Bayern-Legende Elber "Der Sieger ist da"

Giovane Elber ist der erfolgreichste ausländische Torjäger in der Geschichte der Bundesliga. Mit dem Magazin "11 FREUNDE" spricht der Brasilianer über die schönste Zeit seiner Karriere, fatale Clubwechsel und seine Rolle bei millionenschweren Deals des FC Bayern.

Frage: Herr Elber, was war das Geheimnis Ihrer großen Karriere?

Elber: Für meine Entwicklung war ein langsamer Aufstieg ganz entscheidend. Meine erste Station in Europa war der AC Mailand, wo ich aber zu keinem Pflichtspieleinsatz kam. Schnell wurde ich dann zu den Grashoppers Zürich ausgeliehen und das war sehr wichtig. Dort konnte ich in einer schwächeren Liga, ohne viel Druck, den europäischen Fußball kennen lernen. So war auch der Einstieg beim VfB Stuttgart leichter, weil ich schon die Sprache konnte und wusste, was für ein Spielstil auf mich zukommt. Auch Stuttgart war eine Art Vorbereitung, diesmal für den FC Bayern.

Frage: War die Zeit bei Bayern München die schönste Ihrer Laufbahn?

Elber: Schwer zu sagen, weil viele meiner Stationen schöne Aspekte hatten. Die Zeit in Zürich etwa, als ich zunächst dachte, den Durchbruch nicht zu schaffen und dann aber sehr erfolgreich war. Oder auch die drei Jahre beim VfB Stuttgart, wo wir wie eine Familie waren.

Frage: Warum dann der Wechsel nach München?

Elber: Weil man immer mehr will. Man will wissen, ob man bei einem ganz großen Verein auch so erfolgreich spielen kann. Daher habe ich den Schritt gemacht und bin zum FC Bayern gegangen. Dort verlief das erste Jahr, zusammen mit Trapattoni, überhaupt nicht nach meinen Vorstellungen. Der Trainer ließ viel auf Taktik spielen, viel defensiver als zuvor bei Stuttgart, und für einen Angreifer war es dadurch schwieriger als bei Stuttgart. Ich habe dadurch in München aber gelernt, dass man mit zu offensivem Spiel keine Titel gewinnt.

Frage: Was war das eigentlich für eine Mannschaft damals beim FC Bayern?

Elber: Als ich 1997 zu den Bayern kam, war es mehr ein Team voller Einzelkämpfer. Aber dann ist Ottmar Hitzfeld gekommen, und der FC Hollywood war schnell Vergangenheit. Es herrschte Harmonie im Verein und auch bei den Spielern. Hitzfeld hatte ein sehr gutes Händchen dafür, wie man mit den Spielern umgehen muss. So haben wir auch zusammen große Titel gefeiert. Es war die beste Phase der Bayern in den vergangenen Jahren, und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich zusammen mit Hitzfeld und Spielern wie Oliver Kahn oder Stefan Effenberg diese Zeit erleben durfte.

Frage: Sie sprechen mit Kahn und Effenberg große Spielerpersönlichkeiten an. Braucht man solche Typen in einer erfolgreichen Mannschaft?

Elber: Ja, die braucht man in jedem Team. Diese Typen, die das restliche Team mitreißen. Bei einem wie Effenberg oder Kahn sagte alleine der Gesichtausdruck: "Der Sieger ist da, heute verlieren wir nicht". Bei uns hatte jeder der drei Mannschafsteile seinen Leader und hat perfekt zusammengespielt. Kahn hinten mit der Abwehr, Effenberg im Mittelfeld und ich mit anderen Spielern vorne. So hatten wir dann auch eine intakte Mannschaft, in welcher der eine für den anderen gelaufen ist.

Frage: Gerade Effenberg stand auch oft in der Kritik, wenn er schwache Leistungen gezeigt hatte.

Elber: Das stimmt. Er ist aber jemand, der uns den Rücken freihalten konnte, und daher hatten wir viel Respekt vor ihm. Wenn er keinen guten Tag hatte, teilte er uns mit, dass er uns nicht mitreißen kann. Oft sagte er: "Heute schieß ich 15 Bälle nach vorne, 15 mal werden es Fehlpässe sein, aber der sechzehnte wird ankommen und dann müsst ihr das Tor machen. Dann werden wir gefeiert." Wenn ihn die Fans mal auspfiffen wegen einer schlechten Leistung, nahm er es auf sich. Der Erfolg stand für ihn im Vordergrund. Das war auch eine seiner großen Stärken.

