Bayer-Trainer Heynckes "Das war schlimmer als die Morddrohungen"

Es ist vielleicht das überraschendste Comeback des Jahres: Jupp Heynckes ist wieder da und schaut sich die Bundesliga-Tabelle von oben an. Im Interview mit dem Magazin "11FREUNDE" spricht Leverkusens Trainer über Bayer und Bilbao, alte Werte, neue Gelassenheit - und wahnsinnigen Ehrgeiz.

Bayer-Coach Heynckes: "Da habe ich gedacht: Jetzt hörst du als Trainer auf"
Getty Images

Bayer-Coach Heynckes: "Da habe ich gedacht: Jetzt hörst du als Trainer auf"


Frage: Herr Heynckes, Sie haben vor vielen Jahren einmal gesagt, dass Sie mit spätestens 60 nicht mehr auf der Trainerbank sitzen wollen. Was sagen Sie nun, mit 64?

Heynckes: Im Laufe eines Trainerlebens sagt man so einiges. Aber Sie haben schon Recht: Ich bin jetzt seit 1979 Cheftrainer, bei verschiedenen Bundesliga-Clubs, im In- und Ausland. Während dieser Zeit glaubt man nicht immer, dass man mit über 60 noch als Trainer fungieren wird.

Frage: Warum haben Sie in Leverkusen unterschrieben?

Heynckes: Ein triftiger Grund war, dass die fünf Wochen bei Bayern München viel Spaß gemacht haben. Ich habe gemerkt, dass mir die Arbeit mit jungen Menschen etwas bedeutet. Natürlich habe ich auch gewusst, dass Bayer Leverkusen eine talentierte Mannschaft mit vielen jungen Spielern hat, die immer wieder hervorragenden Fußball spielte, aber letztlich die Konstanz vermissen ließ.

Frage: Sie mussten der Elf beibringen, dass es auch für ein schmutziges 1:0 drei Punkte gibt.

Heynckes: Das habe nicht ich gesagt, das kam von einem Journalisten. Ich habe nur gesagt, dass man enge Spiele gewinnen muss, auch wenn es nicht immer attraktiv aussieht. Bayer 04 hat stets Angriffsfußball gespielt, so wie die Spieler gerade drauf waren: Wenn es gut geht, geht es gut, wenn nicht, haben wir Pech gehabt. Das ist natürlich nicht meine Philosophie.

Frage: Was ist denn Ihre Philosophie?

Heynckes: Zunächst mal braucht es eine gute Defensivorganisation. Jeder muss wissen, was er in der Vorwärts- und Rückwärtsbewegung zu leisten hat. Ein gutes Spiel ist abhängig von taktischer Ordnung und taktischer Disziplin. Ich habe versucht, der Mannschaft einiges mit auf den Weg zu geben: dass man Schiedsrichterentscheidungen respektiert, sich nicht verbal mit dem Gegenspieler auseinandersetzt und nicht vom Publikum beeinflussen lässt.

Frage: Kaum einer ist als Spieler und Trainer so lange in der Bundesliga wie Sie. Wie hat sich der Fußball in all den Jahren verändert?

Heynckes: Rasant. Auf dem Platz, aber auch außerhalb, wenn man die Vermarktung sieht. Wenn Sie heute den Fernseher einschalten, können Sie es fast nicht mehr vermeiden, Fußball zu schauen. Früher hat man sich drei Tage auf ein Länderspiel gefreut, das übertragen wurde.

Frage: Und auf dem Platz?

Heynckes: Früher hatte man viel mehr Raum. Wenn ich heute acht gegen acht trainieren lasse, auf zwei kleine Tore, mache ich das, weil ich meine Spieler dazu bringen muss, auf reduziertem Raum Lösungsmöglichkeiten zu finden. Im Spiel machen defensiv eingestellte Mannschaften die Räume so eng, dass man das im Training immer wieder simulieren muss.

Frage: Hat das den Job als Trainer anspruchsvoller gemacht?

Heynckes: Natürlich. Heute ist alles viel schneller, athletischer. Ich bin ein Verfechter von präzisem Passspiel. Der Ball, das Passspiel, Laufwege, Doppelpässe - das ist das A und O! Damit sind die Spanier Europameister geworden.

Frage: Sie haben lange in Spanien gearbeitet. Hat es Sie damals eher zufällig ins Ausland verschlagen?

Heynckes: Nachdem ich vier Jahre bei Bayern München war, stellte sich die Frage: Kann ich in der Bundesliga noch etwas Höheres erreichen? Als das Angebot von Athletic Bilbao kam, habe ich mir gesagt: "Komm, geh' das Abenteuer ein." Das war sicher ein gewagter Schritt, weil ich kein Spanisch sprach, im Nachhinein war es aber eine große Bereicherung, als Trainer und Mensch.

Frage: War es schwieriger, Bilbao und Teneriffa in den Uefa Cup zu führen, als mit Real Madrid die Champions League zu gewinnen?

Heynckes: Nein, das war auch schwierig! Wenn Real das nach 32 Jahren endlich wieder schafft, ist das schon etwas Außergewöhnliches. Das eine ist mit dem anderen nicht zu vergleichen, es hängt ja auch immer von den Zielsetzungen der Vereine ab. Daran scheitern heute viele junge Trainer, die es wesentlich schwerer haben als ich zu meiner Zeit. Bei den Clubs gibt es keine Geduld mehr. Wenn ich sehe, dass ein Trainer seine Sache gut macht, motiviert ist, motivieren kann und über eine gute Menschenführung verfügt, muss ich ihn unterstützen und nicht nach zwei oder drei Niederlagen einknicken.

Frage: Haben Sie heute mehr Spaß im Job?

Heynckes: Mit dem Spaß ist das so eine Sache beim Fußball. Neulich haben wir zur Pause 3:0 gegen Nürnberg geführt, aber habe ich deshalb das Spiel genießen können? Ich muss doch die Mannschaft antreiben, den Vorsprung zu konservieren und möglichst auszubauen.

Frage: Hat doch funktioniert, das Spiel ist 4:0 ausgegangen.

Heynckes: Ja, aber warum? Weil ich in der Halbzeitpause ganz energisch nachgehakt habe. Ich kann mich erinnern, dass wir mal mit den Bayern bereits Meister waren und danach noch in Nürnberg spielen mussten. Da haben Ulrich, also Uli Hoeneß, und ich dagesessen und konnten endlich mal ein Spiel genießen. Aber sonst doch nicht!



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.