Bayern-Blamage Wieder wie eine Wurzelbehandlung

Ratloser Trainer, zielloser Club: Der FC Bayern München gab auch in Nürnberg ein jämmerliches Bild ab. Der neue Coach Ottmar Hitzfeld verabschiedete sich nach einem Tag schon von der Meisterschaft, einige Spieler scheinen den Ernst der Lage allerdings immer noch nicht begriffen zu haben.


Dass die Zeiten auch im Fußball immer schnelllebiger werden und mancher in Deutschland seine liebe Mühe hat, Schritt zu halten, ist ein sattsam durchgerittener Allgemeinplatz. Neu ist: Auch die Bayern aus München machen tüchtig mit. Ottmar Hitzfeld vorneweg. Bei seinem Amtsantritt vorgestern redete der 58-Jährige noch von der Meisterschaft, gestern Abend wollte der neue Bayern-Coach den Champions-League-Platz sichern. Was gar nicht so einfach ist. Die Bayern haben als Tabellenvierter nämlich gar keinen.

Bayern-Verteidiger van Buyten (l.): Das kaiserliche Gebot ignoriert
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Bayern-Verteidiger van Buyten (l.): Das kaiserliche Gebot ignoriert

0:3 in Nürnberg zum Debüt - dagegen fühlt sich kalte Dusche am Morgen wie ein warmer Willkommensgruss an. Im "Ensemble von der Isar" stimmte alles - und zwar ganz und gar nicht. Hitzfeld war ratlos, fabulierte von "Sand im Getriebe", das passt fast immer. Die so genannten Führungsspieler? Allesamt verunsichert. Bastian Schweinsteiger wirkte auf so ziemlich jeder Position deplaziert, auf der er auftauchte. Lukas Podolski trabte ziellos übers Feld und in Gedanken womöglich durch sein Erinnerungsreservoir, in dem es schönere Bilder gibt als die aus einem halben Jahr München - selbst im Jahr des Kölner Abstiegs wirkte er vitaler als hier. Und Mark van Bommel, das holländische Duracell-Häschen? Das wirkte auf dem Nürnberger Rasen gestern genauso blutleer, wie es seine Gesichtsfarbe befürchten ließ. All das, obwohl Franz Beckenbauer höchstpersönlich vor dem Spiel dekretiert hatte, es habe ab jetzt "Leidenschaft" und "schönes Spiel" zu geben - selbstredend verbunden mit Siegen seiner Untergebenen. Leider ignorierte auch die teuerste Innenverteidigung der Bundesliga (Lucio, van Buyten) das kaiserliche Gebot - gegen einen "Club", der sich nicht gerade in jedem Spiel derart trefferfreudig zeigt.

Saenko (12.), Schroth (71.), Vittek (86.) taten es für Nürnberg - ob der taufrisch geschasste Felix Magath ein solches Ergebnis nicht auch ohne taktische Klimmzüge hingekriegt hätte, war eine der spannenderen Fragen des Abends. Es wäre gar nicht verwunderlich, wenn der Effekt der gleiche wäre, wie ihn Köln nach dem Rauswurf Hanspeter Latours mit Christoph Daum erfahren hat: Erst mal müssen sich Kader und Trainer aneinander gewöhnen. In der Zwischenzeit kann die Konkurrenz endgültig davonziehen und die Bayern dann mit Leverkusen, Dortmund und Hertha um den Uefa-Cup-Platz streiten.

Wie steht es wirklich um den FC Bayern? Da kann der aufgeregte Fan nur mutmaßen. Denn manchmal scheint es, als gehe es in München allein ins Geld - aus welchen Gründen auch immer. Zwar ist es längst keine Selbstverständlichkeit, dass ein Club als wirtschaftlicher Idealfall gilt, der seit Jahrzehnten seinen Anhängern größtenteils (und erfolgsunabhängig) Fußball vom Unterhaltungswert einer Wurzelbehandlung anbietet.

Doch immer mehr Versäumnisse tun sich auf, man muss gar nicht von einer fehlenden Idee in Sachen Fußball reden. Bremen beispielsweise hat in den letzten Jahren nur ein paar Millionen an Transferaufwendungen getätigt, wenn man ganz nüchtern Einkauf und Verkauf miteinander verrechnet. Die Bayern konnten kaum einen Spieler, den sie für viel Geld verpflichten, weitertransferieren, erst recht nicht gewinnbringend. Ein Club wie Mainz oder Bochum könnte allein mit solchen Summen jahrelang den Etat decken.

Dass Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der gemeinsam mit dem Club der Münchner Visionäre Hoeneß und Co. über ein Festgeldkonto von angeblich 150 Millionen Euro gebietet, während der Woche andauernd zum Besten gab, man müsse in die Champions League (denn ohne den Wettbewerb sei das Leben als Bayer nur halb so viel wert), stimmt schon bedenklich. Genau diese Notwendigkeit nämlich hatte vor ein paar Jahren Manager Uli Hoeneß der Dortmunder Borussia um ihr verschwendungssüchtiges Herrscherduo Meier-Nienbaum süffisant unter die Nase gerieben - und sich mit seinem Club als Gegenmodell und wirtschaftlicher Musterfall zum einstigen Geldvernichtungsunternehmen BVB geriert.

Wie die Geschichte mit Dortmund ausging, ist auch Hoeneß bestens bekannt. Aber so sind nun mal, die Zeiten. Ärgerlich schnelllebig. Und manchmal auch einfach nur gemein.

1. FC Nürnberg - Bayern München 3:0 (1:0)
1:0 Sajenko (12.)
2:0 Schroth (71.)
3:0 Vittek (86.)
Nürnberg: Schäfer - Reinhardt, Wolf, Spiranovic (46. Beauchamp), Pinola (19. Polak) - Mnari (84. Banovic), Galasek - Gresko - Vittek, Schroth, Sajenko. - Trainer: Meyer
München: Kahn - Sagnol, Lucio, van Buyten, Lahm - Hargreaves - Salihamidzic (46. Podolski), Schweinsteiger (80. Scholl) - van Bommel - Makaay, Pizarro (72. Santa Cruz). - Trainer: Hitzfeld Schiedsrichter: Michael Weiner (Giesen)
Zuschauer: 47.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Pinola (3), Wolf (5/4), Vittek (4), Schroth (3) - Lahm (2), Schweinsteiger (5), Hargreaves

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