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Bayer-Pleite gegen Barça Trikotjagd statt Torschuss

Für mehr als Schadensbegrenzung reichte es nicht. Beim Champions-League-Spiel gegen Barcelona trat Bayer Leverkusen ohne Mut und Durchschlagskraft auf. Dabei hätten die Akteure für einen Sieg nur jenen Einsatz aufbringen müssen, den sie bei der Jagd nach Lionel Messis Trikot zeigten.

Genau nach einer Stunde Spielzeit demonstrierte Josep Guardiola, welche Bedeutung er dem Spiel gegen Bayer Leverkusen beimaß: Der Trainer des FC Barcelona wechselte Andrés Iniesta aus. Beim Stand von 2:1 aus Sicht der Spanier entschied sich der 41-Jährige dafür, den genialen Mittelfeldspieler des Champions-League-Titelverteidigers vom Platz zu nehmen. Dabei war Iniesta weder verletzt noch formschwach. Er sollte einfach nur geschont werden.

Zuvor wurden bereits Gerard Piquét und Xavi für nicht fit genug befunden, David Villa konnte wegen seines Schienbeinbruchs eh nicht mitwirken. Und so fehlten dem FC Barcelona schon von Beginn an drei spanische Weltmeister, mit Iniesta ging der vierte. Zu diesem Zeitpunkt standen mit Cesc Fàbregas, Carles Puyol, Daniel Alves und dem dreimaligen Weltfußballer Lionel Messi noch einige formidable Fußballer auf dem Platz. Für die Gastgeber aus Leverkusen war auch das sichtlich zu viel.

Leverkusen im Stile einer Handball-Mannschaft

Das Team bekam bei der 1:3 (0:1)-Niederlage gegen Barça eine Sonderlektion in puncto Ballbeherrschung, Passgenauigkeit, Disziplin, Kaltschnäutzigkeit und Mut. "Wir hatten heute leider keine echte Chance", brachte es Michal Kadlec auf den Punkt. Dabei hätte Bayers Außenverteidiger aber noch erwähnen müssen, dass sich die Werkself bereits vor dem Spiel selbst um jede Siegchance gebracht hatte.

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Bayer vs. Barça: Doppelter Sánchez, glückloser Castro

Foto: Getty Images

Trainer Robin Dutt schickte seine Mannen im Stile einer Handball-Mannschaft aufs Feld. Die Mannschaft agierte mit zwei tief stehenden Defensivriegeln und insgesamt neun Spielern, die allesamt rund um den eigenen Strafraum positioniert wurden. Bayer schien im eigenen Stadion überhaupt nicht darauf ausgerichtet zu sein, Tore erzielen zu wollen, sondern versuchte nur irgendwie keinen Gegentreffer zu kassieren.

Das eigene Pressing begann erst etwa 30 Meter vor dem eigenen Tor. Im Angriff sollte André Schürrle, nominell offensiver Mittelfeldspieler, für Gefahr sorgen. Er hatte in der gesamten ersten Halbzeit nicht einen Torschuss. Stattdessen überließ Leverkusen den Katalanen das Feld und den Ball. Im ersten Durchgang zählten die Statistiker 78 Prozent Ballbesitz zugunsten der Spanier. Leverkusen fokussierte sich auf eine Mischung aus italienischem Catenaccio und englischem Kick and rush.

Barcelona wäre über die Außen zu bezwingen gewesen

Bayers Mauertaktik funktionierte nur bis zur 41. Minute. Dann zerschoss ein genialer Außenristpass von Messi auf Alexis Sánchez alle Leverkusener Abwehrträume. Kadlec und Innenverteidiger Manuel Friedrich, die das Gegentor in einer Co-Produktion verbockt hatten, zeigten anschließend mehr Einsatzbereitschaft - allerdings ging es dabei weniger um den Ausgleich.

Das Duo eilte mit dem Halbzeitpfiff in strammem Tempo auf Messi zu und diskutierten mit großer Vehemenz mit dem Argentinier darüber, wer das durchgeschwitzte Trikot der Nummer zehn ergattern darf. "Manuel hat es mir quasi vor der Nase weggeschnappt", sagte Kadlec. Messi war jedoch so gütig und versprach dem Tschechen nach dem Schlusspfiff das zweite Jersey.

Scheinbar beflügelt von dem versprochenen Souvenir jagte der 27-Jährige Kadlec zu Beginn der zweiten Hälfte immerhin eine Flanke per Kopf ins Netz (52.) und demonstrierte damit, dass Barcelona sehr wohl Schwachpunkte besitzt. Dazu gehört das Spiel über die Außen genauso wie hohe Bälle auf die relativ kleinen Innenverteidiger. "Wir haben wirklich viel versucht, aber die hatten auf fast alles eine Antwort", sagte Leverkusens Simon Rolfes, der drei Minuten nach dem Ausgleich die erneute Führung durch Sánchez bestaunen durfte. "Das Problem an dem Spiel war: Man muss dem Ball so lange hinterlaufen, dass man erschöpft ist, wenn man ihn dann mal hat", sagte Rolfes. Damit meinte er auch und vor allem Messi.

"80 Minuten steht Messi auf dem Platz wie ein bedröppelter Junge und macht den Eindruck als könnte er gar kein Fußball spielen. Aber dann explodiert er einfach aus dem Nichts", sagte Stefan Reinartz. Reanto Augusto nannte den Argentinier "einfach unglaublich, genial", und Dutt sprach von "einem großartigen Spieler".

Da war sie wieder, die Bayer-Ehrfurcht der ersten Halbzeit. Sie scheint den Werksclub-Kickern und -Verantwortlichen jede Hoffnung, jede Träumerei, jeden Mut genommen zu haben. Stattdessen vergleicht Reinartz die Chance auf das Erreichen des Viertelfinals mit dem Gewinn beim Lotto, Kadlec spricht von einem "Weltwunder". Doch für das Ausscheiden in zwei Wochen gibt es immerhin einen netten Trost: Lionel Messi wird wieder zwei Trikots verschenken.

Bayer Leverkusen - FC Barcelona 1:3 (0:1)
0:1 Sánchez (41.)
1:1 Kadlec (52.)
1:2 Sánchez (55.)
1:3 Messi (88.)
Leverkusen: Leno - Corluka (90.+1 da Costa), Schwaab, M. Friedrich, Kadlec - Rolfes (77. Kießling), Reinartz - L. Bender, Castro, Schürrle (90. Bellarabi) - Renato Augusto
Barcelona: Víctor Valdés - Dani Alves, Mascherano, Puyol, Abidal - Fàbregas, Busquets, Iniesta (60. Thiago Alcántara) - Sánchez (85. Cuenca), Messi, Adriano (69. Pedro)
Schiedsrichter: Thomson (Schottland)
Zuschauer: 29.400 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Schwaab, Corluka, Castro (2) - Alcántara

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