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Bayern-Party auf dem Rathausbalkon Sammers Meistertaufe

Penibel pflegt Matthias Sammer das Image des Mahners und Grüblers. Bei der Meisterfeier des FC Bayern München konnte aber selbst er nicht mehr an sich halten. Ausgelassen feierte der Sportdirektor mit Spielern und Trainern auf dem Rathausbalkon. Nur bei Uli Hoeneß wollte nicht so recht Freude aufkommen.
Von Christoph Leischwitz

Das Spiel des FC Bayern gegen den FC Augsburg lief noch, da war der Marienplatz 13 Kilometer weiter südlich bereits gut gefüllt. Gegen 18.30 Uhr musste der U-Bahnhof unter dem Münchner Rathaus gesperrt werden - wer sich noch einen Blick auf den Balkon sichern wollte, musste gut zu Fuß sein. Zumindest der Regen hatte aufgehört. Und als dann die Bayern-Spieler um kurz nach 21 Uhr vor die gut 20.000 Fans traten, regnete es auch nur noch aus Weißbiergläsern.

Den Fans des neuen Deutschen Meisters stand der Sinn nach einer richtig großen Feier. Es ist ihnen nicht zu verdenken. Seit dem Einzug ins Champions-League-Finale spricht Fußball-Deutschland zwar nur noch vom Duell gegen Borussia Dortmund in zwei Wochen. Am Samstag feierten die Fans in München aber erst einmal, dass man dem BVB nach zwei verlorenen Meisterschaften - für die Bayern eine gefühlte Ewigkeit - zumindest schon mal die Schale wieder entrissen hat.

Der Autokorso wirkte wie ein Volksfest, als ob Meisterfeier und Oktoberfest zusammengelegt wurden: Eine Blaskapelle schritt voran und gab das Tempo vor, am Straßenrand waren genauso viele Fans in Tracht wie in Vereinsfarben zu sehen. Die Spieler beteiligten sich angemessen. Was auch daran lag, dass viele noch gar nicht so erfolgsverwöhnt sind.

Für den ehemaligen Schalker Manuel Neuer, den ehemaligen Mönchengladbacher Dante, den Österreicher David Alaba und fünf weitere Stammspieler ist es die erste deutsche Meisterschaft - und die Genannten taten sich bei den Feierlichkeiten besonders hervor. Alaba etwa, indem er zwischen Autos hin und her rannte, als ob er selbst ein Fan sei. Andere wie Jérôme Boateng achteten darauf, dass nichts Schlimmes passierte. Der Abwehrspieler hielt den völlig entfesselten Arjen Robben am Haferlschuh fest, sonst wäre der tanzende Flügelstürmer wohl vom Kofferraum des knallroten Cabrios gefallen.

Sammer hüpft, Hoeneß schweigt

Am überraschendsten war aber die Feierlaune des Sportdirektors Matthias Sammer, der in seinem ersten Jahr beim FC Bayern lange das Image des Mahners und Grüblers gepflegt hatte. Auf dem Balkon ließ er einen immensen Weißbierschwall über sich ergehen, um danach gelassen mitzuhüpfen und lauthals zu singen. Die Dusche auf dem neugotischen Balkon wirkte wie eine Taufe: Du darfst jetzt auch mit uns feiern, sollte das heißen. Der bayerische Stallgeruch wird ihm ab sofort für immer anhaften.

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Bayern bekommen Meisterschale: Schale, Weißbier, Konfetti

Foto: MICHAELA REHLE/ REUTERS

Trainer Jupp Heynckes stellte sich dem Spaß nicht in den Weg. Die Rekordsaison war selbst für den 68-Jährigen, der am Samstag zum letzten Mal bei einem Heimspiel für den FC Bayern auf der Bank saß, etwas Besonderes. Auf dem Balkon stellte er sogar kurz die beiden noch anstehenden Aufgaben hinten an: "Meine Jungs haben nicht nur den Titel geholt, sondern einen Rekord nach dem anderen gebrochen. Unabhängig, wie unsere zwei Finals ausgehen: Die Mannschaft hat eine historische Leistung gebracht."

Zwei direkt Beteiligte gab es allerdings, die wie Randerscheinungen wirkten. Uli Hoeneß fuhr zwar im Autokorso mit, im Wagen mit Heynckes und Sammer. Doch er lächelte nur vorsichtig vor sich hin, wirklich glücklich sah er nicht aus. "Wunderbar", sagte er nur, als er hinter dem Rathaus aus dem Cabrio stieg, auch an Lobhudeleien auf die Mannschaft wollte sich der Präsident des FC Bayern, dem eine Anklage wegen Steuerhinterziehung droht, nicht beteiligen.

Einer wirkte gar müde am Ende der Reise zwischen Arena und Marienplatz. Mario Gomez lag mit ausgestreckten Beinen auf dem Kofferraum und schien die Jubelarien um sich herum kaum wahrzunehmen. Auch auf dem Balkon trat er nicht sonderlich in Erscheinung. Er wirkt außerhalb des Platzes wie ein Fremdkörper, der eine unheimlich erfolgreiche Saison seltsam gelassen hinnimmt.

Anschließend feierte der FC Bayern im Postpalast nahe der Hackerbrücke weiter, bis spät in die Nacht hinein. Viele Spieler hatten das auch vorher schon angekündigt. Trotzdem kam an diesem Abend nie der Eindruck auf, dass die Bayern die weiteren Aufgaben vernachlässigen könnten. Eher schon lautete die Nachricht an den Rest der Republik, namentlich die Finalgegner Dortmund und Stuttgart: Feiern können wir immer noch ganz gut.