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Leipzig-Niederlage in München "Nicht zu verteidigen"

Kurz durfte sich Leipzig geschmeichelt fühlen: Die Bayern nahmen den Aufsteiger von Anpfiff an sehr ernst. Dann wurde RB die Konzentration der Münchner zum Verhängnis, sie bekamen eine Lehrstunde erteilt.
Von Christoph Leischwitz

Eine "Lehrstunde" sei das gewesen, sagte Ralph Hasenhüttl nach der bislang höchsten Saisonniederlage des RB Leipzig - es war ja überhaupt erst die zweite gewesen. Der Trainer des Aufsteigers geriet dann geradezu ins Schwärmen über den Gegner. Mit dem 0:3 sei man zur Pause noch "gut bedient", hernach sei der FC Bayern obendrein "gnädig" gewesen. Dann sagte Hasenhüttl noch einen beachtlichen Satz: "Wenn ein Gegner wie Bayern mal Ernst macht, dann ist das für uns nicht zu verteidigen."

In gewisser Weise durfte Hasenhüttl also stolz sein: Immerhin hatten es die Bayern als nötig erachtet, Leipzig ernst zu nehmen. Doch seine Aussage suggerierte auch, dass es die Mannschaft unter ihrem neuen Trainer Carlo Ancelotti in den vergangenen Monaten manchmal etwas schleifen ließ. Das maue 1:0 bei Darmstadt 98 nur drei Tage zuvor war ein gutes Beispiel gewesen, irgendwo zwischen Pflicht- und Arbeitssieg.

Doch dann folgt eben die Lehrstunde, und diese wird bekanntlich von Meistern erteilt. Schluss also mit all der falschen Hoffnung: Der FC Bayern mag es heuer vielleicht ein klein wenig spannender angehen als in vergangenen Spielzeiten. Doch selbst der ärgste Verfolger und zwischenzeitliche Tabellenführer sieht keine Möglichkeit, dauerhaft mitzuhalten. Und auf Dortmund haben die Bayern schon zwölf Punkte Vorsprung. Das sind übrigens sieben Punkte mehr als zum gleichen Zeitpunkt in der vergangenen Saison.

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Hasenhüttl war im Laufe der Hinrunde oft für sein Überraschungsteam gefeiert worden, das immer noch das beste Auswärtsteam stellt. Während sich Ancelotti, ein dreifacher Champions-League-Trainer, immer wieder für maue Auftritte rechtfertigen musste. Und auch, als die beiden Trainer am Mittwochabend eine halbe Stunde nach der Lehrstunde direkt nebeneinander saßen, wirkte der 49-jährige Österreicher präsenter, Ancelotti hingegen fast ein wenig bedächtig und schüchtern.

"Ja, es waren die besten 30 Minuten der Saison", sagte er über den furiosen Start ins Spiel. Doch er spricht den Satz nur dem Fragesteller nach, und noch dazu mit so wenig Verve in der Stimme, als ob er sagen wollte: Ich habe gestern einen Apfel gegessen. Wozu auch den Überraschten geben: "Ich habe gewusst, dass meine Mannschaft dazu fähig ist."

Immerhin, in den besagten 30 Minuten hatte das Spitzenspiel auch dem erfahrenen Meistercoach deutlich mehr Emotionen entlockt als sonst. Ancelotti gab diesmal deutlich öfter den Dirigenten, er fuchtelte mit den Armen, zeigte Passwege an. In der 30. Minute war der 57-Jährige sogar richtiggehend ausgeflippt. Als Philipp Lahm von Emil Forsberg gefoult wurde, eilte Ancelotti zum vierten Offiziellen und schrie ihm aus wenigen Zentimetern Entfernung ins Gesicht. Doch spätestens nach dem 3:0-Elfmetertor von Robert Lewandowski war er wieder ganz der Alte.

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Die Bayern haben in Dortmund 0:1 verloren, ebenso in der Champions League bei Atletico Madrid, dann sogar noch beim FK Rostow. Vor allem nach der 2:3-Pleite in Russland hatte Ancelotti kurz angezählt gewirkt. Und die zwischenzeitliche Formschwäche von bewährten Bayern-Größen wie Thomas Müller schien zu bestätigen, dass es quietscht im sonst so gut geölten Bayern-Motor.

Die ruhige Art von Ancelotti und der bisweilen holprige Saisonverlauf der Bayern haben einen gemeinsamen Effekt: Beides führt dazu, die Bayern und ihre Fähigkeiten eventuell sogar zu unterschätzen. Obwohl man es eigentlich besser wissen müsste.

Diesmal hatten ein paar kleine, taktische Kniffe Ancelottis genügt, um sicher zu stellen, "dass für Leipzig heute nichts zu holen ist" - so formulierte es Kapitän Philipp Lahm. Thiago zum Beispiel war diesmal besonders wichtig für die vom Trainer viel beschworene Balance zwischen Abwehr und Angriff, um einerseits den Leipziger Tempofußball zu unterbinden und gleichzeitig selbst für ausreichend Offensivfußball zu sorgen. Doch ist mit dem souveränen Sieg im vermeintlich schwersten Spiel der Hinrunde nun schon die Entwicklung abgeschlossen? Wird Bayern nach der Winterpause endgültig dominieren?

Ganz offensichtlich glaubt Ancelotti das selbst nicht. "Ich bin immer noch auf der Suche nach dem richtigen System." Das hatte er erst kürzlich, auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Leipzig gesagt. Und auch, wenn er die Systemfrage überhaupt nicht für entscheidend hält, so macht der Satz deutlich: Ancelotti ist von seiner Idealvorstellung noch entfernt. "Wir müssen uns noch verbessern, ganz klar", findet Lahm. "Wir mussten uns verbessern, und wir haben uns verbessert", sagte Ancelotti. Ein simples Prinzip: Seine Mannschaft wächst einfach mit den Aufgaben, die ihr gestellt werden.