Bayern-Gegner Neapel Befreit von Mafia und Maradona

Der SSC Neapel war früher der Skandalclub der italienischen Serie A. Heute steht der Champions-League-Gegner des FC Bayern für ehrliche Leute und einen sauberen Neuanfang der Stadt. Sportlich knüpft der Verein an seine Glanzzeiten in den Achtzigern an.

DPA

Aus Neapel berichtet


Diesen Abend hat in Neapel kein Tifoso vergessen: 1989 fertigte der SSC im Uefa-Cup-Halbfinale den FC Bayern München 2:0 ab. Weil anschließend mit den damaligen Superstars Diego Maradona und Careca im Team auch das Endspiel gegen den VfB Stuttgart gewonnen wurde, gelten Partien gegen die Bayern in Neapel als gutes Omen. In der Champions League gibt es am Dienstagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ein Wiedersehen mit den Münchnern - dann soll sich Geschichte wiederholen.

Die Erinnerung an alte Erfolge ist Motivation für den SSC von heute. In der Serie A stellt Napoli mittlerweile wieder eines der stärksten Teams, zum Ende der Vorsaison belegte die Mannschaft Platz drei. In der Champions League schlug die Elf am zweiten Spieltag vor großer Kulisse den spanischen Top-Club FC Villarreal - in der vergangenen Europa-League-Saison waren die Spanier noch Endstation für die Italiener. Bei Manchester City, dem Tabellenführer der Premier League, gelang anschließend ein 1:1. Jetzt soll mit dem FC Bayern der Führende einer weiteren europäischen Top-Liga besiegt werden.

"Wir wollen die Champions League gewinnen", lautet das wenig bescheidene Ziel des Präsidenten Aurelio de Laurentiis. Der 62-Jährige ist, auch wenn sich dieser Satz so anhört, kein Dampfplauderer. Vielmehr hat der Filmproduzent in den vergangenen Jahren exzellente Aufbauarbeit im Club geleistet. Vor sieben Jahren, als der SSC Neapel Konkurs anmelden musste, startete er mit dem neugegründeten Verein Napoli Soccer eine Aufholjagd aus der Serie C. 2006 holte er die alten Namensrechte des SSC zurück.

Präsident hat 170 Millionen Euro in Spieler investiert

Mit dem Erreichen der Serie A ein Jahr später begann die Phase der Großinvestitionen. Für 170 Millionen Euro hat de Laurentiis seitdem Spieler gekauft. Der aktuelle Kader kostet gut 41 Millionen Euro Gehalt. Das ist durchaus gut angelegtes Geld. Der Uruguayer Edinson Cavani, der Argentinier Ezequiel Lavezzi und der Slowake Marek Hamsik bilden inzwischen eines der interessantesten Offensivtrios im europäischen Fußball.

Hamsik ist ein dynamischer Spielgestalter, der selbst oft den Abschluss sucht. Lavezzi reißt als trickreicher Dribbler viele Lücken und versteht es immer besser, den entscheidenden Pass zu spielen. Cavani startet gern aus der Tiefe nach vorn, kann sich dank seiner Physis aber auch im Strafraum durchsetzen.

Die Abwehr ist zwar weniger prominent besetzt, aber defensiv solide. Die Außenverteidiger Salvatore Aronica und Hugo Campagnaro können zudem das Spiel eröffnen. Das Mittelfeld wurde in diesem Sommer mit den Schweizer Nationalspielern Gökhan Inler und Blerim Dzemaili sowie dem italienischen Internationalen Marco Donadel verstärkt. Auf den Außenbahnen sorgen Christian Maggio und Andrea Dossena, die ebenfalls zum erweiterten Auswahlkader von Nationaltrainer Cesare Prandelli gehören, für Druck.

Lob vom früheren Torwartidol Zoff

"Napoli hat eine exzellente Mannschaft. Ihre Stärken bestehen vor allem im schnellen Umschalten auf das Offensivspiel", sagt Italiens früheres Torwartidol Dino Zoff, der selbst auch für den Verein am Fuße des Vesuv spielte. Diese Stärke ist zugleich die Achillesferse der Truppe. Lässt sie es einmal an Einsatzwillen mangeln, erobert der Gegner den Raum. Dann zündet auch der Turbo für die eigenen Tempostöße nicht.

