Bayer Leverkusen in der Analyse Sie stürmen ins eigene Verderben

Leverkusen ist fähig zu glanzvollen Leistungen. Doch das Team läuft oft ins offene Messer. Heute spielt das Team in der Europa League, und Trainer Heiko Herrlich schafft es nicht, Toreschießen und Toreverhindern in Einklang zu bringen.

Kai Havertz
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Kai Havertz

Von Tobias Escher


Eins kann man den Spielern von Bayer Leverkusen nach der 2:4-Niederlage gegen Borussia Dortmund nicht vorwerfen: mangelnden Einsatz. 128 Kilometer liefen die Leverkusener, also einmal die Strecke von Leverkusen nach Dortmund und wieder zurück. In den ersten 60 Minuten überrannte Bayer den Gegner förmlich. Hatte ein Dortmunder den Ball, standen ihm sofort zwei Leverkusener auf den Füßen. Nach jedem Ballgewinn sprinteten fünf Bayer-Angreifer in die Tiefe. Selbst nach der frühen 2:0-Führung hörte Leverkusen nicht auf, unentwegt anzugreifen.

Das war die Krux: Sie hörten einfach nicht auf. Selbst als sie bereits 2:0 führten, griffen sie weiter an. Und weiter. Und weiter. Dortmund konnte das eigene Glück kaum fassen: Sie fanden trotz Rückstand riesige Räume zum Kontern vor. Leverkusen schnaufte angesichts der gelaufenen Kilometer, fing an zu wanken - und fiel. Bereits zum dritten Mal in dieser Saison verspielten die Leverkusener, die am heutigen Donnerstag (18.55 Uhr) in der Europa League gegen AEK Larnaca gefordert sind, eine Führung.

15 Gegentore in acht Pflichtspielen: Bayer Leverkusen hat ein Defensivproblem. Trainer Heiko Herrlich schafft es nicht, Toreschießen und Toreverhindern in Einklang zu bringen. Es ehrt den Trainer, dass er im Zweifel offensiv denkt. Doch gerade im zentralen Mittelfeld führt sein bedingungslos offensives System zu Lücken.

Herrlich stellt seine Mannschaft in einem 4-2-3-1-System auf. Diese Grundformation interpretiert Leverkusen auffallend angriffslustig. Die beiden Außenstürmer agieren weit vorn, auch Zehner Kai Havertz rückt häufig in die vorderste Linie. Leverkusen läuft den Gegner in einem aggressiven 4-2-4 an. Das bedeutet viel Arbeit für das zentrale Mittelfeld. Die Doppelsechs muss hinter den früh störenden Stürmern absichern.

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Dass ausgerechnet in diesem Mannschaftsteil die Balance fehlt, belegt der SPIX. Im zentralen Mittelfeld teilt der SPIX Spieler ein in defensive und in offensive Mittelfeldspieler. In welche Gruppe der SPIX einen Spieler einordnet, bestimmt seine durchschnittliche Position: Befindet sich diese näher zu den eigenen Innenverteidigern als zu den Stürmern, wird ein Spieler als defensiver Mittelfeldspieler eingestuft. Agiert er näher an den Stürmern, wertet das System ihn als offensiven Mittelfeldspieler.

Gegen Dortmund stufte das System Lars Bender und Dominik Kohr, nominell Leverkusens Doppelsechs, als offensive Mittelfeldspieler ein. Das erklärt die zahlreichen Konter, die Leverkusen trotz 2:0-Führung fing: Das zentrale Mittelfeld agierte derart offensiv, dass Leverkusens Viererkette häufig auf sich allein gestellt war. Es fehlte die Balance. So kam der BVB vor dem 2:2 zu einer Vier-gegen-vier-Kontersituation - ein taktischer Offenbarungseid für eine Elf, die in Führung liegt. Auch bei den Niederlagen gegen Bayern München und gegen den VfL Wolfsburg agierte Leverkusen laut SPIX mit nur einem oder gar keinem defensiven Mittelfeldspieler.

Leverkusen gegen BVB: Kein defensiver Mittelfeldspieler

Bei den beiden Saisonsiegen gegen Fortuna Düsseldorf und Mainz wertete der SPIX die Doppelsechs als defensive Mittelfeldspieler, Leverkusen agierte also defensiver. Hier wiederum tat sich das Team schwer, eigene Torchancen zu kreieren. Leverkusen benötigt frühe Ballgewinne, um die Geschwindigkeit der vier Angreifer zur Geltung zu bringen. Für diese Ballgewinne müssen die Mittelfeldspieler wiederum weit vorrücken. Die Folge: defensive Anfälligkeit.

Dass Leverkusen im zentralen Mittelfeld schwächelt, liegt auch am Fehlen von Charles Aranguiz. Der Chilene sorgte in der vergangenen Saison für die richtige Balance: Mal rückte er aggressiv nach vorn, mal sicherte er hinter seinen Kollegen ab. Seine Umsicht fehlt dem Team.

Mittlerweile mehren sich die Gerüchte, nach denen Herrlich vor dem Aus steht. Ralph Hasenhüttl, vergangene Saison Trainer bei RB Leipzig, wird als Nachfolger gehandelt. Auch dessen Mannschaften zeichneten sich stets durch eine hohe Laufleistung aus. Im Vergleich zu Herrlich schreibt Hasenhüttl der defensiven Absicherung aber mehr Gewicht zu.

Bayers kommende Spiele gegen Larnaca und gegen den SC Freiburg (Sonntag, 13.30 Uhr) entscheiden über Herrlichs Schicksal. Sein offensiver Stil mag eine willkommene Abwechslung sein in der eher defensiven Bundesliga. Stürmt seine Mannschaft erneut ins eigene Verderben, dürften seine Tage in Leverkusen gezählt sein.



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MitgliedneuerGruppe 04.10.2018
1. Wie vor zwei Jahren
"In den ersten 60 Minuten überrannte Bayer den Gegner förmlich. Hatte ein Dortmunder den Ball, standen ihm sofort zwei Leverkusener auf den Füßen. Nach jedem Ballgewinn sprinteten fünf Bayer-Angreifer in die Tiefe. Selbst nach der frühen 2:0-Führung hörte Leverkusen nicht auf, unentwegt anzugreifen. Das war die Krux: Sie hörten einfach nicht auf. Selbst als sie bereits 2:0 führten, griffen sie weiter an. Und weiter. Und weiter. Dortmund konnte das eigene Glück kaum fassen: Sie fanden trotz Rückstand riesige Räume zum Kontern vor. Leverkusen schnaufte angesichts der gelaufenen Kilometer, fing an zu wanken - und fiel." Man ersetze den Namen Heiko Herrlich durch Roger Schmidt und man erhält die exakt gleiche Analyse wie vor zwei Jahren. Damals ging es nicht gut und heute wird es ebenso wenig gut gehen. Es bleibt einzig zu hoffen, dass Rudi Völler aus seinen Fehlern lernt, bereits früher in den sauren Apfel beißt und den Trainer noch in der Hinrunde austauscht. Ansonsten wird Bayer 04 irgendwo zwischen den Plätzen 10 und 14 landen. Wir vor zwei Jahren.
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