Bayern-Coach van Gaal Gehen oder Gladiolen

Das Spiel in Hannover wird zu einer Schicksalspartie für Bayern-Trainer Louis van Gaal. Wenn das Team das dritte Match innerhalb einer Woche verliert, kann sich der Coach nur schwer retten. Durch taktische Fehler hat er die Situation mitverschuldet.

dapd

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Spaniens Weltklassemann Xavi hat beim FC Barcelona unter vielen Toptrainern gearbeitet. Über Louis van Gaal, von 1997 bis 2000 bei Barça, sagte er einmal, der Niederländer sei "fußballkrank, ein Verrückter". Einer, der "für Disziplin und absolute Ordnung" stehe. Dieser Tage ist es ganz gut, an solche Bewertungen zu erinnern. In München wären sie bereits froh, wenn es mit der Ordnung halbwegs stimmen würde.

Louis van Gaal hat in den 19 Monaten, in denen er beim FC Bayern Verantwortung trägt, schon manchen Sturm überstanden. Einige davon hat er selbst entfacht. Aber so eng wie dieses Mal war es für ihn noch nie - und das will einiges heißen. Schließlich wurde bereits nach wenigen Monaten im Amt über die Trennung diskutiert.

Wenn die Bayern am Samstag in der Bundesliga beim Tabellendritten Hannover 96 (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) unterliegen sollten, wird es nicht mehr viele geben, die van Gaal noch eine große Zukunft in München vorhersagen. Weil er sein Motto selbst so gerne zitiert: Hannover wird zu van Gaals persönlichem "Tod-oder-Gladiolen"-Spiel.

Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge hat gesagt, er sehe "niemanden im Verein, der eine Trainerdiskussion führt". Und Präsident Uli Hoeneß, der im Herbst den Trainer noch als beratungsresistent bezeichnet hat, hat die vergangenen Niederlagen denkbar lakonisch kommentiert: "Verlieren gehört eben zum Fußball dazu." Er könne keinerlei Krisensituation beim FC Bayern erkennen, so Hoeneß. Die Erfahrung in München lehrt, dass solche öffentlich vorgetragenen Beschwichtigungen den jeweiligen Trainer alarmieren sollten. Bei Jürgen Klinsmann war es auch sehr ruhig, dann wurde es ganz still und Klinsmann gefeuert.

Van Gaals klebt stur an seinen Prinzipen

Van Gaals Mannschaft hat zuletzt zwei eminent wichtige Heimspiele verloren. Die Liga-Partie gegen Dortmund (1:3) war eine Demonstration der Unterlegenheit. Das Pokalmatch gegen Schalke (0:1) ein Dokument der Hilflosigkeit. In beiden Spielen war das van-Gaal-Team unfähig, Druck auszuüben und Chancen zu generieren. Vor allem taktisch offenbarten sich erstaunliche Defizite, und hier spätestens kommt die Verantwortung des Coaches ins Spiel.

Louis van Gaal hat beim FC Bayern vieles richtig gemacht, weit mehr, als es in der Öffentlichkeit zuweilen gewürdigt wird. Er hat die Verjüngung des Teams vorangetrieben und dafür Stars wie Luca Toni, Lucio und Martin Demichelis weggeschickt. Er hat die überfällige Torwartfrage angepackt und den 22-jährigen Thomas Kraft zur Nummer eins gemacht. Er hat dem Verein darüber hinaus durch die Förderung der Nachwuchstalente viel Geld gespart und nachhaltige Werte geschaffen. Die Erfolge des ersten Trainerjahres in München sprechen für sich: Meister, Pokalsieger und Champions-League-Finalist.

Aber bei van Gaal verfestigt sich in diesen Wochen auch ein Muster, das schon bei seiner Station als Coach des FC Barcelona zu erkennen war. Im zweiten Jahr seiner Tätigkeit verabsolutieren sich seine Prinzipien. Was einmal geklappt hat, muss immer funktionieren. Die Erfolge der Bayern in der Vorsaison waren vor allem ein Verdienst des ballsicheren und schnellen Stürmers Arjen Robben. Jetzt aber, wo sich Teams erfolgreich auf die Flügelläufe des Niederländers eingestellt haben, kann die Elf nicht darauf reagieren.

