Bayern-Blamage in Barcelona "Udo Lattek hat geweint"

Schock, Trauer, Wut bei den Bayern: Nach der 0:4-Pleite in Barcelona hält Vorstandschef Rummenigge eine Wutrede, Trainer Klinsmann ist unter Druck. Nur einer freut sich: der degradierte Torhüter Rensing - er ätzt, man hätte auch zweistellig verlieren können.

Von Michael Neudecker, Barcelona


Manchmal sieht man es Menschen an, wenn sie wütend sind. Auch, wenn sie nichts sagen, und an diesem Mittwoch kurz vor halb zwölf Uhr nachts war so ein Moment. Das Bankett des FC Bayern München im Hotel Rey Juan Carlos in Barcelona war keine 15 Minuten alt, da stand Mark van Bommel auf und verließ den Saal. Wortlos, zielstrebig Richtung Zimmer. Der Niederländer ist Kapitän des FC Bayern, er ist ein Vorbild; und wenn der Kapitän aufsteht und geht, dann ist das ein Zeichen.

Philipp Lahm folgte ihm kurz darauf, dann Michael Rensing, Christian Lell, Tim Borowski. Nach ein paar Minuten waren fast alle Spieler verschwunden. Van Bommel kam erst später wieder, gegen 2 Uhr, da war das Bankett schon so gut wie vorbei, aber es war ja auch kein Abend für Bankette. Es war der Abend, an dem "der Stolz mit Füßen getreten wurde", wie es der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge in seiner Ansprache formulierte.

Der FC Bayern hat gegen den FC Barcelona im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinales nicht nur verloren, 0:4. Er ist gedemütigt, vorgeführt worden, weshalb Rummenigge in seiner Ansprache ungewohnt deutlich wurde. "Ich weiß nicht, was ich mehr bin - schockiert, traurig oder wütend", sagte Rummenigge. Und dann zeigte er auf Udo Lattek. Der Fußballtrainer a.D. war auf Einladung des FC Bayern mitgereist und saß nun an Rummenigges Tisch. "Ich habe unseren alten Freund Udo Lattek in der Halbzeit gesehen", sagte Rummenigge, "er hat geweint."

Es war wahrlich ein dramatischer Abend in Barcelona.

Der Tag hatte schon aufregend begonnen: Mit Klinsmanns Entscheidung, Hans-Jörg Butt statt Michael Rensing ins Tor zu stellen. Rensing erfuhr davon erst am Mittwochmittag, "ich war schockiert", sagte er. Nach dem Spiel war er aber ganz froh, "dass ich heute in der ersten Halbzeit nicht im Tor gestanden habe". Es war kein Spiel für Torhüter. "Wir haben Glück gehabt, dass Barcelona in der zweiten Halbzeit nicht mehr wollte - das hat uns vor einem zweistelligen Ergebnis bewahrt", sagte Rensing. Das war nicht einmal weit übertrieben.

Dass der FC Barcelona eine spektakuläre Mannschaft hat, das wusste man; auch, dass die Münchner durch das Fehlen ihrer Stammkräfte Miroslav Klose, Lucio und Lahm geschwächt sein würden. Was man nicht wusste: dass sie es tatsächlich zulassen würden, 45 Minuten lang auszusehen wie eine Ansammlung von Jugendspielern, die gegen Erwachsene antreten. Man wurde das Gefühl nicht los, dass ihnen das alles einfach viel zu schnell ging.

Als ein Reporter nach der Partie von van Bommel wissen wollte, warum denn die Laufbereitschaft gefehlt habe, antwortete der Niederländer wütend: "Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe. Hast du selber mal auf einem Fußballplatz gestanden? Die haben so schnell gespielt, wir sind gar nicht in die Zweikämpfe gekommen. Hast du einen Zweikampf gesehen? Ich keinen!"

Mark van Bommel hatte sich so gefreut auf dieses Spiel gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber. Doch auch er hatte seinen Teil dazu beigetragen, dass dieser Abend in die Clubhistorie eingehen wird - es war neben der 0:4-Niederlage 1973 gegen Ajax Amsterdam die höchste Niederlage des FC Bayern in der Champions League.

Weil es außerdem die zweite Demütigung binnen fünf Tagen war, werden nun die Diskussionen an der Säbener Straße noch schärfer geführt werden als bisher. Es wird vieles hinterfragt werden, vor allem wird es dabei um die Position des Trainers Jürgen Klinsmann gehen.

Und um die Frage, wie groß der Anteil des Trainers sein kann, wenn eine Mannschaft derart untergeht wie der FC Bayern in Barcelona. Gewiss, Barcelona verfügt über deutlich bessere Fußballer; der FC Bayern könnte sich in finanzieller Hinsicht kaum einen dieser Fußballer leisten. Aber reicht das allein, um ein solches Debakel zu erklären? Das ist das Hauptthema der Debatte, die sie in den kommenden Tagen in München vor sich haben.

Es lässt allerdings schon aufhorchen, was Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge in der Nacht noch sagten. Nicht: Wir stehen zu unserem Trainer, auf jeden Fall. Sondern: "Es gilt jetzt, keine spontanen (lange Denkpause), unsinnigen Entscheidungen zu treffen." (Rummenigge) Man werde jetzt in Ruhe eine Nacht darüber schlafen und das Spiel analysieren.

Ein Treueschwur klingt anders.



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