Bayern-Debakel Rückfall in alte Zeiten

Zu Saisonbeginn wurden sie hochgejubelt, doch nun stottert der Bayern-Motor gewaltig. Ausgerechnet beim schwächelnden Meister aus Stuttgart kamen die Millionen-Stars unter die Räder - und mussten sich danach einiges von der Bayern-Führung anhören.

Von Pavo Prskalo


Hamburg - Die Bayern-Stars wollten ein Zeichen setzen. 43 Stunden nach dem enttäuschenden Remis im Uefa-Cup gegen Bolton hatten sie vor, in Stuttgart ihr wahres Gesicht zu zeigen. Doch bereits um 15:41 Uhr war der Vorsatz dahin. VfB-Stürmer Mario Gomez nutzte einen Fehler des Bayern-Innenverteidigers Martin Demichelis und schob ein zur Führung. Statt sich wie eine Spitzenmannschaft aufzubäumen, ließen die Bayern die Köpfe hängen. Was folgte, war ein Debakel. Yildiray Bastürk (30. Minute) und erneut Gomez (42.) sorgten dafür, dass die erste Saisonniederlage der Münchner bereits vor der Pause besiegelt war. Italiens Weltmeister Luca Toni (86.) konnte kurz vor Schluss nur noch den Ehrentreffer erzielen.

"In der Abwehr waren wir unorganisiert und im Angriff inexistent", schimpfte Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld, "wir wollten nur mit spielerischen Mitteln zum Erfolg kommen. Ich verstehe nicht, dass wir so passiv in die Zweikämpfe gegangen sind."

Zwar bleiben die Bayern Tabellenführer, der Rückstand von Werder Bremen (4:0 gegen Karlsruhe) und dem Hamburger SV (1:1 bei Schalke) beträgt aber nur noch einen Punkt. Zu allem Überfluss verlor Bayerns Abwehrchef Lucio in der 70. Minute noch die Nerven und versetzte dem Stuttgarter Außenverteidiger Ludovic Magnin einen Ellenbogencheck. Der Brasilianer wird den Münchnern in den kommenden Wochen fehlen, denn eine Sperre durch den DFB wegen der Tätlichkeit ist gewiss.

"Meine Mannschaft war mental nicht präsent. Stuttgart war uns an Aggressivität überlegen", klagte Hitzfeld, "vor allem die erste Viertelstunde war enttäuschend. Darüber müssen und werden wir reden. Insgesamt ist Stuttgart ein klar verdienter Sieger." Dass der VfB gegen die Bayern so selbstbewusst auftrat, verwunderte etwas. Die Schwaben hatten unter der Woche das Aus im Europapokal verkraften müssen, bei Lyon (2:4) war das Team auch im vierten Gruppenspiel der Champions League ohne Punktgewinn geblieben.

Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der nach dem 2:2 am Donnerstag gegen Bolton Hitzfeld wegen dessen Mannschaftsaufstellung kritisiert hatte, fand nach der Partie in Stuttgart erneut klare Worte. "Wir hatten keine gute Woche", sagte Rummenigge. Zu seiner Kritik am Trainer ("Die Zuschauer haben das Recht, die beste Mannschaft zu sehen") sagte der Bayern-Boss: "Ich habe kein Problem mit Ottmar Hitzfeld. Kritik sehe ich als Hilfe an. Wenn man Vorstandsvorsitzender ist, darf man sich schließlich auch äußern. Ich werde mich nicht in den Mantel des Schweigens hüllen."

Hitzfeld hatte in Stuttgart trotz der Rummenigge-Kritik erneut rotieren lassen. Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Mark van Bommel blieben auf der Bank, stattdessen standen der 17-jährige Toni Kroos ("Er hat sich aufgedrängt und eine Chance verdient"), Hamit Altintop und Toni in der Startelf. Doch auch die Neuen konnten dem Bayern-Spiel keine Belebung verschaffen. Das Gegenteil war der Fall: In der ersten Halbzeit kassierte der Rekordmeister mit drei Gegentreffern nur einen weniger als in den voran gegangenen zwölf Saisonspielen zusammen.

Eine Tatsache, die Franz Beckenbauer in der Halbzeitpause sichtlich verärgerte. "Es fehlt an allem. Das ist ein Rückfall in alte Zeiten. Da ist kein Wille, in die Zweikämpfe zu gehen", sagte der Bayern-Aufsichtsratsvorsitzende beim Fernsehsender Premiere. "Das ist fast noch schlimmer als im April", wetterte Beckenbauer. Am 21. des Monats hatten die Münchner letztmals auswärts in der Bundesliga verloren - 0:2 beim VfB Stuttgart.

Eine Krise wollten sich die Münchner aber nicht andichten lassen. "Wir werden die Lehren aus der Niederlage ziehen und dann werden wir wieder voll angreifen", sagte Bayern-Kapitän Oliver Kahn ("Bis zur Halbzeit waren wir lethargisch"). Rummenigge stimmte mit ein: "Wir müssen uns in der Länderspielpause neu sortieren und dann im Heimspiel gegen Wolfsburg in zwei Wochen ein neues Gesicht zeigen."

Trainer bei Wolfsburg ist übrigens Felix Magath. Dem ehemaligen Bayern-Coach, der Ende Januar dieses Jahres gehen musste, käme es mit Sicherheit nicht ungelegen, die Krise bei seinem Ex-Club weiter zu verschärfen.

VfB Stuttgart - Bayern München 3:1 (3:0)
1:0 Gomez (10.)
2:0 Bastürk (30.)
3:0 Gomez (42.)
3:1 Toni (86.)
Stuttgart: Schäfer - Tasci, Delpierre, Meira, Magnin - Hilbert, Pardo, Bastürk (46. Khedira), Hitzlsperger - Gomez (80. Beck), Cacau (74. Marica)
Bayern: Kahn - Lell (46. Schweinsteiger), Lucio, Demichelis, Lahm - Ribéry, Zé Roberto, Altintop, Kroos (73. Van Buyten) - Toni, Podolski (46. Klose)
Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne)
Zuschauer: 55.600 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Cacau, Pardo, Tasci, Schäfer / Podolski, Schweinsteiger, Ribéry
Rote Karte: Lucio (FC Bayern, 70.) wegen einer Tätlichkeit

Mit Material von dpa und sid

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