Analyse der Bayern-Meisterschaft Die Wucht der Balance

Die historische Bayern-Mannschaft basiert auf einem Ausnahme-Kader - und einem Ausnahme-Trainer. Jupp Heynckes schaffte es, aus seiner Startruppe ein harmonisches Gefüge zu machen, mit Rotation und Rochaden. Und ohne Hahnenkämpfe.

Von Christoph Leischwitz und Sebastian Winter, München


Im Eiltempo sprinteten die Bayern-Profis auf ihre Fankurve zu und gingen per Bauchklatscher zu Boden, Franck Ribéry gab samt Megafon den Einheizer und, ja, selbst Matthias Sammer grinste. Der historischen 23. Meisterschaft angemessen, der schnellsten in der bisherigen Bundesliga-Geschichte, jubelten die Bayern-Profis und natürlich ließen sie auch Trainer Jupp Heynckes noch hochleben. Das 1:0 in Frankfurt war der vorläufige Höhepunkte einer schon jetzt vor Höhepunkten strotzenden Saison.

Nach ihren beiden meisterlosen Jahren und der Dortmunder Dominanz haben die Bayern an verschiedenen Stellschrauben gedreht, an denen sie drehen mussten. Sie holten zunächst mit Sammer einen neuen Sportdirektor, dann kauften sie ganz gezielt Spieler für strategisch wichtige Positionen ein, die das Mannschaftsgefüge veränderten.

So hat zum Beispiel Innenverteidiger Dante in jeder Beziehung Stabilität gebracht: Jérôme Boateng wirkte an seiner Seite wesentlich sicherer als noch im Vorjahr ohne ihn. Und der eher unbewegliche Daniel van Buyten hat neben Dante erstaunlich souveräne Spiele gemacht. Sogar der Ausfall von Holger Badstuber (Kreuzbandriss) wog da nicht mehr so schwer.

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Bayern München: Der historische Titel
Doch in gewisser Weise ist Dante kein typischer Bayern-Einkauf. Denn bei der Zusammenstellung des neuen Kaders in der Sommerpause wurde verstärkt darauf Wert gelegt, Spieler zu haben, die verschiedene Positionen spielen können. Xherdan Shaqiri ist eine Allzweckwaffe, die nur noch nicht so oft zum Einsatz kam, weil die Stammspieler in der Offensive gut spielten und kaum verletzt waren. Javier Martinez war mit 40 Millionen Euro deshalb so teuer, weil er nicht nur im Mittelfeld, sondern auch in der Innenverteidigung spielen kann - und beides auf Top-Niveau.

Und Mario Mandzukic ist mehr als nur ein Stürmer, denn er hilft tatkräftig mit, dass die Bayern oft genug den Ball in der gegnerischen Hälfte überhaupt erst erobern. Mannschaftsdienlichkeit ist das Schlüsselwort, was man gut an der einstigen "Flügelzange" Ribéry/Robben sehen kann: Während Ersterer nun viel mehr nach hinten arbeitet und eine überragende Saison spielt, steht Letzterer aufgrund seiner Eigenwilligkeit oft in der Kritik - und meist nicht in der Startelf.

Jupp Heynckes fand die optimale Balance

Neben den wertvollen Zukäufen und stark spielenden Eckpfeilern wie Lahm, Alaba, Schweinsteiger, Ribéry, Kroos und Müller hat ein Mann besonderen Anteil an der starken Bayern-Saison: Trainer Jupp Heynckes. Selten sah sich ein Trainer bei den Bayern so wenig Kritik ausgesetzt wie in dieser Spielzeit. Er hat das komplizierte Profigebilde hervorragend ausbalanciert und durch kluge Rotation kaum Hahnenkämpfe aufkeimen lassen. Er legt dabei sehr viel Wert auf Spielpraxis. Sogar die vermeintliche zweite Reihe mit Spielern wie Shaqiri, Emre Can oder Diego Contento musste die ganze Saison über durch bayerische Dörfer tingeln und ein Testspiel nach dem anderen bestreiten.

