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08. März 2001, 14:27 Uhr

Bayern-Krise

Hitzfeld im Visier

Nach den vielen Pleiten des FC Bayern München in der letzten Zeit wird nun auch für Trainer Ottmar Hitzfeld die Luft beim ins Trudeln geratenen deutschen Meister immer dünner.

Ottmar Hitzfeld: "Es ist vielmehr eine Frage des Kopfes"
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Ottmar Hitzfeld: "Es ist vielmehr eine Frage des Kopfes"

München - Erstmals in seiner knapp dreijährigen Amtszeit bei den Bayern musste sich Hitzfeld, der erst kürzlich seinen Vertrag bis 2004 verlängert hatte und bisher als unantastbar galt, sogar indirekt Vorwürfe gefallen lassen.

FCB-Präsident Franz Beckenbauer hatte nach der 0:3-Niederlage in der Champions League bei Olympique Lyon, der etliche schwache Vorstellungen in der Bundesliga vorausgegangen waren, kein gutes Haar am derzeitigen Zustand der Mannschaft gelassen und damit Hitzfeld ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.

"So, wie wir gespielt haben, das hat nichts mit Fußball zu tun", hatte Beckenbauer gepoltert und die klägliche Darbietung in Frankreich mit dem "Altherrenfußball der Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft" verglichen. Die Abrechnung gipfelte in der für Hitzfeld wenig schmeichelhaften Analyse: "So hat man vielleicht mal vor 30 Jahren gespielt."

"Er hat unser vollstes Vertrauen"

Zwar ist der Bayern-Boss inzwischen zurückgerudert ("Er hat unser vollstes Vertrauen. Mir ging es darum, die Mannschaft aufzurütteln"), aber die Diskussion um Hitzfelds Zukunft in München wird deshalb nicht verstummen. Verdächtig ist auch, dass Kapitän Stefan Effenberg meint, dem Coach demonstrativ den Rücken stärken zu müssen: "Es gibt keinen Grund, irgendetwas in Frage zu stellen. Der Trainer hat nach wie vor Zugang zur Mannschaft. Wir haben intern viel geredet."

Trotz allen Zuspruchs wirkt der mittlerweile nicht mehr sakrosankte Übungsleiter ratlos wie nie. "Es wäre zu einfach, zu sagen, die Spieler würden nicht zuhören. Es ist vielmehr eine Frage des Kopfes. Daran müssen wir arbeiten", flüchtete sich der 52-Jährige in Allgemeinplätze und gesteht: "Es geht darum, dass die Mannschaft nicht auseinanderfällt."

"Wir müssen noch enger zusammenrücken"

Um der Auflösung entgegen zu wirken beschwört Hitzfeld altbewährt auf den Teamgeist: "Wir müssen noch enger zusammenrücken und eine Trotzreaktion zeigen." Noch direkt nach dem Debakel von Lyon hatte Hitzfeld angekündigt, ordentlich dazwischenzuhauen. Nun meint der frühere Trainer von Weltpokalsieger Borussia Dortmund, dass es nichts bringe, "reinzuschlagen".

Ähnlich wankelmütig zeigte sich Hitzfeld auch bei seinen spieltaktischen Entscheidungen. Mal ließ er mit Dreierkette spielen, dann vertrauter er der Vierer-Variante. Keiner der in dieser Saison auf dem Liberoposten tätigen Profis - Ciriaco Sforza, Patrick Andersson oder Jens Jeremies - war ein wirklicher Abwehrchef.

Ottmar Hitzfeld und Stefan Effenberg: Gemeinsam aus der Krise
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Ottmar Hitzfeld und Stefan Effenberg: Gemeinsam aus der Krise

Doch in punkto Verstärkungen, wie sie Effenberg vehement fordert ("Hoeneß muss neu einkaufen"), sieht es schlecht aus. Lediglich Pablo Thiam vom VfB Stuttgart steht als Neuzugang fest. Dabei weiß auch Hitzfeld um die Notwendigkeit, den Kader zu verstärken: "Wir brauchen mehr Substanz, um die Erwartungen zu erfüllen. Wir brauchen zwei, drei neue Leistungsträger."

Vorerst muss sich Hitzfeld jedoch mit dem bestehenden Kader begnügen. Sein Ansatz zur Krisenbewältigung ist simpel: "Wenn wir am Samstag das Bundesligaspiel gegen Cottbus gewinnen und am Mittwoch gegen Arsenal ins Viertelfinale der Champions League einziehen, ist die Welt wieder in Ordnung."

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