Leverkusens Niederlage gegen Wolfsburg Schuld sind immer die anderen

Bayer Leverkusen kassierte gegen den VfL Wolfsburg fünf Tore, drei davon in der ersten halben Stunde. Doch Trainer Schmidt und Sportdirektor Völler suchen die Schuld beim Schiedsrichter - und beim lieben Gott.

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Aus Leverkusen berichtet


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Die meisten Beteiligten rangen noch um Fassung, als sie nach dem konfusen 5:4-Sieg des VfL Wolfsburg bei Bayer Leverkusen durch die Gänge der Arena liefen. "Unfassbar", stieß der vierfache Torschütze Bas Dost immer wieder hervor, während die Leverkusener Spieler lieber erst mal gar nichts sagten.

Rudi Völler flüchtete am Ende dieses chaotischen Nachmittags erst mal ins Metaphysische. "Normalerweise hat der liebe Gott für so ein Spiel keinen Gewinner ausgemacht", sagte der Sportdirektor von Leverkusen, "vier Tore und trotzdem verloren, das muss man erst mal verkraften".

Roger Schmidt jedenfalls beschwor ebenfalls die Ungnade des Schicksals. "Es ist uns nicht vergönnt, einen Krümel Glück zu haben", jammerte Leverkusens Trainer. Die Zuhörer wunderten sich.

Natürlich ließ sich Dosts Siegtreffer in der dritten Minute der Nachspielzeit, der zur aberwitzigen Pointe eines verrückten Fußballnachmittags wurde, irgendwie als Pech begreifen. Aber Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking hatte schon recht, als er sagte: "Wenn man die ganzen 90 Minuten sieht, war das ein verdienter Sieg".

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Wolfsburg-Stürmer trifft viermal: Tor-Dost
Derart nüchterne Betrachtungen sind bei den Leverkusenern derzeit aber selten, und es scheint fast, als zeige sich dieser Mangel an gedanklicher Klarheit auch im Spiel der Mannschaft. Es ist zu einer Art Prinzip geworden, dass die Schuld für Niederlagen bei irgendwelchen höheren Mächten gesucht wird.

Oder zumindest bei den Unparteiischen

In der vorigen Woche bei der 1:2-Niederlage in Bremen war Bayer tatsächlich benachteiligt worden, die Schuldzuweisungen nach dem Spiel gegen Wolfsburg waren hingegen völlig fehl am Platz. Schmidt und Völler beschwerten sich über eine Gelb-Rote Karte, mit der Emir Spahic des Feldes verwiesen worden war. Der Bosnier hatte Dost während eines Kopfballduells - nicht bösartig, aber völlig unnötig - mit der Hand im Gesicht herumgefuchtelt (82. Minute). Die Regeln ließen Schiedsrichter Bastian Dankert gar keine andere Option.

Schmidt aber fand die Strafe "überzogen", Völler sprach von einem "normalen Zweikampf". Er hoffe, dass der Schiedsrichter "ein schlechtes Gewissen kriegt, wenn er heute Abend Sportstudio guckt". Tatsächlich müsste sich Dankert höchstens den Wolfsburgern gegenüber schlecht fühlen, weil Heung-Min Son vor seinem Treffer zum 1:3 VfL-Torwart Diego Benaglio gefoult hatte.

Trainer Schmidt hatte bereits in der Hinrunde mehrfach mit seltsamen Aussagen Kopfschütteln ausgelöst. Nach dem 0:0 gegen Borussia Dortmund im ersten Rückrundenspiel schrieb der "Kicker": "Sechs Unentschieden zu Hause sind das Ergebnis einer Unzulänglichkeit, die nicht behoben werden kann. Wäre ja halb so wild, wenn man die Größe besäße, die Fans um Geduld zu bitten. Aber im Gegenteil." Immer wieder werde die eigene Herrlichkeit gefeiert und der Misserfolg Kräften jenseits der eigenen Einflusssphäre zugeschrieben.

Das war nach dem Spiel gegen Wolfsburg allerdings nur bedingt möglich. Die erste Halbzeit sei unzweifelhaft eine Katastrophe und "nicht akzeptabel" gewesen, erklärte Schmidt. Deshalb sei es nach der Pause "um unsere Würde als Mannschaft gegangen".

