Bayer-Sieg in London Das Gegenteil von Lotte

Eine Woche nach dem Pokalaus beim Drittligisten Lotte hat Leverkusen in Wembley gewonnen. Vor der größten Kulisse seiner Vereinsgeschichte. Ja was denn nun: Ist Bayer eigentlich eine Spitzenmannschaft?

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Aus London berichtet


Es sah auf den ersten Blick aus wie eine Prozession der geschlagenen Helden. Kevin Kampl konnte nur mit stützender Hilfe zweier Betreuer den Weg ums Spielfeld bewältigen. Einige Schritte hinter ihm humpelte Charles Aránguiz. Auch er, wie Kampl, verletzt ausgewechselt. Aber die beiden Leverkusener Fußballer waren keine Verlierer. Sie waren hauptverantwortlich dafür, dass Bayer Leverkusen in diesem Moment, zwei Minuten vor Schluss, im Londoner Wembley-Stadion gegen Tottenham Hotspur führte.

Kampl hatte nach einer Mischung aus Vorlage und Schussversuch von Aránguiz das 0:1 erzielt, es sollte das einzige Tor des Abends bleiben beim ersten Saisonsieg von Leverkusen in der Champions League. Weder Kampl noch Aránguiz hatten in dieser Situation einen Blick für das, was sich auf den Rängen zutrug. Bereits 20 Minuten vor Schluss verließen die ersten Zuschauer das große Stadion. Als die beiden Verletzten sich auf den Weg zurück zur Trainerbank machten, waren schon viele Tausend leere rote Sitzschalen zu sehen.

Acht Tage vorher war das Szenario noch ein ganz anderes gewesen: Am Teutoburger Wald war Bayer gegen den Drittligaaufsteiger Sportfreunde Lotte aus dem DFB-Pokal ausgeschieden. In Überzahl. Das kleine Frimo-Stadion war da nicht einmal ganz ausverkauft gewesen. Und jetzt Wembley. Dort waren zehnmal so viele Zuschauer anwesend wie in Lotte, mehr als 85.000. Vor so vielen Menschen hatte Bayer 04 in seiner Vereinsgeschichte noch nie gespielt.

Die wahre Stärke gezeigt?

Trainer Roger Schmidt sprach nach dem Spiel von einer "unglaublichen Atmosphäre", gestand aber auch, es sei vielleicht ein Vorteil gewesen, nicht an der White Hart Lane zu spielen. Tottenhams eigentliches Heimstadion wird gerade neu gebaut, deshalb trägt der Klub seine Champions-League-Heimspiele in Wembley aus. Schmidt wirkte begeistert, "hier den Sieg zu holen", seine Mannschaft habe "richtig gut Fußball gespielt".

Das stimmte zwar. Aber wer die Leistungen der Werkself verfolgt, reibt sich dennoch die Augen. Nach drei Unentschieden in der bisherigen Champions League hat Leverkusen nun ausgerechnet das nominell schwerste Spiel der Gruppe gewonnen. Das erinnert an die Bundesliga. Auch dort hat Schmidts Team den bisher stärksten Gegner, Borussia Dortmund, besiegt, aber in Bremen verloren und gegen Augsburg zu Hause nur 0:0 gespielt.

Wenn es nach Schmidt geht, ist die Sache klar. Schon die bisherigen Unentschieden in der Champions League seien unglücklich gewesen. Mit anderen Worten: Die wahre Stärke seiner Mannschaft habe man in London gesehen. Tatsächlich war vor allem Bayers Spiel gegen den Ball sehr gut. Das Pressing setzte die Spurs von Beginn an unter Druck und führte dazu, dass die Gastgeber selten kontrolliert aufbauen konnten.

Der Unterschied zu einer echten Spitzenmannschaft

Wenn es die Londoner Ballzirkulation dann doch mal in die gegnerische Hälfte geschafft hatte, überzeugte auch Leverkusens tiefe Strafraumverteidigung. Nicht zuletzt deshalb, weil Ömer Toprak ein sehr starkes Spiel zeigte. Und offensiv? Kampls Treffer entsprang einem langen Abschlag von Keeper Bernd Leno. Die beiden größten Chancen, die die Mannschaft neben dem Tor hatte, waren jeweils Folge individueller Fehler von Tottenham-Verteidigern.

