Leverkusen unter neuem Trainer Bosz pressiert's

Peter Bosz kennt nur eine Richtung: nach vorne. In Dortmund scheiterte er mit seinem offensiven Spielsystem. In Leverkusen hat er beste Voraussetzungen für Erfolg - auch weil er aus seinen Fehlern gelernt hat.

Leverkusens Trainer Peter Bosz
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Leverkusens Trainer Peter Bosz

Von Tobias Escher


Geduld ist eine Tugend. Nicht so für Bayer Leverkusen. Als am Wochenende gegen Bayern München der Anpfiff ertönte, sprinteten die Spieler nach vorne. Es dauerte nicht einmal eine Minute ehe fünf Leverkusener am gegnerischen Strafraum zum Pressing ansetzten. Sie zwangen Mats Hummels zu einem Querschläger, standen plötzlich frei vor dem Tor. Dass diese Szene am Ende nicht zum frühen Treffer führte, lag einzig an Schiedsrichter Tobias Stieler. Er übersah ein Handspiel von Hummels.

Keine Eingewöhnungsphase, mit voller Wucht nach vorne: Leverkusens Anfangsphase beim 3:1-Sieg über den Rekordmeister steht sinnbildlich für die ersten Wochen unter dem neuen Trainer Peter Bosz. Nachdem der Niederländer in der Winterpause den Posten bei Bayer Leverkusen übernahm, krempelt er das Team im Rekordtempo um. Vom ersten Tag an sollte das Team seine offensive Taktik umsetzen - und tat das mit Erfolg. Die Frage lautet: Wie nachhaltig ist die Entwicklung?

Vor Weihnachten trennte sich Leverkusen von Trainer Heiko Herrlich, obwohl Leverkusen die beiden letzten Spiele der Hinrunde gewinnen konnte. Doch die Leverkusener Führung war mit der Entwicklung unter Herrlich nicht einverstanden. Die Leistungen schwankten, die Punkteausbeute blieb hinter den hohen Erwartungen. Bayer ging als Neunter mit 24 Punkten in die Winterpause.

Schlimmer noch: Leverkusen fehlte eine DNA, eine unverwechselbare Spielidee. Mal störten Herrlichs Leverkusener früh, mal zogen sie sich weit zurück. Mal liefen sie mit Dreierkette, mal mit Viererkette auf. Oft blieben die einzelnen Elemente Stückwerk. Zeitweise brachte Herrlichs Flexibilität Erfolg. Doch Leverkusen dürstete es nach mehr Spielkultur.

Und nun kommt Peter Bosz ins Spiel. Der Niederländer machte sich in Dortmund einen Ruf als gnadenloser Offensivtaktiker. Bosz, als Spieler früher kantiger Abräumer, erklärte einst: "Klar, wir wollen gewinnen. Aber wir wollen auch die Fans unterhalten. Sie wollen Messis und Ronaldos sehen, keine Spielzerstörer, wie ich einer war."

In Dortmund scheiterte er. Dogmatisch hielt er an seiner Spielidee fest, wich nicht vom offensiven Pressing ab. Offensive Spielidee schön und gut, dürften sich Leverkusens Anhänger gedacht haben. Doch wollen wir in Schönheit sterben wie einst Boszs Dortmunder?

Tatsächlich hat sich Bosz aus taktischer Sicht in Leverkusen kaum bewegt. Sein Stammsystem ist noch immer ein 4-3-3. Früh anlaufen, den Gegner ständig unter Druck setzen, den Ball lange in den eigenen Reihen halten: Bosz bleibt Bosz.

Doch schon bei seiner Anstellung betonten Bayers Bosse: Leverkusen ist nicht Dortmund. Der offensive Stil liege den Spielern. Rudi Völler sagte: "Peter steht ja ein bisschen, wenn auch nicht deckungsgleich, für die Art und Weise, wie wir unter Roger Schmidt gespielt haben." Unter Schmidt störte Leverkusen früh und wagte ein hohes Pressing.

In der Tat: Bereits nach wenigen Spielen verfestigt sich der Eindruck, dass sich Leverkusens Spieler im neuen System wohlfühlen. Wenn ein Spieler den Ball verliert, setzt die gesamte Mannschaft nach. Alle Spieler rücken weit vor. Anlaufschwierigkeiten gibt es kaum.

Auch die defensive Absicherung funktioniert besser als noch in Dortmund. Hier waren die Spieler manches Mal mit dem hohen Pressing überfordert. Statt den offenen Raum im Auge zu behalten, starrten Dortmunds Verteidiger auf den Ball. Leverkusens Abwehrspieler tun dies nicht. Man spürt: Sie kennen das risikoreiche Spiel aus der Zeit unter Schmidt. Gerade Innenverteidiger Jonathan Tah hat ein gutes Gespür für offene Räume, sichert exzellent ab für seine Kollegen.

