Bayer-Niederlage in Barcelona Wenigstens nicht an Unterwürfigkeit gescheitert

Vor drei Jahren ging Bayer Leverkusen in Barcelona unter. Jetzt hat das Team beim Titelverteidiger in der Champions League zwar wieder verloren - aber einen Kampf auf Augenhöhe geliefert. Kann man daraus Kapital schlagen?

Aus Barcelona berichtet


Die Jagd nach Trophäen hat eine gewisse Tradition bei Bayer Leverkusen, wenn es gegen den FC Barcelona geht. 2012 stritten sich die damaligen Spieler Michal Kadlec und Manuel Friedrich bereits in der Halbzeit um das Trikot von Lionel Messi, was als Geste der totalen Unterwürfigkeit gewertet wurde. Bayer verlor 1:7.

Nach der ärgerlichen 1:2-Niederlage beim Weltklub aus Katalonien stand nun am Dienstagabend Christoph Kramer als stolzer Besitzer eines wertvollen Souvenirs vor dem Mannschaftsbus und schwärmte vom Gegner. Der Mittelfeldspieler hatte das Trikot von Luis Suárez ergattert, von dem Mann, der den keinesfalls verdienten Siegtreffer erzielt hatte. "Es gibt vielleicht fünf Spieler auf der Welt, die den so in den Winkel schießen", sagte Kramer bewundernd.

Dieser Moment weckte tatsächlich Erinnerungen an 2012, die Leverkusener hatten wieder mal über die unglaublichen individuellen Fähigkeiten des Titelverteidigers gestaunt. Und dennoch war an diesem Abend alles anders als vor dreieinhalb Jahren, als Bayer vorgeworfen wurde, gegen besonders namhafte Gegner regelmäßig im Zustand einer lähmenden Ehrfurcht zu erstarren. Diesmal schwärmten sie nicht nur vom Gegner, sondern auch von sich selbst. "Wir haben eine herausragende Partie abgeliefert", sagte Roberto Hilbert, und Trainer Roger Schmidt erklärte: "Wir können stolz sein."

Ein Zustand emotionaler Zerrissenheit

Es war ein seltsamer Zustand emotionaler Zerrissenheit, mit dem die Leverkusener das Stadion verließen. Einerseits habe man gesehen, "dass wir uns weiter entwickelt haben", sagte Kapitän Lars Bender, "dass wir wesentlich gefestigter wirken im internationalen Bereich". Dieser Fortschritt ist ein guter Grund zu Freude. Andererseits fühlte sich dieses 1:2 "noch bitterer" an als das 1:7-Debakel beim vorigen Besuch im Camp Nou, sagte Torhüter Bernd Leno. "Weil hier heute mehr drin war".

Bayer-Profi Hilbert: "Weil hier heute mehr drin war"
AP/dpa

Bayer-Profi Hilbert: "Weil hier heute mehr drin war"

Bayer hatte 80 Minuten lang großartig gespielt, und nach einem Kopfballtor von Kyriakos Papdopoulos 1:0 geführt (22.), ein Stellungsfehler von Barcelonas Torhüter Marc-André ter Stegen hatte diesen Treffer begünstigt. Danach spielte der Titelverteidiger lange Zeit wie gelähmt, während die Leverkusener viele gute Kontergelegenheiten auf ein zweites Tor hatten. Die beste vergab Javier Hernández, als er elf Meter vor dem Tor völlig frei zum Abschluss kam. In dieser Phase hätte die Werkself Barcelona "den Zahn ziehen müssen", sagte Kramer. "So vermessen das klingt, wir müssen dieses Spiel heute gewinnen."

Im Video: Christoph Kramer über die Chronologie des Spiels

Tatsächlich befanden sich die Katalanen ohne den verletzten Lionel Messi zwischenzeitlich in einem Zustand der totalen Ratlosigkeit. "Es war ein schwieriger Abend, Bayer hat auf gutem Niveau gespielt, wir hatten einige Probleme", räumte Trainer Luis Enrique ein. Diese Worte erfüllten den Kollegen Schmidt natürlich mit Stolz. "Hier haben wir unsere Spielweise überprüft, es war eine Chance, daran zu wachsen", sagte er.

