Drei Thesen zu Leverkusen gegen Dortmund Bayer fehlt es an taktischer Reife

Eine Stunde lang war Bayer Leverkusen gegen Borussia Dortmund das bessere Team, dann entglitt den Gastgebern die Partie. Daran hatten auch Maßnahmen von Heiko Herrlich ihren Anteil.

Kevin Volland (Mitte)
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Kevin Volland (Mitte)

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1. Leverkusen fehlt es an taktischer Reife

Bei der 2:4-Niederlage gegen Borussia Dortmund zeigte Bayer Leverkusen bis zur 60. Minute die beste Leistung der bisherigen Saison. Mit mutigem Pressing, Passsicherheit bei Ballgewinn und dem stetigen Beschäftigen der Dortmunder Außenverteidiger sorgte die Elf von Heiko Herrlich immer wieder für gefährliche Momente vor dem Tor des BVB. Der Lohn: eine 2:0-Führung zur Halbzeitpause, zwei große Chancen zum 3:0 nach Wiederanpfiff. Doch wie schon in so vielen Partien in dieser Spielzeit (Mainz, Rasgrad, Düsseldorf) konnte Leverkusen kein durchgängig kompaktes Spiel über 90 Minuten zeigen.

Nach dem Torschuss von Kai Havertz in der 57. Minute blieb Bayer für eine halbe Stunde nahezu ohne Entlastung. Kein Pressing durch Konter, stattdessen: drei Dortmunder Gegentreffer. Und alle drei Tore waren symptomatisch für die Schwächen der Leverkusener. Beim ersten war ein leichter Ballverlust im Spielaufbau der Auslöser, der zweite Treffer fiel nach einem Konter. Havertz' Kopfball führte zum schnellen Gegenstoß, bei dem Wendell den eingewechselten Jadon Sancho im entscheidenden Duell nicht stellen konnte. Ein Treffer, der auf das Konto fehlender defensiver Balance ging.

Vor dem K.o. durch das Dortmunder 3:2 gab es 17 Ballaktionen der Dortmunder um und im Leverkusener Strafraum, ohne dass ein Abwehrspieler einzugreifen vermochte. Trainer Heiko Herrlich konnte nicht stabilisierend einwirken: Alle drei Wechsel der Leverkusener fanden nach dem 2:2 statt. Fünf Minuten nach seinem finalen Austausch fiel das 2:3 - sämtliche Maßnahmen von außen verpufften.

2. Die Kadergröße macht den Unterschied

Während Herrlich die in dieser Saison enttäuschenden Leon Bailey, Tim Jedvaj und Paulinho ohne positiven Effekt von der Bank bringen musste, entschieden die Wechsel von Lucien Favre die Partie. Der in der Halbzeit für Thomas Delaney eingewechselte Mahmoud Dahoud brachte es nicht nur auf mehr Ballaktionen als sein Vorgänger, sondern vor allem auf deutlich mehr Pässe in der gegnerischen Hälfte zum Mitspieler. Sancho bereitete zwei Treffer vor und ist nun mit fünf Assists der beste Vorlagengeber der Liga. Und da ist ja noch Paco Alcácer. Er erzielte mit seinen Bundesliga-Torschüssen drei und vier seine Treffer Nummer zwei und drei. 20 Spieler hat Favre bislang in der Liga eingesetzt, Ömer Toprak, Mario Götze und Marwin Hitz sind sogar noch ohne Spiel. Das erlaubt Reaktion und Regeneration.

Der Qualitätsunterschied setzt sich in der Tiefe des Kaders fort. Marius Wolf, Raphael Guerreiro und Julian Weigl blieben beim BVB ohne Einsatz, bei Leverkusen ist bereits nach den Ausfällen von Julian Baumgartlinger und Charles Aránguiz ein solches Qualitätsdefizit ablesbar, dass sich bei der Dreifachbelastung Bundesliga, DFB-Pokal und Europa League keine Hoffnung auf schnelle Besserung einstellt. Wenn nur die Inkonstanz konstant ist und die Schlüsselspieler nicht über 90 Minuten in einem passenden taktischen Gebilde vorangehen können, wird es keine Saison werden, die bei einer Offensive mit solchen großartigen Fußballern wie Havertz, Bailey, Julian Brandt und Kevin Volland erwartbar wäre.

