Bayern-Gala Pfeifkonzert als Ouvertüre, Jubelarien zum Ausklang

Der klare Sieg in Bremen hat die Bayern selbst überrascht. Die Münchner Startruppe zelebrierte Fußball. Nur Miroslav Klose wird nicht gerne an die Gala an alter Wirkungsstätte zurückdenken. Erst ausgepfiffen, dann gefoult - und schließlich verletzt ausgewechselt.

Von , Bremen


Wann hat es das schon mal im Bremer Weserstadion gegeben? Längst hatten sich die Protagonisten in den grün-weißen Jerseys in die Katakomben getrollt, da hatten die Männer im rot-weiß-roten Outfit immer noch nicht genug gefeiert. Noch eine Welle, noch eine Danksagung. Es schien, als hätten Oliver Kahn und Kollegen nicht nur Spaß am Spiel wiederentdeckt, sondern auch ein besonderes Vergnügen, mit Emphase die Erfolge zu begehen.

Bayerns Ribéry (h.), Bremens Torwart Wiese: Nichts zu halten
Getty Images

Bayerns Ribéry (h.), Bremens Torwart Wiese: Nichts zu halten

Solche wie der von heute sind ja auch nicht alltäglich: 4:0 (1:0) demontierte der FC Bayern den vermeintlichen Erzrivalen Werder Bremen. Und schon thront der Rekordmeister nicht nur tabellarisch über der nationalen Konkurrenz. Uli Hoeneß jedenfalls kommentierte beim Abgang aus Bremen das Spiel nicht. "Man hat doch alles gesehen", sagte Münchens Manager und grinste verschmitzt. Wohl wahr: Das brisante Bundesliga-Spitzenspiel entschieden die Gäste so eindeutig in einer Art und Weise, die sich nicht einmal die Münchner Profis erträumt hatten. "Wenn mir einer gesagt hätte, dass wir hier so locker gewinnen, hätte ich es nicht geglaubt", sagte Bastian Schweinsteiger. Vor allem in der zweiten Halbzeit führte das runderneuerte Bayern-Ensemble die Bremer vor - es trat bisweilen ein Klassenunterschied auf, der den Rest der Liga erschrecken dürfte.

"Wenn die Bayern so weitermachen", gab Werder-Torwart Tim Wiese später zu, "dann sind sie nicht zu stoppen." Mit einer spielerischen Leichtigkeit, einer verblüffenden Gelassenheit und gekonnter Routine spulte der Titelanwärter sein Programm ab. Und selbst der ewige Mahner Kahn wertete den Sieg als logisches Produkt der blendenden Verfassung seiner Vorderleute. Der kaum beschäftigte Kapitän: "Wir sind topfit, bei uns stimmt alles, dann kommt so ein Ergebnis zustande." Logisch, dass auch Trainer Ottmar Hitzfeld nichts zu mäkeln hatte. "Ich bin sehr zufrieden, wie sich die Mannschaft präsentiert hat." Und ein Sonderlob vom 58-Jährigen erhielt wieder einmal Franck Ribéry. "Er ist für uns ein Glücksfall. Technisch perfekt, laufstark, es passt menschlich. Und auf dem Platz zerreißt er sich."

Der Franzose mit den froschgrünen Schuhen war von der gedanklich viel zu langsamen Werder-Abwehr kaum zu fassen. Der Ausnahmekönner betonte erneut, wie viel Spaß ihm das Bayern-Spiel mache. "Ich kann hier sein, wie ich bin, meine Späße machen und guten Fußball spielen." Unfassbar waren manche seiner Finten und Finessen. Mit ihm hat das Münchner Spiel einen Überraschungsmoment, der berauschend wirkt. Ribéry, den sein niederländischer Mitspieler Mark van Bommel auf gutem Wege zum "besten Spieler der Welt" wähnt, verwandelte auch rotzfrech den Elfmeter, den Mittelstürmer Luca Toni clever gegen Petri Pasanen herausgeholt hatte (31.).