Mit Schmidts Balleroberungs- und Umschaltfußball kann Bayer erheblich besser mit den Großen mithalten, soviel scheint nach der vorigen Saison und den ersten Eindrücken des laufenden Spieljahrs klar. Besonders kritische Beobachter meinten sogar, diesmal sei der Werksklub nicht an der eigenen Unterwürfigkeit gescheitert, sondern an einer gewissen Neigung zum Übermut.

Der Bundesligist wirkte lange überlegen, wacher, hatte den besseren Plan, aber machte am Ende auch entscheidende Fehler. Vor dem 1:1 verlor Hakan Calhanoglu den Ball während eines ziemlich sinnlosen Dribblings in der eigenen Hälfte, erst dieser Ausgleich durch Sergi Roberto (80.) weckte das Stadion. Und 93 Sekunden später hatte der bis hier fast unsichtbare Suárez zum 2:1 getroffen.

Barca-Stürmer Suárez: Bis zum Siegtreffer fast unsichtbar
REUTERS

Barca-Stürmer Suárez: Bis zum Siegtreffer fast unsichtbar

Dass Bayer dennoch irgendwie zufrieden war, kann nun erneut als Indiz für einen Mangel an Siegeshunger gewertet werden. Diese Schwäche wird dem Klub ja immer wieder vorgeworfen. Aber der Mut und das Engagement, mit dem die Mannschaft spielte, ist zweifellos ein Fortschritt. Am Ende sagte Kramer: "Wir hatten zehn Scheiß-Minuten, und dann nimmst du eben nur Scheiße mit." Dann hielt er sein vom Siegtorschützen erbeutetes Kleidungsstück hoch: "Und natürlich das hier."

Im Gegensatz zu 2012 wird nach diesem starken Auftritt aber niemand Anstoß an der Souvenirjagd nehmen, und vielleicht ist ja auch Suárez ein bisschen froh über den Kleidertausch. Schließlich ist er jetzt im Besitz des Trikots eines Weltmeisters.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
-volver- 30.09.2015
1. :-)
Schön zu sehen: Barcelona ist zwar immer noch unglaublich stark besetzt, jedoch wird aus diesem Team eine ganz normale Mannschaft, wenn Messi nicht dabei ist.
ProbeersEinfach 30.09.2015
2.
Leverkusen bleibt Leverkusen, man konnte sich vor lauter Lachen nicht mehr auf dem Sofa halten. Die versagen wirklich immer auf Kommando, das war so vor einem Jahrzehnt und wird immer so bleiben. Pruuuust. Die Leistung von Bayer sollte man auch nicht so hoch hängen, ohne Messi ist Barcelona gleich nur noch internationel Durchschnittsware, auch wenn die Einzelspieler anderes vermuten lassen würden. Interessant wird es jetzt, da Iniesta ausfällt, Barcelona sollte aufpassen die Gruppenphase zu überstehen und Bayer sollte sich schön ägern, so ein schlagbares Barcelona gibts nicht so oft.
per.roentved 30.09.2015
3. Riesenchance
Schade, Vizekusen hätte den Sieg verdient gehabt. Und in der Tat, Messi macht wirklich ca. 40% von Barca aus, hätte ich nicht erwartet diese Abhängigkeit. Vielleicht müssen sie sich aber auch erst ohne ihn einstellen. Auf jeden Fall hatte Leverkusen zig Konterchancen, und mit Bellarabi ja auch einen pfeilschnellen Mann. Aber sie haben alle Konter unsauber zu Ende gespielt. Und wenn die "kleine Erbse" selbst größte 100%ige Chancen nicht verwertet, ja, was willste machen? Aber bezeichnend auch der Ballverlust von Calhanoglu in der 82.Min. Da will er zaubern, bleibt hängen, und im Gegenzug macht Suarez das Siegtor!
Wunderläufer 30.09.2015
4. Falsch
"Alles richtig gemacht" Wer so verliert, KANN NICHT alles richtig gemacht haben
kajoter 30.09.2015
5. Schönes Ergebnis
Hiermit möchte ich mich outen: Ich halte Bayer, deren Sportdirektor und Trainer - tatsächlich alle Protagonisten für die unsympathischsten und unfairsten in der Bundesliga. Daher nehme ich gerade solche Niederlagen mit einer schadenfreudigen Genugtuung wahr - diese Charakterschwäche gönne ich mir.
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