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07. Februar 2018, 00:26 Uhr

Leverkusens Sieg im Pokal gegen Werder

Wie ein (Alb-)Traum

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Eine Aufholjagd, vier strittige Entscheidungen und drei Traumtore: Leverkusens Sieg gegen Werder war spektakulär. Und die meisten TV-Zuschauer sahen das Spiel nur wegen Paderborner Anwohner.

Szene des Spiels: Wie sollen wir das denn entscheiden? Ein Traumlupfer, eine Traumkombination, eine Traumparade, ein Traumschlenzer, ein gegebener Elfmeter, drei nicht gegebene Elfmeter, eine perfekte Einwechslung - sich auf einen Moment festzulegen, fällt bei dieser Partie schwer. Bezeichnend war letztlich wohl vor allem, dass Jonathan Tah bereits nach zwei Minuten und vier Sekunden Max Kruse im Strafraum foulte - und so für den Auftakt eines traumhaften Fußballspiels sorgte.

Das Ergebnis: Leverkusen gewinnt 4:2 nach Verlängerung (2:2, 1:2) und zieht ins Halbfinale des DFB-Pokals ein. Hier geht's zum Spielbericht.

Die erste Hälfte: Nach gut sieben Minuten stand es 2:0 für Werder, durch ein Elfmetertor von Kruse und einen sehenswerten Lupfer von Aron Jóhannsson - nach Vorarbeit von Kruse. Bayers Defensive schien im Tiefschlaf. Leverkusen kam durch Julian Brandt zurück ins Spiel (siehe: Ein Tor wie ein Gemälde). Bernd Leno bewahrte sein Team vor einem erneuten Zwei-Tore-Rückstand, als er den 30-Meter-Schuss von Florian Kainz mit einer Glanzparade aus dem Winkel holte. So herrschte vor allem bei Niklas Moisander zur Pause Feierstimmung (rechts im Tweet).

Die zweite Hälfte: Vielleicht hatte Moisander zu tief in den Becher geschaut? Jedenfalls leitete sein Fehlpass den Leverkusener Ausgleich ein. Wieder traf Brandt, diesmal mit einem schönen Schlenzer aus etwa 18 Metern. Das Tempo blieb anschließend hoch, das Spiel ausgeglichen, trotz weiterer Torchancen ging es in die Verlängerung.

Die Verlängerung: Leon Bailey, der ansonsten (ausnahmsweise mal) eher unauffällig spielte, setzte einen Freistoß an den Pfosten. Gegen Ende der ersten Hälfte hatte er Glück, keine Rote Karte zu bekommen, als er gegen Thomas Delaney ausschlug. Trotz Ansicht der Videobilder entschied Marco Fritz nur auf Gelb. In der zweiten Hälfte erzielte Karim Bellarabi mit dem ersten Ballkontakt nach seiner Einwechslung die erste Leverkusener Führung, Kai Havertz sorgte für die Entscheidung. Werders Traumstart endete als Alptraum.

VAR da was? Es gab noch einige strittige Szenen, insgesamt hätte es drei Elfmeter mehr geben können. In der ersten Hälfte traf Charles Aránguiz im Strafraum Kruse im Gesicht. Nach der Pause brachte Maximilian Eggestein wiederum Aránguiz zu Boden. Kurz danach bewegte Ludwig Augustinsson den Ball im Sechzehner unglücklich mit dem Arm. In allen Fällen blieb die Pfeife von Schiedsrichter Fritz stumm - und der Video Assistent Referee (VAR) in Köln, Wolfgang Stark, überraschenderweise auch. Aus dessen Sicht lag in allen Szenen offenbar keine klare Fehlentscheidung vor.

Ein Tor wie ein Gemälde: Neun Stationen, sechs Spieler, 16 Sekunden - das ist Leverkusens Treffer zum 1:2 in Zahlen. Von Torwart Leno aus spielte Leverkusen schlafwandlerisch sicher mit vielen schnellen Pässen in die Spitze, bevor Dominik Kohr auf Brandt querlegte und dieser einschob.

Maximaler Einfluss: Max Kruse ist nun an 13 von 27 Pflichtspieltoren beteiligt, die sein Team in der laufenden Saison geschossen hat - obwohl er fünf Partien verletzungsbedingt verpasst hat. Und nebenbei bewahrt der Angreifer sich seine perfekte Elfmeterbilanz.

Paderborn sei Dank: Warum wurde - gefühlt erstmals seit 20 Jahren - eigentlich nicht das Pokalspiel der Bayern im Free TV gezeigt? Weil die Partie in Paderborn nicht zur späten Anstoßzeit stattfinden durfte - eine Klage der Anwohner wegen Ruhestörung ist der Hintergrund. Deshalb sahen die ARD-Zuschauer keinen einseitigen Kantersieg der Münchner, sondern ein packendes Pokalduell.

Erkenntnis des Spiels: Nach einer Viertelstunde durfte man fragen: "Warum spielt Werder gegen den Abstieg und Leverkusen um die Champions League?" Die Gäste zeigten eine gute Leistung, besonders in der Anfangsphase. Aber zu den Bremern der vergangenen Jahre zählt auch, dass das Team nicht konstant genug und zu anfällig ist. Leverkusen stellte nach großen Defensivschwächen einmal mehr seine Qualitäten in der Offensive unter Beweis. Einen so frühen Zwei-Tore-Rückstand zu drehen, zeugt auch von mentaler Stärke. Zusammengefasst: Darum spielt Leverkusen um die Champions League und Werder gegen den Abstieg.

Bayer Leverkusen - Werder Bremen 4:2 nach Verlängerung (2:2, 1:2)
0:1 Kruse (3./Foulelfmeter)
0:2 Jóhannsson (7.)
1:2 Brandt (31.)
2:2 Brandt (55.)
3:2 Bellarabi (111.)
4:2 Havertz (118.)
Bayer Leverkusen: Leno - Lars Bender (79. Henrichs), Tah, Sven Bender, Wendell (114. Retsos) - Kohr (108. Bellarabi), Aránguiz - Bailey, Havertz, Brandt (102. Alario) - Volland
Werder Bremen: Pavlenka - Gebre Selassie, Moisander, Veljkovic, Augustinsson - Maximilian Eggestein (114. Langkamp) - Junuzovic, Delaney - Johannsson (46. Rashica), Kruse, Kainz (91. Belfodil)
Schiedsrichter: Marco Fritz (Korb)
Gelbe Karten: Bailey, Kohr, Wendell / Augustinsson, Eggestein, Gebre Selassie, Moisander
Zuschauer: 27.000

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