Tah ist nicht der einzige Spieler, der unter Bosz aufblüht. Im Mittelfeld darf Charles Aránguiz seine Aggressivität gewinnbringend einsetzen. Die Rolle des nach vorne schießenden Sechsers liegt dem Chilenen. Vor ihm überzeugt Julian Brandt in der ungewohnten Rolle des Achters. Der gelernte Außenstürmer bringt im offensiven Mittelfeld seine Ballsicherheit ein. Gegen Bayern war er auffälligster Leverkusener, was sich in seinem starken SPIX niederschlägt. Trotz intensivem Drucks der Bayern verlor er kaum Bälle.

Doch auch in Dortmund gewann Bosz sechs der ersten sieben Bundesligaspiele, ehe die Mannschaft einbrach. Als die Bundesliga damals das Bosz-System entschlüsselt hatte, fehlte dem Niederländer ein Plan B.

In Leverkusen gibt es erste Anzeichen, dass Bosz aus seinen Fehlern gelernt hat. Gegen Bayern wechselte er zur Pause Julian Baumgartlinger für den verletzten Kai Havertz ein, stellte damit von einem 4-3-3 auf ein 4-2-3-1-System um. Die Bayern erlangten keinen Zugriff auf Leverkusens Doppelsechs. Bayer drehte das Spiel.

Die zweite große Frage: Wie lange wird Leverkusen dieses hohe Tempo gehen können? Ständig den Gegner anzulaufen, kostet Kraft. Bei Boszs Debüt, einer 0:1-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach, legten die Spieler 128 Kilometer zurück, gegen den VfL Wolfsburg (3:0-Sieg) und Bayern München jeweils 125 Kilometer. Der Bundesliga-Durchschnitt liegt bei 117 Kilometern pro Spiel.

Leverkusen wird diese Fabelwerte kaum halten können, zumal auf Bayer eine dreifache Belastung zukommt: Am heutigen Dienstag reisen sie zum DFB-Pokal-Achtelfinale nach Heidenheim (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), zudem sind sie sind noch in der Europa League vertreten (14.2, gegen FK Krasnodar).

Das Tempo aus den ersten Partien wird Leverkusen kaum die gesamte Rückrunde durchhalten. Ob Bosz seine Taktik anpassen kann, wird sich zeigen. Ihm war es zunächst wichtig, mit Vollgas in die Rückrunde zu starten. Das ist ihm gelungen.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
-murof- 05.02.2019
1. Ich bin gespannt...
ob sie es durchhalten... wäre sehr wünschenswert bei dem Potential in der Mannschaft und der sympathischen Truppe.
Joinme66 05.02.2019
2.
Ach Mann, warum immer wieder sofort alles in den Himmel heben. Ich freue mich für Leverkusen und Bosz der mir sympathisch ist und ich hab in den 9 Minuten Zusammenfassung wie schon woanders erwähnt die erste Minute Szene nicht zu sehen bekommen. Aber ein offensives Spiel bedeutet für mich was anderes als 50 Minuten lang, im eigenen Stadion überhaupt nicht vors gegnerische Tor zu kommen und sich auf 3 Konter zu freuen, die zwar gut verhindert hätten werden können aber eben auch gut ausgespielt wurden. Hohes Pressing, ja. Das ist trotzdem kein offensives Spiel. Versteh ich was anderes darunter. Warten wir halt dann noch darauf.
Schartin Mulz 05.02.2019
3. 3 Spiele
hat Bosz jetzt hinter sich. 2 Siege, 1 Niederlage. Könnte das evtl. noch ein bisschen früh sein für eine solche Analyse? Die Zeit in Dortmund wird mir auch immer ein wenig verkürzt dargestellt. Es gab innerhalb der Mannschaft erhebliche Probleme durch Egomanen wie Aubameyang, die nicht unwesentich zum Absturz beigetragen haben. Das war mit Sicherheit nicht nur die Schuld von Bosz.
peter.stein 05.02.2019
4.
"Schlimmer noch: Leverkusen fehlte eine DNA, eine unverwechselbare Spielidee. Mal störten Herrlichs Leverkusener früh, mal zogen sie sich weit zurück. Mal liefen sie mit Dreierkette, mal mit Viererkette auf. Oft blieben die einzelnen Elemente Stückwerk. Zeitweise brachte Herrlichs Flexibilität Erfolg. Doch Leverkusen dürstete es nach mehr Spielkultur" Ich höre schon die Begründung, wenn Bosz irgendwann gefeuert wird: zu unflexibel, zu starr an seinem System festhaltend. Und es wird ein neuer Trainer gesucht, der der Mannschaft verschiedene Spielsysteme vermittelt, damit man auf verschiedene Spielsituationen unterschiedlich reagieren kann. Ist klar...
novasun 05.02.2019
5. Ich sage es mal so
Leverkusen hat eine recht Junge Truppe bei sammen. Und die jungen Wilden wollen anscheinend. Wenn der Erfolg zu lange anhält wird Leverkusen am Ende der Saison zerkauft... Und bisher stand der Trainer der Mannschaft nicht im Weg - was schon mal sehr von Vorteil ist. Und ja Leverkusen wird auch mal ruhiger so ein Spiel angehen müssen... Nur gegen Bayern ja wohl definitiv nicht - von daher alles richtig gemacht.
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