Leverkusens Trainer Peter Bosz Von wegen naiv

Peter Bosz liebt offensiven Fußball - als er BVB-Trainer war, wurde ihm das als Naivität ausgelegt. In Leverkusen beweist der niederländische Coach, wie flexibel er tatsächlich ist.

Leverkusen-Trainer Peter Bosz: Klischee widerlegt
Roland Weihrauch / DPA

Leverkusen-Trainer Peter Bosz: Klischee widerlegt

Von Tobias Escher


82 Minuten waren gegen Fortuna Düsseldorf gespielt, als urplötzlich das alte Bayer Leverkusen aufblitzte. Bayers Kerem Demirbay spazierte mit dem Ball durch das Mittelfeld, als zwei Düsseldorfer ihn stellten und ihm den Ball abnahmen. Anstatt hinterherzujagen, blieb Demirbay stehen und protestierte. Er wollte ein Foul gesehen haben. Düsseldorf konterte und erzielte das 1:3.

Unnötiger Ballverlust, schlechte Absicherung, ausgekontert: Es war ein Gegentor der Marke Peter Bosz. Seit seiner unglücklichen Amtszeit bei Borussia Dortmund verfolgt ihn der Ruf, sein spektakulärer Offensivfußball kenne keine Kompromisse - und keinen Blick in den Rückspiegel. Die defensive Stabilität bleibe bei ihm auf der Strecke, seine Teams seien konteranfällig. Gegen Düsseldorf war diese Anfälligkeit wieder einmal zu bestaunen.

Aber es blieb bei dem einen Fehler, Leverkusen gewann die Partie. Zwei Spiele, sechs Punkte: Der Saisonstart verlief optimal für Bosz und seine Leverkusener. Tatsächlich widerlegen die ersten beiden Spieltage eher das gängige Bosz-Klischee, als dass sie es bestätigen. Bosz taktiert wesentlich flexibler, als seine Kritiker ihm zugestehen.

Boszs großes Vorbild heißt Johan Cruyff. Der mittlerweile verstorbene Jahrhundertfußballer und Trainer von Ajax Amsterdam und dem FC Barcelona gilt als Vater des modernen Ballbesitz-Fußballs. Cruyff forderte, die Räume auf dem Feld passgenau zu besetzen und den Gegner über ein dominantes Passspiel einzuschnüren. Bosz folgt diesem Ideal. Als junger Trainer reiste er hunderte Kilometer, um sich Trainings von Ajax anzuschauen.

Der Niederländer bleibt der Idee des dominanten Fußballs bis heute treu. Im Februar spielten seine Leverkusener gegen Düsseldorf 1053 Pässe, der zweithöchste Wert, der in der Bundesliga je gemessen wurde. (Den Rekord stellten Pep Guardiolas Bayern 2014 mit 1078 Pässen auf.)

In Dortmund scheiterte Bosz

Auch in Dortmund verfolgte Bosz seine gnadenlos offensive Spielidee. Seine Stammformation war das typisch-niederländische 4-3-3. Zunächst feierte Bosz große Erfolge, doch nach neun Pflichtspielen ohne Sieg wurde er bereits in der Hinserie entlassen. Bosz scheiterte: am Pech, an seinen Spielern, aber auch an sich selbst. Sein 4-3-3 schien in Stein gemeißelt. Er wechselte System und Formation nicht, selbst als für jeden offensichtlich war, dass sein System zu defensivschwach war für die Bundesliga.

In Leverkusen stellt er unter Beweis, dass er keineswegs ein One-Trick-Pony ist. Eine seiner größten Innovationen bei Bayer war die Einführung einer Dreierkette. Diese Variante stabilisierte das Team im Frühjahr. Das 3-2-4-1-System war an den Stärken der Spieler ausgerichtet: Mitchell Weiser konnte als offensiver Rechtsverteidiger überzeugen, das kongeniale Duo aus Kai Havertz und Julian Brandt wurde abgesichert von einer defensiveren Doppelsechs.

Mit dieser Variante startete Bosz auch in die neue Saison. Beim 3:2-Sieg gegen Paderborn war von der Dominanz der vergangenen Rückserie allerdings wenig zu erkennen. Lars Bender fühlte sich nicht wohl in der Rolle des offensiven Rechtsverteidigers.

Viel schwerer wog, dass Kerem Demirbay taktisch eins zu eins die Rolle des nach Dortmund gewechselten Julian Brandt übernahm. Das konnte nicht gutgehen. Der aus Hoffenheim verpflichtete Demirbay ist ein gänzlich anderer Spielertyp als Brandt. Er ist ein Stratege, der Bälle verteilt. Brandt hingegen zieht Zuspiele im finalen Drittel magisch an, er sorgt für Präsenz um den gegnerischen Strafraum. Brandt erlaubt es seinem Team, das eigene Ballbesitzspiel fünf, zehn Meter weiter nach vorne zu verlagern. Demirbay strukturiert es fünf, zehn Meter weiter aus der Tiefe. Demirbay blieb gegen Paderborn blass in der Brandt-Rolle.

Gegen Düsseldorf baute Bosz daher sein System um. Er holte sein Stammsystem 4-3-3 aus der Schublade. Demirbay durfte im halblinken Mittelfeld tiefer spielen als gegen Paderborn. Bei ihm liefen die Fäden zusammen. Leverkusen hatte wesentlich mehr Kontrolle über das Spiel. Bosz beweist: Er ist in seiner Grundidee, dem dominanten Ballbesitzspiel, eisern, in der Ausführung aber flexibel. Dabei scheut er sich nicht, sein System an die Stärken und Schwächen seiner Spieler anzupassen. Das ist der Lackmustest für jedes taktische System.

Diese Flexibilität wird Bosz in dieser Saison benötigen. In der vergangenen Rückrunde wechselte er nur selten System und Personal. Da Leverkusen früh aus allen Wettbewerben ausschied, hatte er dies auch nicht nötig. In dieser Hinrunde erwartet Bosz eine dreifache Belastung aus Liga, Pokal sowie Champions League. Nächster Härtetest: Das Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim (Samstag, 15.30 Uhr, Liveticker: SPIEGEL ONLINE).

In Leverkusen weiß man, was man an Bosz hat. Rudi Völler sagte dem "Kicker", der Klub wolle den Vertrag mit dem Trainer über das Saisonende hinaus verlängern.



insgesamt 10 Beiträge
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svempa 31.08.2019
1. Nächster Härtetest
Heimspiel gegen Bayer Leverkusen also gegen sich selbst ist ein echter Härtetest ??
zayoo 31.08.2019
2. aha
Guter Hintergrundartikel aaaaber: Der nächste Härtetest für Bayer Leverkusen ist am Samstag Bayer Leverkusen? :)
oldham12 31.08.2019
3. Und wenn sich Bayer die alljährliche Schwächeperiode nimmt,...
...wird Bosz Naivität vorgeworfen.
jasuly 31.08.2019
4.
"Das 3-2-4-1-System war an die Stärken der Spieler ausgerichtet:" Richtig wäre: "... war an den Stärken der Spieler ausgerichtet. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
ge1234 31.08.2019
5. Der Fehler....
... liegt nicht am System des äußerst sympathischen Bosz, sondern an der mangelnden Qualität seiner Spieler. Mit Spielern, die nach Ballverlust einfach stehen bleiben und protestieren, gewinnt kein Trainer große Preise. Grundsätzlich wäre interessant, wie sich Bosz z.B. bei Vereinen wie Bayern oder Barca mit entsprechenden Spielermaterial schlagen würde.
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