Frage: Und was war Ihre Rolle im Mannschaftsgefüge?

Elber: Ich war mehr der Spaßvogel, wusste aber auch, dass ich beim Spiel ernst und konzentriert sein muss. Ich hatte immer irgendwas bereit, wenn es schlecht lief. Ich habe nie den Mund gehalten in der Kabine, sondern immer was erzählt. Das war mehr mein Part, den Spielern die gute Laune zu bringen und sie zu halten. Und ich glaube, dass ich das gut gemacht habe.

Frage: Das fiel Ihnen sicher schwer, als Bayern 1999 das Champions-League-Finale gegen Manchester United 1:2 verlor. Die beiden Tore für die Engländer fielen in der Nachspielzeit. Wie haben Sie dieses Drama damals erlebt?

Elber: Ich war verletzt und saß zusammen mit Bixente Lizarazu auf der Tribüne. Der damalige Uefa-Präsident Lennart Johannson kam auf mich zu und forderte uns auf, zur Siegerehrung zu gehen. Also schaute ich zu Lizarazu rüber und sagte ihm: "Liza, wir sollen runter, wir haben das gewonnen". Tja, und dann verliert man so kurz vor Schluss noch so ein Spiel. Es war für jeden schwer, aber ich hatte noch viel mehr Mitleid mit den Spielern auf dem Platz, weil sie ihr Bestes gegeben haben. Aber zwei Jahre später hatten wir das nötige Glück und einen sehr guten Olli Kahn im Tor - und wurden selbst Champions-League-Sieger (5:4 i.E. gegen den FC Valencia; die Red.).

Frage: Glauben Sie, dass die heutige Bayern-Mannschaft ähnlich erfolgreich sein kann?

Elber: Ich glaube schon. Leider spielen sie diese Saison nur Uefa Cup. Aber die Mannschaft ist gut genug, um in der Champions League dabei zu sein, vielleicht sogar um das Endspiel zu erreichen. Um das zu schaffen, muss man aber mehr als gut spielen, man braucht Glück und eine intakte Mannschaft. Und sie müssen für einander kämpfen, spielerisch sind sie ja stark, nicht umsonst ist fast jeder einzelne Nationalspieler.

Frage: Sie wechselten 2003 zu Olympique Lyon - und schossen kurz darauf in der Champions League ein Tor gegen Bayern. Dennoch lief es in Frankreich anschließend nicht nach ihren Vorstellungen.

Elber: Ja, die erste Saison war ich enttäuscht, nicht vom Verein, sondern von mir selbst, weil ich nicht das gezeigt habe, was ich konnte. Ich dachte allerdings, dass das erste Jahr immer schwer ist und ich im nächsten Jahr richtig durchstarten kann. Leider passierte dann die Verletzung (Bruch des Wadenbeins; die Red.). Ich wurde zuerst in Lyon operiert und später in Deutschland ein zweites Mal. Dann habe ich mir gesagt, dass ich in Lyon nicht bleiben kann, weil ich dem Mannschaftsarzt nicht mehr in die Augen schauen konnte. Denn ich wusste, er hatte Fehler gemacht. Der Präsident von Lyon wollte es nicht akzeptieren. Also bat ich darum gehen zu dürfen, ohne Geld zu fordern, worauf das Angebot von Gladbach kam.

Rückkehr in die Bundesliga: "Ich wurde vor falsche Tatsachen gestellt"

Frage: Sie folgten dem Ruf und kehrten in die Bundesliga zurück. War das aus heutiger Sicht ein Fehler?

Elber: Ich wurde in Gladbach vor falsche Tatsachen gestellt. Man hatte große Pläne und wollte eine starke Mannschaft aufbauen fürs nächste Jahr. Sie planten mit mir trotz meiner schweren Verletzung. Doch auf einmal war der Trainer weg (Dick Advocaat; die Red.) und es kam Horst Köppel, mit dem ich gar nicht zu recht kam. Ich hab mir den Arsch aufgerissen, weil ich unbedingt spielen wollte. Ich habe im Training alles gegeben, um wieder zu spielen, aber leider hatte der Trainer immer eine andere Meinung von meinem Zustand. Er redete mir ein, dass ich noch verletzt sei. Dann bin ich von mir aus gegangen, weil der Respekt nicht mehr da war.