Heynckes hat noch etwas anderes gemacht, was die Dortmunder nach ihrer Pokalniederlage in München so sehr erzürnte, dass die "Plagiatsaffäre" daraus entstand: Er ordnete das Defensivverhalten der Mannschaft neu. Das frühe Gegenpressing mag sehr an das Dortmunder Spiel erinnern. Doch es kommt eine wichtige Komponente hinzu: Die Bayern-Spieler sind erfahrener als ihre jungen Dortmunder Kollegen. Und das gilt vor allem für jene Spieler, die oft auf der Bank sitzen und eingreifen, wenn andere verletzt sind.

Der Kader ist damit ausgeglichener als beim BVB - so hat etwa Aushilfsspieler van Buyten bessere Leistungen gezeigt als der Aushilfsspieler Felipe Santana. Damit sind die Bayern weniger abhängig von der Leistung Einzelner, wie Dortmund etwa von Reus oder Götze. Das vergleichsweise hohe Durchschnittsalter vieler Leistungsträger (Schweinsteiger 28, Dante, Lahm, Ribéry 29) zeigt auch, dass die Bayern mittelfristig eine Verjüngungskur gebrauchen können.

Rotation und Rochaden in Perfektion

Insgesamt haben die Bayern ein in sich schlüssiges Konzept geschaffen, mit dem sie auf fast alle Eventualitäten reagieren können: Verletzte Spieler werden auf fast jeder Position gleichwertig ersetzt. Zur Rotation wird auch oft eine unberechenbare Rochade beigemischt, wenn zum Beispiel Ribéry und Robben oder Robben und Müller mitten im Spiel die Seiten tauschen.

Die Hoeneß-Schimpftirade nach zwei mäßigen Leistungen in der Liga und dem knappen Weiterkommen gegen den FC Arsenal (0:2) in der Champions League hat allerdings gezeigt, dass der FC Bayern sich nicht ausruhen darf - wofür es jedoch erste Anzeichen gab.

Sollte etwa Dortmund im internationalen Wettbewerb weiterkommen als die Bayern, steht gleich wieder ein Makel hinter dieser an sich so souveränen Saison. Und deshalb ist auch klar, was der FC Bayern mit dem Rest der Bundesliga-Saison anfangen wird. Sie nehmen sie als gutes Training für ihre nächsten Ziele: zwei weitere Titel.

insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
scooby11568 07.04.2013
1. Für mich wäre das kein Makel!
Hängt ja auch immer vom Gegner ab. Und sollte der BVB die CL gewinnen, wird anständig gratuliert. Wieder ein Ziel für die nächste Saison ;-)
badduck 07.04.2013
2. Dortmund
wünsche ich als Trostpreis ein CL Finale gegen den FcB, das sie krachend gewinnen sollen. :-)
würstl 07.04.2013
3. Trainer
Was die beiden Trainer des BHV und von Bayern gemeinsam haben ist, dass sie mit Menschen umgehen können und dafür sorgen, dass auch die " Egoisten" sich manschaftsdienlich verhalten. Die Kader der Bayern ist GESAMT gesehen stärker und weniger abhängig von einzelnen Spielern. Beide Trainer stellen sich vor die Mannschaft und man hat einfach den Eindruck, dass sie es wirklich so meinen und nicht nur Lippenbekenntnisse von sich geben.Die haben beide eine sehr hohe emotionale Kompetenz und dadurch den Respekt und die Anerkennung Ihrer Meinung durch die Spieler. Und das haben die wenigsten Trainer .- weltweit...Die anderen haben Erfolg.
zimex 07.04.2013
4. Sammer
Habe gestern das Interview mit Sammer im ZDF verfolgt, hätte nicht geglaubt das der soviel Humor hat und sich selbst soweit zurücknehmen kann. Findet Sammer seinen Platz und setzt nicht nur verbale Duftmarken, hat Bayern auch auf diesem Posten einen Glücksgriff getan.
schiff951 07.04.2013
5. Treffend
Diesem obigen Kommentar ist, aus der Sicht eines FC Bayern-Fan, überhaupt nichts hinzuzufügen. Er trifft es auf den Punkt.
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