Bayer-Trainer Labbadia Brunos Weg

Die Mischung stimmte, als Bruno Labbadia in Leverkusen unterschrieb: Ein besessener Trainer und ein Club, der nach Erfolg lechzte. Nun sieht sich der Coach als Opfer einer Kampagne, sein Kapitän kritisiert ihn öffentlich - die Trennung scheint unvermeidbar. Eine Analyse von Christian Gödecke.


Es könnte sein letztes Spiel für Bayer Leverkusen gewesen sein. Vielleicht ahnte Bruno Labbadia dies, als er mit hinter dem Rücken verschränkten Armen über den Rasen des Berliner Olympiastadions lief. Ein kurzer Händedruck für Rudi Völler, ein Klaps für Torwart René Adler, auch der Bremer Naldo kam vorbei und gab dem Bayer-Trainer die Hand. Schiedsrichter Helmut Fleischer sagte Labbadia auch noch Danke, dann schaute der Coach immer wieder in die Berliner Nacht.

Und plötzlich stand er ganz allein. Seine Mannschaft hatte sich in die Kurve zu den Fans geschleppt, mit hängenden Köpfen, jeder für sich. Irgendwann kamen sie alle zurück, aber niemand ging zum Trainer. Alle wahrten den Abstand.

Das alles sah nach einem Abschied aus - und dem Ende eines Experiments, das noch vor einem halben Jahr als das vielversprechendste im deutschen Fußball galt.

Bayer, der ewige Zweite, spektakulär mitunter, aber erfolglos. Und Labbadia, der Besessene, für den ein zweiter Platz nur der des ersten Verlierers ist. Das schien zu passen.

Labbadia ist ein Wahnsinniger im positiven Sinne. Einer, der sich dermaßen mit seiner Arbeit identifiziert, dass sich Menschen aus seinem nächsten Umfeld auch schon Sorgen um seine Gesundheit gemacht haben. Hingabe bis zur Selbstaufgabe - das ist, was ein Verein bekommt, der Bruno Labbadia verpflichtet. Auch für Bayer Leverkusen war genau das der Grund, den aufstrebenden Coach zu holen - die Fußballverrücktheit gepaart mit dem Versprechen aus des Trainers Zeit bei Greuther Fürth, aus wenig Geld viel Erfolg zu machen.

Nach einem halben Jahr bei Bayer gab Labbadia SPIEGEL ONLINE ein Interview, in dem er davon sprach, wie er für die Aufgabe in Leverkusen sein Familienhaus in Darmstadt aufgab, um alle Brücken hinter sich abzureißen und dass er sich schnell im neuen Club heimisch gefühlt habe. Er sagte auch, dass es "das Größte sein muss, was ich gerade tue. Ich muss immer das Gefühl haben, dass es derzeit der beste Verein für mich ist, bei dem ich gerade arbeite. Ich brauche Begeisterung für meine Arbeit", so Labbadia.

Ein halbes Jahr später, ausgerechnet einen Tag vor dem so wichtigen Pokalfinale, hat Labbadia wieder ein Interview gegeben, diesmal der "Süddeutschen Zeitung". Begeisterung sucht man dort vergeblich. Vielmehr beschreibt Labbadia resigniert, wie aus der so vielversprechenden Beziehung zwischen ihm und dem Club eine Verbindung der Missverständnisse wurde. Es ist davon die Rede, dass Bayer den Wunsch zur Veränderung gehabt habe, aber Labbadia mit seinen Ansprüchen dann angeeckt sei. Der Trainer wollte den Club "raus aus der Komfortzone" holen - was sich wohl nicht nur auf die Anforderungen an die Spieler bezog, sondern ausdrücklich auch auf das Anspruchsdenken des Vereins, sich mit weniger als der Meisterschaft zufriedenzugeben.

Schließlich spricht der Trainer auch expressis verbis von einer Kampagne gegen sich, namentlich nennt er sogar Bayers Sportmanager Michael Reschke, mit dem er "eigentlich von Anfang an keine gemeinsame Arbeitsebene gefunden" habe. Jeder PR-Berater wird Labbadia für diese Formulierung loben, die ja nichts anderes bedeutet, als dass man sich nichts zu sagen hat. Nach dem verlorenen Pokalfinale erneuerte Labbadia diese Kritik. "Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als wenn Menschen Intrigen spinnen und auch nichts auf den Tisch bringen, wenn etwas im Raum steht", sagte der Coach.