Der Führungstreffer in einer bis dato noch ausgeglichenen Auseinandersetzung war der Anfang vom Ende für die ersatzgeschwächten wie überforderten Bremer, die weiteren (Konter)-Tore durch Toni (51.), Hamit Altintop (79.) und Andreas Ottl (87.) nur das logische Produkt der Bremer Auflösungserscheinungen. Werder ergab sich am Ende fast widerstandslos, was Trainer Thomas Schaaf überhaupt nicht gefiel: "Wir haben viele Fehler gemacht und den Bayern viel zu viel Platz und Raum gelassen und zum Toreschießen eingeladen. Im Moment ist es ein schwerer Weg für uns."

Was die Konkurrenz noch erschrecken dürfte: Der gestrige Sieg kam fast ohne Zutun der vermeintlichen Hauptfigur zustande: Miroslav Klose trug sportlich so gut wie gar nichts zum Sieg bei, was aber nicht unbedingt seine Schuld war. Schon bei der Einfahrt des Bayern-Busses erklangen Hasstiraden, beschimpften ihn die Anhänger beim Einlaufen, erklangen beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung gellende Pfiffe, die sich zum Orkan steigerten, als der drei Jahre für Werder stürmende Nationalspieler von Bremens Geschäftsführern Jürgen L. Born und Klaus Allofs offiziell verabschiedet wurde. Mit Präsenten, mit Blumen und Bilderband. Stadionmoderator Christian Stoll konnte dabei so oft an die Fairness appellieren wie er wollte: Die Worte wurden von einem Sturm an Unmutsäußerungen übertönt.

Nur wenige Minuten später outete sich auch sein ehemaliger Mitspieler Naldo als unfairer Zeitgenosse: Klose ("Die Pfiffe waren doch ganz normal") entwischte ihm nach vier Minuten und spitzelte ihm den Ball durch die Beine, da fuhr ihm der Brasilianer brachial in die Beine. Schiedsrichter Markus Merk zückte Gelb - und damit war Naldo gut bedient, der Klose sogar kurz vor der Pause noch ein zweites Mal - dieses Mal ungestraft - in die Parade fuhr. Folge: Klose musste zur Pause ausgewechselt werden. "Ich bin am Sprunggelenk verletzt. Naldo wollte den Ball spielen, das war eine unglückliche Aktion und keine Absicht." Unberührt kommentierte der Bremer die Szene: "Ich werde mich dafür nicht entschuldigen. In der Bundesliga wird hart gespielt."

Auch Klose nahm das Foul und die Schmerzen äußerlich erstaunlich gelassen hin. "Ich habe die zweite Halbzeit mit einer Eispackung am Fuß vor dem Fernseher verfolgt. Man muss abwarten. Ich glaube und hoffe, dass es nicht so schlimm ist. Das sagt mir mein Gefühl." Hitzfeld hat dennoch größte Sorgen, dass sein Angreifer nicht fürs Länderspiel gegen England am kommenden Mittwoch im neuen Wembleystadion nominiert werden kann. "Das ist sehr fraglich." Der Trainer war indes stolz, dass sich die Seinen vom Ballyhoo um Klose nicht hatten ablenken lassen. "Fußballspiele werden immer noch auf dem Platz und nicht auf den Rängen entschieden."

Bremens Sportchef Klaus Allofs brachte für die Vorkommnisse rund um das Streitthema Klose nur bedingt Verständnis auf und sagte mit ironischem: "Selbst der Letzte ist ja darauf hingewiesen worden, Klose auszupfeifen." Ihm war es ein besonderes Anliegen, auf ein sich wieder normalisierendes Verhältnis zum FC Bayern im Allgemeinen und Klose im Besonderen hinzuweisen: "Wir sind mit Miro nicht verfeindet. Er war sogar noch in der Kabine bei uns. Und bis auf die Tatsache, dass er sich verletzt hat, war es doch kein unangenehmer Nachmittag für ihn."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.