden. Und so sagte Hecking nach einem Moment des Nachdenkens: "Mit so einer Leistung wie heute wird das nicht so prickelnd werden." Denn in Leverkusen hatte der VfL völlig verdient verloren. "Wir haben grottenschlecht gespielt, die Zweikämpfe nicht angenommen und alles vermissen lassen, was man braucht, um in Leverkusen zu gewinnen", sagte Julian Draxler. Die Chancen auf eine erneute Champions-League-Qualifikation sind nun minimal.

Statt sich aufzubäumen und eine schwierige Situation zu retten, verwelkt der als Titelmitfavorit ins Spieljahr gestartete Spitzenklub jede Woche ein bisschen mehr. "Die Art und Weise, wie wir spielen, gibt mir wenig Hoffnung", sagte Geschäftsführer Klaus Allofs. Die Mannschaft wird offenbar gehemmt von tief liegenden und vielschichtigen Problemen, die sich nicht mit Primärtugenden wie Willenskraft und Einsatzbereitschaft beheben lassen. Symptomatisch war das vorentscheidende 2:0, als Dante erst einen viel zu riskanten Zweikampf gegen den fair agierenden Javier Hernández verlor und dann Schmerzen anzeigend auf dem Boden liegen blieb. Die Kollegen stellten ihre Aktivitäten weitgehend ein, und der Mexikaner schoss ungehindert seinen 15. Saisontreffer.

"Das ist keine Mannschaft"

Die Wolfsburger waren verärgert, dass Bayer einfach weiterspielte, Allofs sprach von "fehlendem Fairplay", aber nach Betrachtung der Zeitlupen konnte man auch das Gefühl haben, Dante habe gar keine ernsten Schmerzen gehabt. Dass die Wolfsburger nicht weiterspielten, zeigt, wie schwer der Mannschaft derzeit die selbstverständliche Alltagsarbeit des Fußballsports fällt. Nach den Ursachen für diese Probleme gefragt, reagierte Hecking ausweichend. "Wenn ich damit jetzt anfange, werden wir morgen früh noch nicht zu Hause sein", sagte er. Nur die Verletzten (Dost, Caliguiri, Naldo) wurden immer wieder genannt, aber die Elf auf dem Rasen war trotz der Ausfälle namhaft besetzt.

Offensichtlich gibt es Störungen im Kollektiv. "Das ist keine Mannschaft", sagte Hecking und Allofs erklärte: "Man hat nicht den Eindruck, dass die Dinge ineinandergreifen. Das ist oft Stückwerk." Der Mannschaft fehlt jene wichtige Kraft, die ein konstruktives Miteinander freisetzen kann, und es liegt nahe, dass dieser Zerfall der Gruppe auch mit den Nebenkriegsschauplätzen zu tun hat, mit denen die Wolfsburger Spieler permanent konfrontiert werden.

Max Kruse, der seit Wochen eine enttäuschende Leistung an die nächste reiht, wurde nach verschiedenen Eskapaden aus dem Kader der Nationalmannschaft gestrichen. Auch mit dem vom Trainingsbetrieb ausgeschlossenen Niklas Bendtner gibt es atmosphärische Störungen, und die immer neuen Schreckensmeldungen über die Verfehlungen im VW-Konzern hinterlassen ebenfalls Spuren im Gesamtklima.

Daher deutet vieles darauf hin, dass tiefe Veränderungen am Kader notwendig sein werden, um die entstandenen Schäden zu beheben. Womit allerdings keinesfalls ausgeschlossen ist, dass das Team gegen Real Madrid am kommenden Mittwoch und in der Folgewoche plötzlich aufblüht. Auf Champions League scheint der hochtalentierte Kader nämlich mehr Lust zu haben, als auf den grauen Alltag in der Bundesliga.

"Ich habe nicht die Befürchtung, dass wir da so spielen, wie wir es heute getan haben, wir werden da eine andere Mannschaft sehen", sagte Allofs und ergänzte: "Aber es macht mich auf der anderen Seite auch unheimlich ärgerlich, dass dieser Unterschied besteht."

Bayer Leverkusen - VfL Wolfsburg 3:0 (1:0)
1:0 Brandt (27.)
2:0 Hernández (73.)
3:0 Jurtschenko (87.)
Leverkusen: Leno - Jedvaj, Tah, Ramalho, Wendell - Lars Bender (61. Hernandez), Kramer - Bellarabi, Calhanoglu (64. Jurtschenko), Brandt - Kießling (88. Aranguiz)
Wolfsburg: Benaglio - Träsch (46. Henrique), Knoche (82. Ascues), Dante, Ricardo Rodriguez - Guilavogui, Arnold - Vieirinha, Draxler, Schürrle - Kruse (63. Schäfer)
Schiedsrichter: Felix Brych (München)
Zuschauer: 29.239
Gelbe Karten: Dante (3), Draxler (5), Arnold (3), Schürrle (4)

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kub.os 02.04.2016
1. Die Geister, die ich rief
In Wolfsburg kann man in der Bundesliga richtig Geld verdienen. Das zieht natürlich namhafte Spieler an, wie Motten das Licht. Binsenweisheit: viele Topeinzelkönner sind noch lange keine Topmannschaft. Und in Wolfsburg wirkt eben alles ein wenig zusammengewürfelt.
trus 02.04.2016
2.
Da die Mannschaft schon vor der gestrigen Niederlage 10 Punkte Rückstand auf den Tabellendritten hatte, würde ich nicht von einem "bangen um die Champions League" sprechen. Viel mehr ist der Zug abgefahren.
JoergB 02.04.2016
3. Europa, wir kommen nicht...
Die Chancen auf die CL sind nicht nur minimal, sie sind doch nicht mehr vorhanden. Wolfsburg spielt nur noch gegen Mainz, sonst gegen keinen Konkurrenten mehr (Dortmund ist ja schon weg), ist also auf Schützenhilfe angewiesen. Und sollten Gladbach, Mainz und Schalke heute/morgen noch punkten, sind es u.U. SIEBEN Punkte auf Platz 7. Ich gehe daher davon aus, dass Wolfsburg nächstes Jahr gar nicht europäisch vertreten sein wird. Nach der Supersaison im Vorjahr, ist man nun wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Bin gespannt, ob das nur den Kader oder auch den Trainer treffen wird. Denn letztlich ist es Heckings Aufgabe, ein Team aus den Spielern zu formen. Der VFL muss aufpassen, nicht wieder zur grauen Maus zu werden. Mangelnde sportliche Perspektive, dazu vielleicht weniger VW-Mios und ganz schnell sind ein paar Stars weg. Aber wie mein Vorredner schon schrieb: Vielleicht wäre das sogar besser so.
tmhamacher1 02.04.2016
4. Oh, wie ist das schön!!!
Wenn man schon ein reiner Sponsorenverein ist und dann trotzdem den besten Spieler verkauft, um das Geld einzusammeln, dann kann man nicht erwarten, dass man auf dem gleichen Niveau spielt wie vorher, oder soll Schürrle etwa De Bruyne gleichwertig ersetzen?
nolabel 02.04.2016
5. Rückbau
Die Stadt Wolfsburg hängt wie der Verein am versiegenden VW-Tropf. Rückbau ist angesagt, nächste Woche wird schon mal der Mittellandkanal zugeschüttet ,-)
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