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02. Oktober 2016, 09:19 Uhr

Leverkusens Sieg gegen Dortmund

Streit über die Stilfrage

Aus Leverkusen berichtet

35 Prozent Ballbesitz, 21 Fouls: Bayer Leverkusen hat auch dank einer aggressiven Spielweise gegen Borussia Dortmund gewonnen. BVB-Trainer Thomas Tuchel gefiel das gar nicht.

Längst war das Stadion leer, die Spieler hatten geduscht, ihre zuvor stark erhöhten Adrenalinspiegel waren nach einem aufregenden 2:0-Sieg von Bayer Leverkusen gegen Borussia Dortmund wieder auf Normalniveau gesunken, aber wirklich beendet war die Schlacht noch nicht. Oben im Presseraum rangen BVB-Trainer Thomas Tuchel und sein Kollege Roger Schmidt auch eine Stunde nach dem Abpfiff weiter. Es ging um die Deutungshoheit, und die beiden Fußballlehrer gingen dabei ähnlich aggressiv zu Werke wie ihre Spieler während der 90 Minuten Hochintensitätsfußball zuvor.

"Wir haben das Spiel dominiert, nicht durch Ballbesitz, sondern durch unser Spiel gegen den Ball", sagte Schmidt, und Tuchel entgegnete: "Ich habe kein dominantes Spiel gesehen mit 35 Prozent Ballbesitz, 21 Fouls. Tut mir leid, habe ich ein anderes Spiel gesehen." Tuchels Erregung war nicht zu überhören, und Schmidt stichelte weiter:"Ballbesitz heißt nicht Dominanz, das hat man heute, glaube ich, sehr gut gesehen."

Es ging um eine Stilfrage: Ist es verwerflich, einem Gegner als Spitzenmannschaft einfach den Ball zu überlassen?

Genau das hat Bayer Leverkusen nämlich mit beeindruckendem Erfolg gemacht, und die Dortmunder sind in die Falle getappt. Wobei Tuchel sich noch mehr über ein anderes Merkmal des Leverkusener Fußballs ärgerte. Schmidt hatte von einem "sehr fairen Spiel gesprochen", er habe "kein einziges böses Foul gesehen", hatte der Trainer der Werkself gesagt.

Großer Frust beim BVB

Tuchel rang um Contenance: "Faires Spiel, sagt der Trainer der Mannschaft mit 21 Fouls zum Trainer der Mannschaft mit sieben Fouls? Da habe ich eine andere Vorstellung davon, tut mir leid." Schmidt wiederum meinte, vielleicht seien die Dortmunder "einfach sehr gut darin, Fouls zu ziehen, das machen sie sehr clever." Die Atmosphäre war eisig, am Ende dieses Streitgespräch raunte Tuchel Schmidt ein kühles "Ciao" zu und verschwand.

Man kann den Ärger des BVB Trainers verstehen, er musste im Spielverlauf Gonzalo Castro und Sebastian Rode wegen schmerzhafter Zweikampfblessuren aus der Partie nehmen. Schon in den zurückliegenden Spielen wurden seine filigranen Offensivleute überdurchschnittlich oft umgetreten. Tuchel muss fürchten, dass seine jungen Draufgänger ihren Mut verlieren, wenn fast jeder Zweikampf schmerzhaft wird. Aber Fußball ist nun mal ein Kampfsport. "Wenn das deren Mittel ist, so gegen uns zu spielen, ist es halt so, letztendlich haben sie Recht bekommen", sagte BVB-Verteidiger Matthias Ginter.

Der große Frust des Dortmunder Trainers beruhte vermutlich noch auf anderen Eindrücken, die dieser Abend hinterlassen hatte. Da war es einem Gegner gelungen, dem Ballbesitzfußball seine Durchschlagskraft zu nehmen. Mit einer imposanten Wucht, mit einer gewaltigen Energie in jedem Zweikampf und einer Mannschaft, die die taktischen Erfordernisse des komplexen Balleroberungsstils nahezu fehlerfrei umgesetzt hat.

Lernprozess in Leverkusen

"Wir haben versucht, Dortmund die Waffen zu nehmen, ihre individuelle Qualität und Schnelligkeit im vorderen Bereich", sagte Schmidt. Das hat derart gut funktioniert, dass Hakan Calhanoglu verkündete, an diesem Abend habe die Welt "das wahre Leverkusen" zu sehen bekommen. Denn neben Intensität, Kampfkraft und taktischem Geschick ist ein Element hinzugekommen, das zuletzt nicht immer vorhanden war: Reife.

Während des Dortmunder Gastspiels der vorigen Saison war Roger Schmidt noch wegen eines Konflikts mit den Schiedsrichtern auf die Tribüne verwiesen und anschließend gesperrt worden. Er habe seither dazugelernt, hat Schmidt während der vergangenen Monate erzählt. Einen ähnlichen Lernprozess hat auch die Mannschaft hinter sich. Kevin Kampl und Charles Aranguiz, die beiden Leverkusener Sechser, hatten schon früh gelbe Karten gesehen, navigierten danach aber derart geschickt durch das raue Zweikampfspiel, dass Gelb-Rot nie wirklich zur Debatte stand.

Jonathan Tah hatte einen glanzvollen Tag, der junge Benjamin Henrichs, der eine Halbzeit lang Linksverteidiger spielte und in der zweiten Hälfte nach rechts rückte, blüht auf, Calhanoglu entwickelt sich vom zwar hoch begabten aber oftmals wenig konstanten Talent zur echten Führungsfigur, Admir Mehmedi hatte nach 22 Bundesligapartien ohne Tor endlich wieder getroffen (5. Minute). Und in der 79. Minuten vollendete Chicharito einen brillant vorgetragenen Konter zum 2:0. "Unser Ziel war, das Beste zu bringen, von jedem Spieler und als Mannschaft, und diese Geschlossenheit habe ich heute gesehen", sagte Schmidt.

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