Bayerns Pokaldebakel in Gladbach »Kollektives Versagen«

Beim FC Bayern singen sie gern »Wir sind die, die immer feiern« – es sei denn, man wurde im Pokal von Gladbach gerade 0:5 abserviert. Lässt sich diese Pleite erklären?
Aus Mönchengladbach berichtet Marcus Bark
Joshua Kimmich: Fassungslos nach einem weiteren Gegentor

Joshua Kimmich: Fassungslos nach einem weiteren Gegentor

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INA FASSBENDER / AFP

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Einen nahezu leeren Fanblock des FC Bayern, obwohl das Spiel noch gar nicht vorbei ist: Wann hat es das schon mal gegeben? »Wir sind die, die immer feiern«, singen sie gern und meistens aus gutem Grund. Aber es gibt auch mal einen »rabenschwarzen Tag«, wie Dino Toppmöller sagte, der den mit dem Coronavirus infizierten Cheftrainer Julian Nagelsmann erneut auf der Münchner Bank vertrat am Mittwochabend in Mönchengladbach.

Thomas Müller sagte beim Pay-TV-Sender Sky: »So ein kollektives Versagen von einer Bayern-Mannschaft in so einem wichtigen Spiel habe ich selbst noch nicht erlebt, deswegen ist das erst mal schwer zu fassen.« Mit einem 0:5 hat sich der Rekordpokalsieger aus dem Wettbewerb verabschiedet.

Zuletzt wurden die Münchner noch als leuchtendes Beispiel dargestellt, als Borussia Dortmund in der Champions League 0:4 bei Ajax Amsterdam vorgeführt wurde. Dem FC Bayern mit einem Joshua Kimmich als Wortführer würde so etwas gewiss nicht passieren.

Eine Woche später passierte es den Bayern aber doch.

Das Foto der Anzeigetafel, die den 5:0-Sieg von Borussia Mönchengladbach gegen die Bayern zeigte, dürfte schon bald als Bildschirmhintergrund vieler Gladbacher Fans erscheinen. »Es war ein fast perfektes Spiel von uns«, schwärmte Trainer Adi Hütter: »Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas Gutes wie in den ersten 20 Minuten von einer meiner Mannschaften gesehen zu haben.«

Zwei Tore erzielte der Gladbacher Stürmer Breel Embolo, an den weiteren drei war er beteiligt. Er führte die Bayern vor, besonders die beiden Innenverteidiger Dayot Upamecano und Lucas Hernández. »Das Ganze hat im Lauf des Spiels eine Dynamik angenommen«, sagte Toppmöller, als er auf das Duo angesprochen wurde, ihre Leistung war miserabel, für den Ersatzcoach sei sie »nicht so einfach zu erklären«.

Bei Hernández lag jedoch eine Vermutung nahe. Am Morgen vor dem Spiel war bekannt geworden, dass der französische Weltmeister in einem Berufungsverfahren Erfolg hatte. Er muss nicht, wie zuvor von einem Gericht verordnet, wegen Missachtung der Justiz für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Die Strafe wurde auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt, zudem muss er eine vergleichsweise geringe Geldsumme zahlen.

Hatte das Verfahren Auswirkungen auf Hernández und das Team? Und auch die Impfverweigerung von Joshua Kimmich, die zuletzt viel diskutiert worden ist? Sogar die ehemaligen Klubbosse, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, hatten sich in die Thematik eingeschaltet. Im ARD-Interview nach Abpfiff hatte Sportchef Hasan Salihamidžić einen Zusammenhang verneint.

Upamecano (l.) und Hernández

Upamecano (l.) und Hernández

Foto: INA FASSBENDER / AFP

Hernández wurde 2019 vom FC Bayern verpflichtet. Die damals festgeschriebene Ablösesumme von 80 Millionen Euro, die an Atlético Madrid zu zahlen war, ist die höchste, die je ein Bundesligist berappte.

Mit dem Abend von Gladbach muss man zweifeln, ob er dieser Summe je gerecht wird. Hernández verlor Zweikämpfe wie ein unterklassiger Profi, manchen ging er aus dem Weg, mal stand er zu tief, mal zu weit vom Gegner weg.

Das galt auch für Upamecano, bei dem schon häufiger Ausschläge nach unten zu beobachten waren. Seine Leistungen wechselten sich ab mit solchen, wegen derer er auch »Supermecano« genannt wurde.

Die Defensive stand an diesem Abend besonders im Fokus – zuletzt war es die Offensive, die jedes Problem der Bayern sofort zu lösen schien. 33 Treffer in neun Bundesligaspielen erzielten Robert Lewandowski und Co., ein Rekord, doch an diesem Abend waren die Angreifer abgemeldet.

Kann man sie doch angreifen?

Und so wurde es ein Abend der Abwehr, und sie bestand die Prüfung nicht. In Gladbach wurde Upamecano nach 55 Minuten vom Platz genommen, Hernández im Lauf der zweiten Halbzeit ans linke Ende der Viererkette verschoben.

Abende wie dieser werfen die Frage auf, ob den Bayern vielleicht doch mal in der Bundesliga beizukommen ist, so war das auch nach dem 1:2 gegen Eintracht Frankfurt Anfang Oktober. Es folgte jedoch ein 5:1 bei Bayer Leverkusen, ein 4:0 in der Champions League bei Benfica und ein 4:0 gegen die TSG Hoffenheim. Von einer sportlichen Krise kann man nicht sprechen.

Das Aus der Bayern im DFB-Pokal, wie in der Vorsaison (damals beim Zweitligisten Holstein Kiel im Elfmeterschießen) in der zweiten Runde gekommen, könnte für die Konkurrenz in der Liga eher schlecht sein.

Mehr Ruhe, mehr Training, mehr Zeit zur taktischen Vorbereitung – die Münchner werden das nicht gewollt haben, aber vermutlich zu ihren Gunsten nutzen. Bis zum nächsten Spiel am Samstag gegen den 1. FC Union Berlin bleibt zwar nur wenig Zeit, aber Dino Toppmöller kündigte schon an: »Wir müssen eine Reaktion zeigen, und die wird mit Sicherheit kommen.«

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