Bayern-Gegner AC Florenz Ratlos auf Talfahrt

Bayern-Gegner AC Florenz steckt in der Krise: Nur ein Sieg gelang in den vergangenen sieben Spielen. Torjäger Adrian Mutu ist wegen einer positiven Dopingprobe gesperrt, Sturmpartner Alberto Gilardino ausgebrannt. Die Sorgen von Trainer Cesare Prandelli werden größer.

Florenz-Trainer Prandelli: Ratlosigkeit beim AC
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Florenz-Trainer Prandelli: Ratlosigkeit beim AC

Aus Florenz berichtet


Cesare Prandelli ist ein erfahrener Mann. 400 Ligaspiele hat er bislang als Trainer absolviert. Er hat Aufstiege mit Hellas Verona und FC Venedig vollbracht, aus vielversprechenden Talenten wie Adriano, Adrian Mutu und Alberto Gilardino seinerzeit beim FC Parma echte Stars gemacht und zuletzt den AC Florenz in der Champions League etabliert. Zweimal wurde er zum Trainer des Jahres in Italien gekürt. Gegenwärtig gilt er sogar als Favorit der Verbandsgewaltigen, Marcello Lippi nach der WM als Nationalcoach zu beerben.

Trotzdem macht der 52-Jährige in diesen Tagen nicht den Eindruck eines tatkräftigen Erfolgstrainers - ausgerechnet jetzt, wo die Champions-League-Partie gegen den FC Bayern München ansteht (Mittwoch 20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE). Der Mann, der meist elegant einen violetten Schal um den Hals geschlungen hat und so seine Verbundenheit mit dem Verein bekundet, gibt stattdessen beim AC Florenz Durchhalteparolen aus. Er hofft, "dass die Spieler endlich ihre Köpfe frei bekommen" und "die Mannschaft ihren Charakter wiederfindet". Bis auf Platz elf ist der Vierte der vergangenen Spielzeit inzwischen abgesackt. Der Abstand zum erneut ins Auge gefassten vierten Platz beträgt - bei einem Spiel weniger - acht Punkte. Weiterhin ist der Club in allen drei Wettbewerben vertreten. Doch in dieser entscheidenden Phase der Saison drohen die "Viola" das bisher Erreichte zu verspielen. Denn es fehlt an positiven Resultaten.

Ein paar Probleme sind hausgemacht. Die früher beispielhafte Transferpolitik ließ zuletzt Brillanz vermissen. Die beiden früheren Führungsspieler Martin Jörgensen und Dario Dainelli wurden ziehen gelassen. Der Däne hofft bei Arhus auf mehr Spielpraxis und will sich so das Ticket für Südafrika sichern. Dainelli verließ den Club, als sich die Ankunft des neuen Innenverteidigers Felipe abzeichnete. Der Brasilianer ist fünf Jahre jünger und soll zusammen mit dem italienischen Nationalspieler Alessandro Gamberini das zentrale Duo der Zukunft bilden. Doch jetzt ist Gamberini verletzt. Und hinten klaffen Lücken.

Adrian Mutu - Dopingsünder statt Torgarant

Im Mittelfeld mangelt es seit dem Weggang von Felipe Melo und der Verletzung des für ihn von Juventus gekommenen Cristiano Zanetti an Struktur und Fantasie.

Die größte Misere steckt aber im Angriff, dem Mannschaftsteil, auf den der AC an sich am stolzesten sein konnte. Adrian Mutu, der im Sommer schon auf die Transferliste gesetzt wurde, weil er sich ein besser bezahltes Engagement erhofft hatte, um eine 17 Millionen Euro-Strafe an Chelsea zahlen zu können, ist wegen seines zweiten positiven Dopingtests bis auf weiteres nicht spielberechtigt. Der als Ersatzmann auserkorene Antonio Cassano zog im letzten Moment zurück. Ein, zwei Millionen Euro auf das Leihgeschäft draufgepackt - der Deal mit der Sampdoria wäre perfekt gewesen, spekulierte die "Gazzetta dello Sport". So aber kommt es nicht zum Showdown der Dribbelgötter Franck Ribéry und Cassano.

Als Ersatz für Mutu wurde der Brasilianer Keirrisson (von Barcelona an Benfica Lissabon ausgeliehen) verpflichtet. Er ist aber noch nicht in der Verfassung, die einen vollen Einsatz gegen München erwarten lässt.

So hängt alles von Gilardino ab. Der kann zwar "aus einem einzigen Ball ein Tor machen", wie WM-Gefährte Luca Toni dem italienischen Fernsehen vor dem Duell seiner beiden ehemaligen Clubs versicherte. Doch der Nationalstürmer ist müde. "Gilardino hätte eine Pause zum Auftanken gebraucht. Die konnten wir ihm jedoch nicht gewähren", sagt Prandelli.

Prandellis ungeklärte Zukunft

Nach vier Jahren Aufbauarbeit in Florenz wollte der Coach in dieser Saison endlich die Ernte einfahren. "Ich will einen Titel", verkündete er noch zum Jahreswechsel. Doch die schwarze Serie und die Kaderprobleme haben seinen Spielern das Selbstbewusstsein geraubt. Von den "Helden der Anfield Road", die den FC Liverpool im Dezember 2:1 geschlagen und aus der Champions League geworfen hatten, ist nicht mehr viel übrig. Selbst die große Kunst des Cesare Prandelli scheint gegenwärtig zu versagen.

Mittlerweile steht sogar seine Reputation auf dem Spiel. Denn ein Teil der Unruhe in Florenz rührt auch von den Gerüchten um den Fortgang seiner Karriere her. "Über Vertragsangelegenheiten werden wir im Frühjahr reden", teilte er der Öffentlichkeit mit. Sportdirektor Pantaleo Corvino, der mit Prandelli ein exquisites Gespann bildet, ließ mit einer Bemerkung aufhorchen: "Ich könnte mir auch eine Arbeit bei Lazio oder dem AS Rom vorstellen."

Die wiedererstarkten Bayern scheinen ein zu harter Brocken für die verunsicherte Fiorentina zu sein. "Es wäre besser gewesen, wir wären nur Gruppenzweiter geworden", hatte Prandelli nach der Auslosung gegen die Bayern bang prophezeit. Er könnte damit recht behalten.

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