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Bayern-Einzug ins CL-Viertelfinale Zurück im Glück

Louis van Gaal hat es geschafft, Bayern wieder an die europäischen Top-Clubs heranzuführen - durch eine klare Spielphilosophie, großes Selbstbewusstsein und Vertrauen in junge Talente. Schöner Nebeneffekt: Franck Ribéry sieht die Perspektive, die er für eine Vertragsverlängerung braucht.
Von Jan Reschke

Als die Spieler, erschöpft von ihrer Kraftleistung beim 2:3-Erfolg im Champions-League-Achtelfinale gegen Florenz, zum nächtlichen Bankett den Saal betraten, trottete Franck Ribéry an den Tisch, an dem Uli Hoeneß mit seiner Frau Susanne Platz genommen hatte. Lässig stand er da im Trainingsanzug, die Kopfhörer um den Nacken gelegt, und schüttelte Hoeneß die Hand. Er ließ sich beglückwünschen für seine überlegte Vorlage, die zum ersten Tor der Bayern durch Mark van Bommel geführt hatte.

Als er seine Hand wieder zurückziehen wollte, hielt der Präsident des deutschen Rekordmeisters sie fest und sprach noch einige Worte mit dem französischen Star. Es schien, als würde er sagen, dass Ribéry es sich gut überlegen soll, ob er den Verein wirklich verlassen will. Und die Geste gab zu verstehen: Bleib.

Die Voraussetzungen für eine vorzeitige Vertragsverlängerung des bis 2011 gebundenen Mittelfeldspielers sind so gut wie noch zu keinem Zeitpunkt in der Ägide von Trainer Louis van Gaal. Ribéry hat neue Stars gefordert - er bekam sie in Form von Mario Gomez und Arjen Robben. Ribéry wollte eine ernsthafte Perspektive auf den Champions-League-Sieg - auch die ist gegeben. Wenn nicht in diesem, dann im kommenden Jahr. Ribéry forderte eine konstante Entwicklung des Vereins - auch die gibt es ist seit der Verpflichtung van Gaals.

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Florenz vs. Bayern: Stürmische Zeiten für Robben, Ribery und Co.

Foto: Lorenzo Galassi/ AP

Das ist die eigentlich entscheidende Erkenntnis, die aus dem Weiterkommen in Florenz gewonnen werden kann. Denn nach den Wünschen Ribérys sollen sich die Bayern dahin entwickeln, wo er Teams wie Barcelona, Real Madrid, Arsenal oder Inter Mailand wähnt - und seine Mannschaft ist mittlerweile zumindest teilweise auf deren Niveau angelangt.

Wenn auch nicht auf dem eines FC Barcelona, so doch auf dem eines FC Arsenal oder Inter Mailand. Vielleicht sogar auf dem von Real Madrid, das im Hinspiel gegen Olympique Lyon 0:1 unterlag und nun im Rückspiel (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) dagegen kämpft, nicht zum sechsten Mal in Folge im Achtelfinale auszuscheiden.

Van Gaals Team hat sich entwickelt. Die Mannschaft hat eine klare Struktur, regelmäßig wiederkehrende Abfolgen im Spielaufbau etabliert, die Spieler bewegen sich auf festgelegten Pfaden. Vom van Gaalschen' Reißbrett hat das Konzept seinen Weg auf den Platz gefunden.

In Drucksituationen wieder dazu in der Lage, cool zu bleiben

Zudem bleibt festzuhalten, dass die Bayern in Drucksituationen wieder dazu in der Lage sind, cool zu bleiben - eben auch wegen der klaren Spielphilosophie, an die sie sich halten können. Dazu kommt, dass die Münchner nach den jüngsten Erfolgen wieder das nötige Selbstbewusstsein haben, entscheidende Spiele mit einem Positiverlebnis abzuschließen. Denn auch das hat dem Team neben einem schlüssigen Spielkonzept lange gefehlt.

Selbstbewusstes Handeln wird den Bayern-Spielern von van Gaal vorgelebt, wenn man die vielen jungen Talente sieht, die er ohne Bedenken einsetzt. Der Trainer nennt dies wahrscheinlich eine realistische Einschätzung der Leistungsfähigkeit seiner Spieler, doch die Aufstellung des erst 17-jährigen Verteidigers David Alaba in solch einem entscheidenden Spiel, dazu noch zum ersten Mal von Beginn an, nötigt Respekt ab.

Die Basis für große Erfolge haben sich Mannschaft und Trainer wieder erarbeitet, nun gilt es, die Titelchancen in Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League zu nutzen. Die Vorzeichen dafür sind gut. Der Erfolg in Florenz nach 0:2- und 1:3-Rückstanden dürfte eine ähnliche Signalwirkung haben wie das 4:1 gegen Juventus Turin am letzten Spieltag der Vorrundengruppe. Auch da standen die Bayern mit dem Rücken zur Wand und kämpften sich zurück ins Glück.

Nur einer war beim abendlichen Bankett etwas geknickt und machte ein verkniffenes Gesicht. Stürmer Gomez muss wegen eines Muskelfaserrisses in der rechten Wade zwei bis drei Wochen pausieren - immerhin, zumindest das Gespräch zwischen Hoeneß und dem Franzosen dürfte seine Miene etwas aufgehellt haben.