3. Dortmunds kluge Transfers sind der Schlüssel

Die Tabellenführung des BVB mag eine Momentaufnahme sein - bereits in der Vorsaison stand man in dieser Phase der Saison auf Platz eins, um danach völlig den Faden zu verlieren. Doch Favre findet in der Komposition seines Kaders Qualitäten, die in drei Wettbewerben zum Vorteil gereichen. Schlüssel sind unter anderem die klugen Transfers, die der BVB im Sommer tätigte, und dabei auch risikoreich dort suchte, wo andere keinen Gewinn sahen. Alex Witsel kam aus der Chinese Super League, Paco Alcácer von der Ersatzbank des FC Barcelona.

Paco Alcácer
DPA

Paco Alcácer

Durch die Verkäufe von Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang stand den Verantwortlichen das nötige Geld zur Verfügung, in dieser Preisklasse zu suchen. Dass sie dabei anscheinend die richtigen Entscheidungen getroffen haben, dürfen sich die Handelnden jedoch positiv zuschreiben lassen. Diese Mannschaft hat Qualität und damit auch die nötige Power: Beim Champions-League-Auftakt in Brügge stand es zehn Minuten vor dem Ende 0:0, in der ersten Pokalrunde in Fürth 0:1 - beide Spiele gewann der BVB. In Hoffenheim lag man zu diesem Zeitpunkt 0:1 zurück und konnte noch ausgleichen. Und jetzt in Leverkusen wurde aus einem 2:2 noch ein 4:2. Es war der erste Auswärtssieg in der Dortmunder Bundesligageschichte nach einem 0:2-Halbzeitrückstand.



insgesamt 4 Beiträge
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Abel Frühstück 30.09.2018
1.
Man muss fairerweise aber sagen, dass Leverkusen das 3:0 auf dem Fuß hatte. Geht er rein, würde der Artikel heute ganz anders lauten. Möglicherweise ein Stück über die falsche Taktik beim BVB und was über zaghafte Transfers. So herum ist es mir aber auch lieber. Für Europa wird es trotzdem schwer bei so vielen jungen Spielern.
skeptikerjörg 30.09.2018
2. Gute Analyse
Aus meiner Sicht eine gute, klare Analyse. Aber sicherlich werden jetzt die ewigen Miesepeter kommen und uns ihre Überzeugen darlegen: 1. Favre ist der völlig falsche Trainer, kann nichts. 2. Zorc und Co. haben keine Ahnung, haben nur Schrott eingekauft, keine Qualität im Kader, etc. 3. Mit Tuchel war alles besser. 4. Qualität verkaufen und junge Talente aufbauen führt in den Abgrund. Gegenwärtig zeigt sich ein anderes Bild, wie im Artikel dargestellt. Es wird nicht ohne Rückschläge gehen, es wird Zeit brauchen, aber es könnte wieder etwas heranwachsen. In der laufenden Saison ist ein Platz unter den ersten 4 ohne Zittern bis zum letzten Spieltag ganz ok. Und in der CL ist alles, was über das Achtelfinale hinausgeht eine Zugabe, die gern genommen wird. Und auch nicht unwichtig, nicht nochmal hinter den Blau-weißen enden.
p.i.s.a. 30.09.2018
3. Das ist doch ...
... langweilig. ;-) Das hatten wir doch alles schon mal. Siehe wiki.. bor.mönchengladbach. Ein kleiner Auszug: In der nächsten Spielzeit1964/65verpflichtete der Verein mit Jupp Heynckes undBernd Ruppwieder junge Spieler, die zum Teil aus der Jugendmannschaft in den Profikader berufen wurden. Das Durchschnittsalter war mit 21,5 Jahren das geringste aller Regionalliga-Mannschaften.[17]Der Spitzname "Fohlenelf"' entstand zum einen durch das geringe Durchschnittsalter der Mannschaft als auch durch die unbekümmerte und erfolgreiche Spielweise. Die Berichterstattung des Reporters Wilhelm August Hurtmanns prägte den Begriff durch Artikel in derRheinischen Post. Er war von der Spielweise der Borussen angetan und schrieb, sie würden spielen wie junge Fohlen. Wenn mein BVB und diese jungen Spieler einen ähnlichen Weg gehen, wie o.g. (Heynckes), bin ich mehr als zufrieden.
brotherandrew 30.09.2018
4. Es ...
... war für mich auch unbegreiflich, wie Leverkusen dieses Spiel noch aus der Hand geben konnte. Mit Händen zu greifen war aber die Verunsicherung nach dem 2:1. Danach zeigte Leverkusen nur noch Angsthasenfussball. Wie auch gegen den FCB. So kann man nicht ins obere Tabellendrittel vorstoßen.
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