Schmidts Wut muss enorm gewesen sein

Der Trainer hatte in der Halbzeit gleich drei Spieler ausgewechselt, die Leverkusener kämpften danach um jeden Meter. Aber sie übertrieben eben am Ende auch, als das Spiel immer ruppiger wurde und Spahic vom Platz flog.

Das Leverkusener Spiel ist seltsam, es kann phlegmatisch sein, wie in der ersten Halbzeit, oder hoch emotional und mitreißend, wie in der zweiten. Bei der packenden Aufholjagd erzielte allein Son drei Tore, Karim Bellarabi traf zum zwischenzeitlichen 4:4.

Allerdings: Ruhe, Vernunft, Besonnenheit und beharrliche Kontrolle fehlen dem Team zurzeit. Es sind Qualitäten, die der vor einem Jahr entlassene Trainer Sami Hyypiä in den Vordergrund gestellt hatte. Unter Schmidt spielt die Mannschaft attraktiver, doch die obengenannten Tugenden sind verloren gegangen.

Bayer Leverkusen - VfL Wolfsburg 4:5 (0:3)
0:1 Dost (6.)
0:2 Naldo (17.)
0:3 Dost (29.)
1:3 Son (57.)
2:3 Son (62.)
2:4 Dost (63.)
3:4 Son (67.)
4:4 Bellarabi (72.)
4:5 Dost (90.+3)
Leverkusen
: Leno - Hilbert, Kyriakos Papadopoulos, Spahic, Boenisch - Lars Bender (46. Rolfes), Castro - Bellarabi, Calhanoglu (46. Brandt), Son - Kießling (46. Drmic)
Wolfsburg: Benaglio - Vieirinha, Naldo, Knoche, Rodriguez - Arnold (78. Guilavogui), Luiz Gustavo - Caligiuri (90.+1 Sebastian Jung), De Bruyne, Schürrle (71. Hunt) - Dost
Schiedsrichter: Dankert (Rostock)
Zuschauer: 29.227
Gelb-Rote Karten: Spahic wegen wiederholten Foulspiels (82.)
Gelbe Karten: Boenisch (2), Rolfes (2), Kyriakos Papadopoulos (2), Castro (4) - Naldo (4)

insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
jeku 15.02.2015
1. Die Qualität ist da, aber nicht in der Breite....
Leverkusen hat zweifellos Qualität, aber keine Breite im Kader um einen bedingunslosen Konkurenzkampf zu entfachen. So gibt es immer wieder Mitläufer (allen voran Castro), die sich sicher sein können, ihre Spiele zu bekommen. Rudi Völler ist hier zweifellos gefragt, redert aber nur dumm rum !
zauselfritz 15.02.2015
2. Wie gehabt
Hinrunde hui - Rückrunde pfui. Vizekusen war einmal, Loserkusen hat sich eingebürgert.
CobCom 15.02.2015
3. Offenbar sind bei Bayer...
... die eigenen Produkte besonders beliebt und werden reichlich geschluckt. Denn: Wie man nach irregulärem Tor zu eigenen Gunsten, einer nicht gegebenen glatt-roten Karte (der Faustschlag ins Gesicht gegen Arnold in HZ1), den mehrfach nicht bestraften Ringkampfeinlagen durch gelb-belastete Spieler im Mittelfeld und weiteren ungeahndeten taktischen Fouls hinterher noch auf benachteiligt machen kann, ist mir jedenfalls schleierhaft... und sehr unsportlich. B04 hätte bei regelkonformer Ahndung der Fouls das Spiel eigentlich mit 8 Spielern beenden müssen.
petruz 15.02.2015
4. Schmidt
ist einfach unfähig ein Spiel objektiv zu bewerten. In Österreich ist er besser aufgehoben.
chilipalmer1911 15.02.2015
5. Wenn Völler
verliert, ist grundsätzlich jemand anderes schuld. Einen erfolgloseren Manager über Jahre gibts in der ganzen Bundesliga nicht! Er lebt immer noch vom alten Bonus als Spieler, ähnlich wie der Dampfplauderer Beckenbauer. Der kann auch sagen was er will....
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