Bayern-Zittersieg im Pokal "Vier Stück, das geht gar nicht"

Nach dem Dusel-Erfolg im Pokal schimpft Niko Kovac auf die eigene Mannschaft. Dabei wirkte auch der Trainer selbst während der Partie planlos. Vor dem Topspiel gegen Dortmund herrscht gereizte Unruhe beim FC Bayern.

Matthias Balk DPA

Von Florian Kinast, München


Der Heidenheimer Mannschaftsbus war schon lange auf dem Heimweg, als noch einmal Denis Thomalla im Bild war. Ein Fernsehmonitor in den Katakomben der Münchner Arena zeigte die Großchance nach 81 Minuten, wie Thomalla alleine vor dem Bayern-Tor auftauchte und dann an Torwart Sven Ulreich scheiterte. Beim Stand von 4:4. Auch wenn die großen Bayern eine Blamage verhindern konnten und sich gerade noch gegen den kleinen Zweitligisten ins Halbfinale zitterten - der erquälte Sieg änderte nichts daran, dass bei den Münchnern nach dem Spiel schlechte Stimmung herrschte und ziemlich dicke Luft.

Ausgerechnet drei Tage vor dem richtungsweisenden Meisterschaftsspiel gegen Borussia Dortmund machte sich Ratlosigkeit breit. "Wenn man so ein Spiel sieht", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic, "dann muss man nachdenklich sein." Nachdenklich machte dabei allerdings nicht nur die Einstellung mancher Spieler. Sondern auch die des Trainers.

Natürlich war Niko Kovac später angezählt, wirkte aufgebracht und schimpfte auf seine Mannschaft, dass es ihr nicht gelang, eine 4:2-Führung über die Zeit zu spielen und dass Heidenheim stattdessen innerhalb von drei Minuten wieder den Ausgleich schoss. "Was mich absolut ärgert, dass man als Bayern München das nicht so verwalten kann, als sicherer Sieger vom Platz zu gehen", empörte er sich und legte nach: "Wenn es wild wird, ist es nicht das, was ich mir vorstelle. Vier Stück kassieren, das geht gar nicht. Mich ärgert, dass so viele Nationalspieler das nicht runterspielen, wie es sein müsste."

Kovac meinte dabei sicher auch Ex-Nationalspieler wie Thomas Müller, Mats Hummels oder Jérôme Boateng, von dem weiter unten noch die Rede sein wird. Doch gerade an diesem Abend schien es, als ob es sich Kovac mit seiner Spielerschelte doch zu einfach machte - und er sich stattdessen vielleicht auch selbst hinterfragen sollte.

Kovac fehlt die Notfallstrategie

Am Mittwoch offenbarte sich, dass Kovac immer wieder ein Plan B fehlt, eine Notfallstrategie, falls das Spiel eine unerwartete Wendung nimmt. So wie es ihm auch beim 1:3 gegen Liverpool nicht gelang, sein System umzustellen, mit neuer Taktik mutiger zu spielen, um sich gegen das Aus in der Champions League aufzubäumen, so schien ihn am Mittwoch auch der Platzverweis gegen Niklas Süle nach einer Viertelstunde aus dem Konzept zu bringen. Fast zehn Minuten lang wirkten die Spieler orientierungslos, ohne Ansagen von außen, wie sie sich neu positionieren sollten. Erst dann brachte Kovac Boateng und nahm Franck Ribéry vom Feld.

Gestatten: Robert Lewandowski, Bayern-Retter
Sven Hoppe DPA

Gestatten: Robert Lewandowski, Bayern-Retter

Mochte Kovac nach der Pause, wo es in der Kabine laut Auskunft von Leon Goretzka "sehr laut" geworden war (offen blieb dabei, ob von Seiten des Trainers oder der Spieler untereinander), auch folgerichtig Robert Lewandowski bringen und Kingsley Coman: Während einer Partie und mitten im Spiel flexibel zu reagieren, mit Anweisungen und Umstellungen, um etwa nach drei Toren in der zweiten Halbzeit das 4:2 nach Hause zu spielen, diese Fähigkeit lässt Kovac beim FC Bayern vermissen. Auffällig waren dafür auch am Mittwoch wieder einmal seine permanenten Diskussionen mit dem vierten Offiziellen, an dem er zwar seinen aufgestauten Frust abbauen konnte, die aber seine Mannschaft auch nicht weiterbrachten.

Selbstkritik übten immerhin einige Spieler, Leon Goretzka etwa räumte bei sich selbst seine fahrlässige Einstellung ein: "Nach meinem 1:0 dachte ich, dass es ein relativ entspannter Spätnachmittag wird." Ein Trugschluss. Niklas Süle hingegen nannte den Platzverweis gegen ihn eine vertretbare Entscheidung, wollte aber das Spiel seiner Kollegen in Unterzahl nicht als Ausrede gelten lassen: "Wenn du 4:2 führst, musst du das über die Zeit bekommen. Egal, ob mit sieben Mann, mit elf oder mit 15." Oder eben zu zehnt.

Die Party nach dem Topspiel steht schon

Zu allem Überfluss murrte später auch noch Renato Sanches, als er erneut über seine Dauerreservistenrolle klagte: "Ich bin nicht glücklich. Das ist schwer für mich." Dazu sorgt gerade auch Jérôme Boateng für Unruhe, kündigte er doch kürzlich für Samstagabend nach dem Spiel gegen Dortmund eine große Sause in Münchens Nobeldisco P1 an. Es geht dabei um die Präsentation seines neuen Magazins namens "Boa".

