kicker.tv

Bayer-Sieg gegen Chelsea Rheinland im Rausch

In letzter Minute hat der Underdog die Superstar-Truppe besiegt - und zieht damit vorzeitig ins Achtelfinale der Champions League ein. Den Triumph gegen den FC Chelsea verdankt Leverkusen vor allem seinem heftig kritisierten Trainer: Coach Dutt bewies gegen die Engländer großen Mut.

Als Robin Dutt eine knappe Stunde nach Abpfiff mit einem Kommentar zum Spiel konfrontiert wurde, musste zunächst einmal die Urheberfrage geklärt werden. "'Sensationell gewechselt' - wer hat das gesagt?", erkundigte sich Leverkusens Trainer. "Rudi Völler? Na, der hat ja auch viel Erfahrung", sagte Dutt und lächelte entspannt.

Doch die anstrengenden, teils tristen ersten Monate bei Bayer konnte der 46-Jährige auch in seinem bislang glücklichsten Moment beim Werksclub nicht ganz vergessen. "Dass das mit den Wechseln gutgeht, ist hinterher schön. Wir wissen aber auch, welche Frage ich gestellt bekommen hätte, wenn es schief gegangen wäre", sagte Dutt und verabschiedete sich nach Bayers 2:1-Sieg gegen den FC Chelsea, der gleichbedeutend war mit dem vorzeitigen Sprung ins Achtelfinale der Champions League (siehe Kasten).

Dutt ging im stillen Genuss gelungener Wechsel, von denen Sportchef Völler vor allem einen lobte: den Tausch in der 71. Minute, als Eren Derdiyok für Außenverteidiger Michal Kadlec kam und zwei Minuten später Chelseas Führung durch Didier Drogba (48.) egalisierte. Bayers Abwehrspieler waren offenkundig verwirrt über Dutts ungewöhnlich offensive Maßnahme, stand Mittelfeldmann Sidney Sam auf Bayers linker Seite doch nun völlig allein. Trotzdem gab der 23-Jährige die Vorlage zu Derdiyoks Kopfballtreffer.

Fotostrecke

Champions League: Friedrichs fulminanter Schlusspunkt

Foto: Joern Pollex/ Bongarts/Getty Images

"Das war wieder ein Zeichen für den Trainer", sagte Derdiyok, der aktuell ein Reservistendasein führt. Weil Stammstürmer Stefan Kießling in der Liga aber seit Anfang Oktober nicht mehr getroffen hat und gegen Chelsea zudem recht schusselig agierte, könnte Derdiyoks Wartezeit jedoch bald beendet sein. Ähnliches gilt für die Sehnsucht nach erfolgreichem und zudem berauschenden Fußball. Denn daran hat man sich in den vergangenen Jahren in Leverkusen gewöhnt.

Völler formulierte Leverkusens Aussichten in der K.o.-Runde der Königsklasse so: "Wenn wir dann mit so viel Herz und Leidenschaft wie gegen Chelsea spielen, und dazu noch ein bisschen fußballerische Qualität reinbringen, können wir dort für Überraschungen sorgen." Hoffnungen machte ihm der neuerdings mutige Dutt, der eine Viertelstunde vor der Derdiyok-Einwechslung schon durch den Tausch von André Schürrle (offensives Mittelfeld) für Daniel Schwaab (Rechtsverteidiger) auffiel.

Dutt sorgt mit waghalsiger Taktik für Begeisterung

Den bemerkenswerten Triumph auf internationaler Bühne schrieb zwar auch Leverkusens Coach vorrangig der "leidenschaftlichen Leistung" seines Teams zu, erwähnte zugleich aber mit vorsichtigem Stolz: "Wir sind Tabellenführer vor Chelsea und Valencia, haben in der Champions League alle drei Heimspiele gewonnen, wobei die Mentalität der Mannschaft immer gut war." Und: "Die Abstände der guten Spiele zueinander werden bei uns auch immer kleiner." Mit seiner waghalsigen Taktik hatte er sogar in der oft etwas schläfrig wirkenden Arena echte Begeisterung entfacht.

Dabei zahlte sich an diesem Abend für ihn auch das Vertrauen in den wackligen Abwehrchef Manuel Friedrich aus, der nicht nur bei Drogbas Tor zum 1:0 unsicher und zögerlich wirkte: In der Nachspielzeit wuchtete der 32-Jährige den Ball nach einem Eckstoß zum 2:1 ins Netz. "Für Manuel freut es mich besonders", betonte sein Trainer später, und kommentierte Friedrichs Siegtreffer: "Dass er ein super Kopfballspieler ist, wissen wir alle."

Doch seit Mittwochabend wissen die unter Dutt meist zaghaften Profis noch mehr. "Wir verkaufen uns immer ein bisschen unter Wert", analysierte Michael Ballack die bisherige Saison des Vizemeisters. "Es ist besser, wenn man auf dem Platz nicht alles dem Zufall überlässt."

Das Leverkusener Wir-Gefühl muss nach Ansicht des aufblühenden Ballacks dringend forciert werden. Dutt fing nach dem Erfolg über die überwiegend behäbigen Engländer schon einmal mit dem Ich-Gefühl an. "Das war ein Spiel mit Endspielcharakter - und da muss man schon mal besondere Entscheidungen treffen", sagte er und freute sich mit Blick auf die Wechsel über das eigene glückliche Händchen: "Ab und zu wird man für seinen Mut auch mal belohnt."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.