Frage: Haben Sie den Wechsel zur Borussia bereut?

Elber: Ja, ein bisschen. Ich war überzeugt, dass man in Gladbach mit diesen Fans und diesem Stadion etwas aufbauen kann. Aber leider ist es nicht passiert. Es war schade für die Fans, ihnen wurde viel versprochen, und es haben auch viele Trikots mit meinem Namen gekauft. Sie haben mich aber nur zweimal auf dem Platz gesehen. Das ist leider auch Fußball.

Frage: Sie ließen ihre Karriere dann in Brasilien ausklingen. Eine schöne Erfahrung?

Elber: Es war nur eine Saison in Brasilien. Aber ich hatte hier noch nie gespielt und es machte mir sehr viel Spaß. Auch wenn es ganz anders ist als in Europa und nicht so gut organisiert: Das Schönste war mein erstes Spiel in der Heimat, in dem ich gleich mein erstes Tor erzielte. Dieses Glücksgefühl war absoluter Wahnsinn.

Frage: Trotz ihrer Erfolge mit den Bayern absolvierten Sie nur 15 Länderspiele. Tut es ihnen weh, dass es nicht mehr Einsätze für die Seleçao wurden?

Elber: Ich war immer stolz, in der Nationalmannschaft zu spielen und dabei zu sein. Wenn man sieht, wie viele Brasilianer in dieser Welt spielen, dann ist es eine Ehre, unter den 18 oder 20 besten brasilianischen Spielern zu sein. Aber klar will man immer spielen und ist nie zufrieden. Leider hatte ich zu meiner Zeit große Konkurrenz: Romario, Bebeto, Ronaldo in seiner besten Form – es war sehr schwer. Trotzdem bin ich weder enttäuscht, dass ich zu wenig gespielt habe, noch, dass ich nie bei einer WM gespielt habe. Zum Schluss sage ich: Alles, was ich in meiner Karriere erreicht habe, hätte ich mir niemals erträumt. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich alles genauso machen.

Frage: Sie haben die Giovane Elber-Stiftung für Straßenkinder ins Leben gerufen. Sehen Sie es als Verpflichtung an, ihrer Heimat etwas zurückzugeben?

Elber: Eine Pflicht war es nicht, es kam von Herzen. Ich gründete den Verein, damit Kinder auf der Straße eine Zukunft haben. Es ist einfach schön, wenn man so etwas machen kann. Ich habe das Glück gehabt, dass ich neben mir immer gute Leute gehabt habe, die diese Idee auch sehr gut unterstützt haben. Ich sage immer folgendes: Ich habe fast nur meinen Namen gegeben, die anderen haben die harte Arbeit gemacht. Sie haben Geld gesammelt, mit Sponsoren gesprochen. Trotzdem bin ich froh, mitgeholfen zu haben und heute noch bei diesem Projekt dabei zu sein.

Frage: Sie arbeiten heute zudem als Talent-Scout für Bayern München in Südamerika. Gefällt ihnen der Job?

Elber: Ja, eine schöne Arbeit. Man ist ständig unterwegs und schaut sich Spieler an. Dann ruft man bei Hitzfeld oder Uli Hoeneß an und erzählt ihnen von den Guten. Sagt ihnen, sie sollen sich den anschauen, weil das ein Großer werden kann. So ähnlich ist das jetzt auch mit Breno passiert.

Frage: Jenem 18-jährigen Verteidiger, für den Bayern viel Geld ausgegeben hat. Haben Sie diesen Transfer eingefädelt?

Elber: Ja, ich habe ihn fünf oder sechs Mal angeschaut. Habe dann noch mit dem Trainer gesprochen, der wie Paul Breitner auch in Brasilien war und ihn sich selbst angeschaut hat. Zum Schluss waren wir derselben Meinung: Ein guter Junge, den man kaufen muss. Das hat der FC Bayern dann ja auch gemacht.

Die Fragen stellte Peter Wagner