Eine rauschende Party zu plakatieren vor so einem bedeutsamen Spiel - und in jedem Fall - zu feiern, auch im Falle einer bitteren Niederlage, dürfte nicht das sein, was sich Karl-Heinz Rummenigge vorstellte, als er einst mahnte, Boateng solle mal wieder "down to earth" kommen. Und auch Sportdirektor Salihamidzic ging am Mittwoch hörbar auf Distanz: "Ich würde das als Spieler nicht machen, besonders wenn man nicht weiß, wie das Spiel ausgeht. Wenn er mich gefragt hätte, hätte ich ihm davon abgeraten." Aber gefragt hat er ihn natürlich nicht, der Boa den Brazzo.

Es herrscht also gereizte Spannung bei den Bayern. Der Zittersieg gegen Heidenheim machte klar, dass solch ein Auftritt nicht reichen wird gegen Dortmund. "Immerhin haben wir fünf Tore geschossen", sagte Thomas Müller auf der Suche nach den erfreulichen Erkenntnissen, "wir müssen jetzt das Positive rauspicken."

Das Spiel am Samstag beginnt auch um halb sieben. Gegen Dortmund werden Leon Goretzka und die Bayern immerhin von Anfang an wissen: Es wird garantiert kein entspannter Spätnachmittag.



insgesamt 101 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 04.04.2019
1. Eine tolle Leistung von FCH
Heidenheim hat gezeigt, wie man den Top Favorit ins Wanken bringt. Schade um den 11-m in den letzten Spielminuten. Das wäre eine Sensation gewesen, wenn der FCH die Bayern in die Verlängerung gezwungen hätte. Trotzdem, sehr gute Spielmoral von FCH. Das lässt auf ein tolles Wochenende hoffen, bei dem dann der BVB (hoffentlich) als Sieger vom Platz geht.
andreasm.bn 04.04.2019
2. der war gut! :D
""Ich würde das als Spieler nicht machen, besonders wenn man nicht weiß, wie das Spiel ausgeht. Wenn er mich gefragt hätte, hätte ich ihm davon abgeraten." Aber gefragt hat er ihn natürlich nicht, der Boa den Brazzo." Herrlich, Boa fragt Brazzo um Erlaubnis eine Party machen zu dürfen, ich lach mich schlapp! Den nimmt doch keiner ernst. Aber ich frage vorher auch immer meinen Hamster, ob ich noch ein Radler trinken darf....
Pela1961 04.04.2019
3. Glückwunsch!
Nachdem ich letztens schrieb, dass wohl "das Dusel" aus München weg wäre, wurde ich gestern eines besseren belehrt. Es ist wieder da. Noch nie habe ich den zwei Worten, die ja beim Spon üblich und bei fast jedem Sieg der Münchner irgendwie auftauchen, wie "Zittersieg" und "Dusel-Sieg" so zugestimmt wie gestern. Ich bin gespannt auf die neue Saison, mehr kann ich dazu inzwsichen bald nicht mehr sagen. Solche Jahre gibt es halt. Auf und Ab, Spieler haben sich wohl teilweise innerlich schon verabschiede wie Boateng, der Trainer wirkt vielleicht auch deshalb so wie er wirkt, weil er mehr Probleme mit diesem Übergangsjahr hat als gedacht. Und trotzdem war das gestern ein Spiel, das zumindest für 90 Minuten das Theater um Grindel und Konsorten vergessen ließ. Es war spannend bis zur allerletzten Sekunde und was die Heidenheimer da veranstalteten zeigte wieder, warum Fußball so schön sein kann. Danke an Heidenheim für dieses Spiel. Das ist halt Pokal.
tucson58 04.04.2019
4. Ach du leibe Zeit
Endlich hat man mal wieder etwas wo man auf die Bayern eindreschen und eine Krise daraus schmieden kann und alle unzufriedenen Spieler und einen Trainer ohne Plan B präsentieren kann . Klar war das gestern keine tolle Vorstellung des FC Bayern und natürlich darf so eine Ergebnis gegen einen Zweitligisten in der Allianzarena nicht zustanden kommen ........ Aber warum eigentlich nicht ? Das ist eben auch Fußball und es gab in der ganzen DFB Pokal Geschichte noch viel mehr solcher überraschender Ergebnisse, das macht ja zum Glück gerade den Reiz des Pokales aus . Anscheinend gilt das für alle andern nur nicht für Bayern , hier erwartet man einen klaren und überlegenen Sieg nach dem anderen und wenn das dann so auch noch ist, dann jammert nachher wieder jeder das es langweilig ist. Jedenfalls war das Spiel das beste und spannendste DFB Pokalspiel seit langem und das dank dem bedingungslosen Kampf der Heidenheimer . Alle anderen Bundesligisten könnten sich von Heidenheim mal eine Scheibe abschneiden die zeigten wie man mit dem Herz in der Hand in München eine klasse Spiel abliefert und nicht aufgibt und nur mit vollen Hosen hinten rein steht wie es viele 1.Ligisten machen Denn Heidenheimer ist zu wünschen das sie eine solche Leistung auch noch in der 2.LIga öfters an den Tag legen , dann könnte e s sogar noch mit dem Aufstieg in die 1.Liga reichen
die Stechmücke 04.04.2019
5. Schade
Die bessere Mannschaft hat verloren, leider mal wieder der Bayern Dusel.
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