Blindes Anrennen statt taktischer Finesse

Gegen Dortmund und Schalke wurde weiter unermüdlich über die Außenpositionen angegriffen, anstatt im zentralen Mittelfeld in die Lücken zu stoßen. Alle im Stadion warteten auf die taktischen Anweisungen van Gaals, das System umzustellen. Nichts passierte. Stattdessen wurden die Bälle immer und immer wieder hin- und hergeschoben. Das entspricht zwar der van-Gaal-Doktrin, die Ballbesitz über alles stellt. Aber es ist in solchen Spielsituationen einfach ineffektiv.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" hat einmal geschrieben, Ballbesitz sei zu van Gaals Fetisch geworden. Das ist sicherlich übertrieben, denn oft am Ball zu sein, bedeutet ja auch stets, Kontrolle über das Spielgeschehen zu behalten. Aber es gibt Begegnungen gegen defensiv-, lauf- und konterstarke Mannschaften wie Dortmund, in denen andere Konzepte vonnöten sind. Hier wirkten die Bayern zuletzt geradezu ohnmächtig.

Vor neun Monaten war van Gaal der Heilsbringer des FC Bayern. Er wurde zum Trainer des Jahres gewählt, Rummenigge sprach vom Beginn einer Ära. Vor einer Woche noch war van Gaal der Champions-League-Held, der seiner Mannschaft das Selbstvertrauen eingeimpft hatte, um bei Titelverteidiger Inter Mailand zu triumphieren.

So ist die Schnelllebigkeit der Branche, kein Verein in Deutschland hat das so oft miterlebt wie der FC Bayern. Oft genug stand in solchen Situationen am Ende die Trennung vom Trainer. Felix Magath musste als Meister und Pokalsieger gehen, Otto Rehhagel, obwohl er mit dem Team das Uefa-Cup-Endspiel erreicht hatte.

Er könne damit leben, dass über eine Trennung des Vereins von ihm diskutiert werde, hat van Gaal vor dem Hannover-Spiel gesagt. In einem solchen Fall habe er mehr Mitleid mit seinen Mitgliedern im Trainerstab. "Ich selbst bin ja schon am Ende meiner Karriere."

Immerhin: Für sich hat Louis van Gaal einen Plan B.

Hannover 96 - Bayern München
(Samstag, 15.30 Uhr, voraussichtliche Aufstellungen)
Hannover: Zieler - Cherundolo, Haggui, Pogatetz, Schulz - Schmiedebach (Stindl), Pinto - Stindl (Stoppelkamp), Rausch - Abdellaoue, Schlaudraff
München: Kraft - Lahm, Timoschtschuk, Breno, Pranjic - Kroos, Luiz Gustavo - Robben, Müller, Ribéry - Gomez
Schiedsrichter: Drees (Münster-Sarmsheim)
Zuschauer: 49.000 (ausverkauft)

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
hopper77, 05.03.2011
1. Gähn
Hat der Autor irgendwie Langeweile? Es ist ziemlich ermüdend, von Herrn Ahrens alle 2 Tage irgendeine Wasserstandsmeldung angeboten zu bekommen, die nicht wirklich etwas Neues erzählt.
duffybarracuda, 05.03.2011
2. V
also ich kann den Transfer van Bommels nicht ganz nachvollziehen. Der war 2009/ 10 in super Form, auch wenn nicht jeder seine rüde Spielweise schätzt. Jedenfalls ist Schweinsteiger ohne ihn heillos überlastet.
Haio Forler 05.03.2011
3. .
Zitat von sysopDas Spiel in Hannover wird zu einer*Schicksalspartie für Bayern-Trainer Louis van Gaal. Wenn das Team das dritte Match innerhalb einer Woche verliert, kann sich der Coach nur schwer retten. Durch taktische Fehler hat er die Situation mitverschuldet. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,749083,00.html
Machen wir's kurz: es wäre ein schwerer Fehler, van Gaal gehen zu lassen. Und: Robben stoppt man eventuell in 3 Spielen hintereinander (und auch nur mit 2 Leuten), aber nicht auf ewig.
Schnuffito, 05.03.2011
4. .
Sehr schöner Artikel! Mit seiner Einstellung, in seinem System sei jeder Spieler auf jeder Position allein schon durch das überragende taktische System Weltklasse, passt van Gaal eigentlich ganz gut zu den Bayern :-) aber das ist auch seine Schwäche. Er schiebt die Spieler hin und her, erwartet, dass sie auch dort super spielen, weil sein System ja klasse ist, und ändert seine Meinung auch nicht, wenn Mannschaften deutlich die Grenzen des Systems aufzeigen. Ob van Gaal die Kehrtwende noch schafft, schaun mer mal. Inter Mailand könnte nämlich "einfach" Schalke und Dortmund kopieren, und bei einer Niederlage in Hannover und daheim in der CL kann es echt eng werden.
Reyno 05.03.2011
5. Die tollen Bayern
Möchte nur mal daran erinnern, Klinsmann hätte schon längst ein Spießrutenlaufen hinter sich, bei dem er schon vor Monaten am Ende der Reihe angekommen wäre. Wurst-Ulli hat mit dem heiligen Gaal mal wieder regelrecht in die Wurstpampe gegriffen. Echt ein seltsames Volk da unten :-)
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