Kann das Verhältnis zu Manager Reschke überhaupt noch gerettet werden, allein mit Professionalität? "Es gibt Punkte, die ich so nicht mehr akzeptieren werde, denn ich habe eine klare Linie. Es gibt Dinge, die nicht so gut waren. Die haben mit dem näheren Umfeld zu tun. Die müssen verändert werden", sagte Labbadia in Berlin. Das klingt nicht so, als gebe es eine Zukunft mit Reschke, der außerdem als "linke und rechte Hand" von Sportdirektor Rudi Völler gilt, seit 30 Jahren im Verein ist und mal Jugendtrainer war. Er ist mit Bayer verheiratet - im Vergleich dazu haben sich Labbadia und sein Club gerade mal kennengelernt.

"Wenn man zurückliegt, sollte man schon mehr Risiko gehen"

Die Zeichen stehen auf Trennung, denn auch die Mannschaft scheint nicht mehr hinter dem Trainer zu stehen. Es gebe viele Gründe für den Einbruch in der Rückrunde, "ich will aber nicht näher darauf eingehen", sagte Kapitän Simon Rolfes, um schließlich im Hinblick auf das Pokalspiel Labbadia noch einen mitzugeben: "Wenn man zurückliegt, sollte man schon mehr Risiko gehen." Rolfes sprach damit auf Labbadias Entscheidung an, erst in der 85. Minute einen dritten Stürmer einzuwechseln.

Gerade ein halbes Jahr ist vergangen, in dem sich Bayer Leverkusen vom spektakulär spielenden Meisterschaftsanwärter zum Durchschnittsclub gewandelt hat. Was ist passiert? Wie können sich ein Club und Trainer so schnell so fundamental auseinander leben? Man fragt sich auch, warum Labbadia ein derart brisantes Interview just einen Tag vor dem wichtigsten Spiel des Jahres gab und damit zusätzlich für Unruhe sorgte. "Stil und Zeitpunkt waren unglücklich. Wir müssen jetzt versuchen, einen Kompromiss zu finden", sagte Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser.

Dabei ist der Zeitpunkt viel mehr ein Indikator, wie es wirklich in Labbadia aussieht. Seit Wochen wird in Leverkusen nicht darüber geredet, ob der Trainer entlassen wird, sondern wann. Labbadia hat auch dann noch geschwiegen, als Gerüchte über einen Wechsel nach Hamburg aufkamen. Als Holzhäuser am Mittwoch einen Treueschwur verweigerte und sagte, auch ein Pokalsieg werde nicht dazu führen, dass alles gut sei, trat Labbadia die Flucht nach vorn und setzte ein deutliches Zeichen.

Es scheint, als habe der Mann den Glauben an die bedingungslose vereinsinterne Unterstützung verloren, die jeder Trainer für seine Arbeit braucht. Nicht ohne Grund lobt Labbadia in jedem Gespräch den Fürther Präsidenten Helmut Hack als Beispiel für den Umgang zwischen Übungsleiter und Vereinsspitze. "Ich mache mir Gedanken. Ich bin dafür geholt worden, um Dinge zu verändern. Die Dinge dann aber zu verändern, ist manchmal nicht so einfach", sagte Labbadia in Berlin. Und es klang nicht so, als werde sich daran noch etwas ändern.

insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
Dylan1941, 30.05.2009
1.
Hoffe nicht das er zum HSV kommt, einen falschen Fuffziger haben wir gerade gehen lassen - da braucht der nächste Blender nicht kommen .
Dylan1941, 30.05.2009
2.
Achja ! Trotzdem Bayer viel Glück gegen Bremen und nehmt den DFB Pokal mit in den Kölner Vorort !
shokaku 30.05.2009
3.
Kein Grund das so hoch zu sterilisieren. ;-) Wer heute Abend verliert, bei dem brennt eh der Baum. Ist ja nicht so, als ob Bremen oder Leverkusen in der Liga die Erwartungen erfüllt hätten. Und für Labbadia findet sich zur Not ein gemütliches Plätzchen in der Pfalz.
aloiswester 30.05.2009
4. Fußlümmelei letzter Teil
Heute letztes Treffen der dtsch. Fußlümmler / Aftersportler. Da FCB nicht dabei ist, sollte zumindest in den Pokal eine eigenhändige Widmung von Ulrich-Hoe-Ness eingraviert werden (Leverkusen, sic!). Im Stadion gibts dann noch Erd-Weißbier für alle (Freibier). Damit wäre der FCB dann doch irgendwie mit dabei! Ein phänomenales Haxnkratzn mit vielen Rüben- und Paterretreffern wünscht allen Fans aloiswester PS Dieser Beitrag hat irgendwiewas mit einem heutigen Artikel in spiegelonline zu tun, richtig?
imagine, 31.05.2009
5. Aber nein
Zitat von sysopVor dem Pokalfinale hat Leverkusen-Coach Bruno Labbadia seinen Arbeitgeber kritisiert - will der Trainer seinen Rauswurf provozieren?
Ach, das wird vom Spiegel doch nur wieder mal hochsterilisiert.
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