Diese Fehler erzwangen Julian Brandt und Javier Hernández zwar jeweils mit aggressivem Anlaufen. Aber Leverkusens Spielansatz ist bei aller Intensität und Aggressivität im Kern reaktiv. Daran ist nichts ehrenrührig. Es können nicht alle Teams gleichzeitig Ballbesitzfußball zelebrieren. Sogar der Sieg in Wembley hat aber offenbart, dass der Gegner die richtigen Räume anbieten oder einen bestimmten Spielstil pflegen muss, damit Bayer wirklich glänzen kann. Das unterscheidet Leverkusen zum Beispiel von einer Spitzenmannschaft wie Atlético Madrid.

Diese Perspektive kommt der Wahrheit über das Wesen von Bayer Leverkusen wohl näher als die Erzählung vom großen Pech oder der rätselhaften Inkonstanz der Mannschaft, die innerhalb und außerhalb des Vereins immer wieder bemüht wird. Aber das muss ja nicht so bleiben. Die kommenden Wochen geben Schmidt und seinem Team die Chance, das Achtelfinale der Champions League zu erreichen. Dazu spielt Bayer in der Bundesligahinrunde noch gegen vier der ersten fünf der Tabelle.

Am Wochenende aber steht erst einmal ein Härtetest ganz anderer Art an (Sa, 15.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE): ein Heimspiel gegen Darmstadt 98. In Wembley gewinnen kann dagegen ja jeder.



insgesamt 8 Beiträge
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swf3 03.11.2016
1. Bei Bayer
muss der Sportvorstand um die Herren Völler und Schade auf den Prüfstand. Es ist keine Konztanz der Leistung vorhanden.Wie der Autor schon schreibt, müssen bestimmte Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Gestalten von Spielen gegeben sein. Bei der hohen Qualität des Kaders ein Unding. Die Völler -Ära steht für Erfolglosigkeit und Stillstand und muss hinterfragt werden. Bin gespannt wie lange dieses Theater noch dauert.........
option13 03.11.2016
2. Schade
An 6 von 7 Tagen schiessen die Spurs Leverkusen aus dem Stadion.
AVFC1969 03.11.2016
3. Die Hotspurs ....
Zitat von option13An 6 von 7 Tagen schiessen die Spurs Leverkusen aus dem Stadion.
... sind ein ähnlich veranlagter Klub wie Bayer 04; stets hochbegabt, aber seit mehr als 20 Jahren titellos. In Wembley haben die Hotspurs noch gar niemanden aus dem Stadion geschossen. Das erste CL-Heimspiel haben sie gegen Monaco verloren. Und auch an der White Hart Lane wird seit dem Ausfall von Kane keiner abgeschossen. Die letzten Spiele in England endeten 1:1 (vs. Leicester), 1:2 (vs. Liverpool), 0:0 (vs. Bournemouth) und 1:1 (vs. West Brom). Leverkusen hingegen hat bisher keines seiner vier CL-Spiele verloren. Weshalb die Spurs nun an 6 von 7 Tagen die Werkself aus dem Stadion schießen würden, erschließt sich nicht. Bei aller Abneigung gegen Bayer Leverkusen sollte man trotzdem mal einen Blick auf die Fakten werfen.
vorortkoelner 03.11.2016
4.
Damit man Spiele gewinnt, müssen immer Fehler des Gegners passieren. Gegen eine perfekte Mannschaft zu spielen und zu gewinnen ist nur schwer möglich, kommt in der Realität aber glücklicherweise nicht allzu oft vor. Alle Teams machen im Laufe der 90 Minuten Fehler, egal ob aus eigenem Unvermögen oder erzwungener Maßen. Die Qualität liegt darin, diese Fehler auch auszunutzen. Daran hatte es tatsächlich in den ersten drei CL-Spielen der Leverkusener gemangelt.
der_wirtschaftswaise 03.11.2016
5. Qualität-Charakter
Genau wie Wolfsburg letztes Jahr. In der CL erstklassig, in der BL erbärmlich. Hat nix mit Qualität des Kaders zu tun, sondern mit dem Charakter der Spieler. Nur wenn die Großen auch zusehen, lohnt es sich, Gas zu geben... Auch hier fast nur Draxlers.
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