Zwei Niederlagen - gegen Chievo und zuletzt gegen Parma - zog sich Napoli auf diese Art und Weise zu. Beide erfolgten jeweils vor Champions-League-Spielen. Die Bayern sollten Napolis 1:2-Niederlage am Samstag aber nicht als Zeichen für einen bevorstehenden Spaziergang missdeuten. Denn die Italiener haben zwei Gesichter: ein fahles Antlitz bei Gegnern, die sie für leicht erachten, und eine wild entschlossene Miene gegen nominell starke Mannschaften. "Es ist gut, dass wir gegen Parma verloren haben. So sind wir auf den Boden der Realität zurückgeholt und können aus unseren Fehlern lernen", sagte Flügelspieler Maggio.

Der Club steht mittlerweile für das neue Neapel

Hinter ihm und seinen Kollegen steht Dienstagabend eine ganze Stadt. "Gewinnt Napoli, dann haben die Leute die ganze Woche lang bessere Laune", sagt Marco, ein Fanartikelhändler auf der Piazza Dante. Für ihn ist der SSC zu einer guten Geschäftsgrundlage geworden. "Bis vor ein zwei Jahren haben die Leute meist zu Trikots von Milan, Juventus und Barcelona gegriffen. Jetzt machen wir aber auch mit Cavani, Lavezzi, Hamsik und Inler gute Umsätze", sagt er.

Am besten illustriert den Wandel ein Erlebnis des aktuellen Mannschaftskapitäns Paolo Cannavaro. Der wurde vor einigen Jahren von seinem Sohn geschockt, als sich dieser ein Juventus-Trikot wünschte. Cannavaro senior lehnte ab. Mittlerweile ist sein Sohn längst stolz darauf, in der Arbeitskleidung seines Vaters herumzulaufen.

Selbst der neue Bürgermeister Luigi de Magistris, ein früherer Antimafia-Staatsanwalt, der nach Ermittlungen gegen Silvio Berlusconi in seiner Arbeit ausgebremst wurde, erliegt dem Appeal des neuen SSC. Bei jedem Spiel sitzt er neben dem Präsidenten auf der Tribüne. Weil de Laurentiis bei seinem Neuanfang darauf geachtet hat, dass die Camorra keinen Einfluss auf den Club und auf die Spieler hat, ist der SSC nun auch zum Symbol des "Napoli per bene", der ehrlichen Leute in der Stadt geworden.

Von dem Glanz der alten Stars will freilich auch de Laurentiis profitieren. "Wir würden gern ein Spiel zwischen Napoli-Allstars mit Maradona und dem neuen organisieren", so der Präsident. Aber einem solchen Duell standen die alten Steuerschulden der argentinischen Fußball-Legende beim italienischen Fiskus bislang im Wege.

Maradona war auch damals mit von der Partie, als Napoli 1989 die Bayern schlug. Der Trainer der Münchner vor 22 Jahren hieß übrigens Jupp Heynckes.

insgesamt 2 Beiträge
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ErekoseSK 18.10.2011
1.
Danke für den guten Artikel. Wusste zuvor so gut wie nichts über denen. Was ich ein wenig schade finde ist, dass nicht auf die negative Vergangenheit eingegangen wurde.
Achim 18.10.2011
2. Endspiel(e)
»Weil anschließend mit den damaligen Superstars Diego Maradona und Careca im Team auch das Endspiel gegen den VfB Stuttgart gewonnen wurde, ..« Erstens gab es damals zwei Endspiele: in Neapel gewann der SSC 2:1 und in Stuttgart gab es ein 3:3. Zweitens verdankte der SSC Neapel seinen Sieg einem Schiedsrichter, der derart skandalös pfiff, dass die UEFA ihn anschließend sperrte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor dem Fernseher die Wände hochgegangen bin, als der VfB in Neapel betrogen wurde.
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