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Bayern-Keeper Ulreich "Der Ulle hält richtig gut"

Einst Risikofaktor, jetzt Rückhalt: Unter Jupp Heynckes hält Sven Ulreich stark. Der 29-Jährige war auch beim Sieg in Anderlecht der Mann des Abends. Das ist wichtig, denn Manuel Neuer wird wohl noch länger fehlen.

Sven Ulreich war zu spät. Eine Stunde nach Abpfiff hetzte er nach seiner längeren Dopingkontrolle durch die Gänge des Stadions Constant Vanden Stock, doch: vergeblich. Der Mannschaftsbus des FC Bayern war da schon längst abgefahren. Ohne ihn.

Ein Shuttle-Service brachte den Torwart schließlich ins Mannschaftshotel am Brüsseler Boulevard de Waterloo, wo sie beim Bankett auf das 2:1 beim RSC Anderlecht anstießen. Ein Sieg, der glücklich - und vor allem dem Torwart zu verdanken war.

Ulreich, der einst die Nummer zwei hinter Manuel Neuer war, und nach einigen Fehlern noch im September von Lothar Matthäus öffentlich verspottet wurde - genau dieser Ulreich hat sich seit dem Amtsantritt von Jupp Heynckes zum großen Rückhalt des FC Bayern entwickelt.

Am Mittwochabend überschütteten ihn nicht nur die eigenen Mitspieler mit Lobeshymnen, sondern auch der eigene Trainer. "Ohne Sven", sagte Heynckes, "wären wir nach der ersten Halbzeit schon klar hinten gelegen." Mats Hummels sagte: "Der Ulle hält seit Wochen richtig gut. In jedem Spiel hält er ein, zwei Riesendinger, heute sogar noch mehr. Damit sichert er uns die Punkte." Dass Ulreich so oft gebraucht wird, spricht nicht für die Defensive der Bayern.

Dreimal hatte der 29-Jährige in den ersten 45 Minuten gegen Anderlecht stark pariert, zweimal gegen Lukasz Teodorczyk, einmal gegen Dennis Appiah, die jeweils frei vor ihm zum Schuss gekommen waren. Nur beim Ausgleichstor durch Sofiane Hanni (63.) war er machtlos. "Sven wird immer besser", sagte auch Sebastian Rudy später, "gerade in den Eins-gegen-eins-Situationen ist er überragend. Gut zu wissen, dass man auf ihn zählen kann."

Patzer, Spott, "Sehschwäche"

Zählen konnte man auf Sven Ulreich vor zwei Monaten nur bedingt, nach der neuerlichen Verletzung von Manuel Neuer. Ein schwerer Patzer beim 2:2 gegen den VfL Wolfsburg, als er sich einen Freistoß selbst ins Netz faustete. Es folgten unglückliche Aktionen beim 0:3 in Paris, mit denen er sich den Hohn von Matthäus einfing, als ihm der Rekordnationalspieler eine "Sehschwäche" unterstellte. Auf dem Platz war Ulreich die Symbolfigur der Bayern-Krise.

Das Paris-Spiel war das letzte von Carlo Ancelotti. Und das letzte, in dem Ulreich danebengriff. Seitdem wurde er immer mehr zur großen Stütze der Bayern. Ein Verdienst des neuen Coachs? "Der Trainer hat viel Ruhe reingebracht", sagte Ulreich dieser Tage. Ruhe in die Mannschaft und in ihn selbst. Ruhe, die er nun auch mit seiner Körpersprache ausstrahlt. Im September wirkte er verunsichert, manchmal fast überfordert mit der Situation, den weltbesten Torhüter vertreten zu müssen. Inzwischen ist auf Ulreich Verlass.

Einen starken Ulreich brauchen sie in München wohl auch nach der Winterpause. "Ich weiß nicht, ob Manuel Neuer zum Rückrundenstart wieder zur Verfügung steht", sagte Klub-Boss Karl-Heinz Rummenigge am Dienstag. Klar ist: Die Bayern werden jegliches Risiko vermeiden, Neuer zu früh zu reaktivieren, nachdem er sich im September den bereits auskuriert geglaubten Mittelfuß erneut gebrochen hatte. Es geht darum, dass Neuer für den wichtigen Saisonendspurt wieder fit ist. Und natürlich auch für die WM.

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Bayerns Erfolg beim RSC Anderlecht: Friedl, Freude, Eierkuchen

Foto: JOHN THYS/ AFP

Das entspricht der Philosophie von Heynckes, der schon immer verletzten Spielern lieber mehr als zu wenig Zeit gab, um sich komplett zu erholen. "Manuel fängt nicht vorher an, bevor er wieder ganz gesund ist", sagte der Trainer.

Anders klang das unter Ex-Trainer Pep Guardiola, der seine angeschlagenen Profis so schnell wie möglich wieder auf dem Platz sehen wollte und dem Genesungsprozesse viel zu lange dauerten - ein Hauptgrund, warum sich Guardiola damals mit Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt überwarf und der Bayern-Doc gehen musste. Bezeichnend, dass gerade am Mittwoch der 75-Jährige sein Comeback auf der Bank gab und er sichtlich in seinem Element war, als er wie früher mit dynamisch wallendem Haar aufs Feld sprintete. Der Grund: Thiago lag verletzt am Boden. Er wird wohl mehrere Monate ausfallen.

Auch Arjen Robben humpelte mit Schmerzen vom Platz. Trotz drohender Verletzungssorgen war nach dem neunten Sieg im neunten Spiel unter Heynckes das Selbstbewusstsein hoch, so sprach Hummels am Ende des Abends sogar noch vom Gruppensieg in der Champions-League-Vorrunde: "Wir wollen Erster werden." Dazu bräuchte es allerdings am 5. Dezember einen Sieg gegen Paris mit vier Toren Unterschied.

RSC Anderlecht - Bayern München 1:2 (0:0)
0:1 Lewandowski (51.)
1:1 Hanni (63.)
1:2 Tolisso (77.)
Anderlecht: Sels - Appiah, Spajic, Kara, Deschacht - Trebel, Kums - Gerkens (64. Onyekuru), Dendoncker, Hanni (70. Bruno) - Teodorczyk (82. Harbaoui)
München: Ulreich - Kimmich, Boateng, Süle, Friedl - Tolisso, Rudy - Robben (47. Martinez), Vidal (87. Hummels), Thiago (44. James) - Lewandowski
Schiedsrichter: Taylor (England)
Gelbe Karten: Spajic, Dendoncker / Boateng, Lewandowski, Ulreich
Zuschauer: 20.000

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