Bayerns Kantersieg gegen Hamburg Münchner Frühlingserwachen

Was für eine Demonstration des FC Bayern gegen den HSV: Das Team scheint Carlo Ancelotti mittlerweile deutlich besser zu verstehen. Die Bayern hoffen jetzt auf die besten Monate des Trainers.

Aus München berichtet Florian Kinast


Bei so vielen Toren kam auch Karl-Heinz Rummenigge ganz durcheinander. Es ging um die Szene beim 5:0 nach 56 Minuten, als Thomas Müller nicht selbst schoss, sondern den Ball uneigennützig dem besser postierten Mitspieler zulegte. "Der Thomas hat das heute klasse gemacht", sagte Rummenigge also nach Abpfiff, "auch wie er da für Coman aufgelegt hat." Der Torschütze aber war in dem Fall gar nicht Kingsley Coman, sondern David Alaba.

Coman war da nämlich noch gar nicht auf dem Feld. Dafür erzielte der Franzose dann kurz nach seiner Einwechslung die Tore sechs und sieben, an einem Nachmittag, an dem der FC Bayern ganz von sich selbst berauscht war. Das 8:0 gegen einen desaströsen Hamburger SV war der höchste Saisonsieg und die nahtlose Fortsetzung der Kantersiegesserie gegen den Lieblingsgegner, bei nunmehr 44:3 Toren in den vergangenen sieben Heimspielen. Zudem war es das richtige Jubiläumsgeschenk für Trainer Carlo Ancelotti bei dessen 1000. Pflichtspiel als Trainer.

Und es war ein plötzliches Frühlingserwachen im letzten Spiel des Kalendermonats Februar, ein umjubelter Auftakt zu glorreichen finalen drei Monaten der Saison - zumindest gemäß der Prophezeiung von Karl-Heinz Rummenigge, dem Orakel von der Säbener Straße.

Jetzt kommen Ancelottis Monate

Schon in seinem Vorwort des Stadion-Magazins hatte der Vorstandschef mit blumig lyrischen Worten erklärt: "Wer Carlo Ancelottis Karriere verfolgt hat, der weiß: Die Zeit, die jetzt ansteht, in der es wärmer wird, in der es anfängt zu grünen und zu blühen - das ist die Ancelotti-Jahreszeit, in der seine Mannschaften wichtige Erfolge eingefahren haben." In jedem Fall verdeutlichte der Galanachmittag, dass der Trainer allmählich angekommen ist in München, dass seine Mannschaft seine Ideen und sein System nun auch begriffen hat.

Trotz einiger zäher Auftritte in den vergangenen Wochen mit hart erkämpften und glücklichen Punktgewinnen in den letzten Minuten: Die Partien, in denen der FC Bayern der Perfektion ganz nahe ist, häufen sich wieder. Nach dem glanzvollen 5:1 in der Champions League gegen Arsenal zehn Tage zuvor nun der furiose Auftritt gegen Hamburg. Philipp Lahm gab danach zu erkennen, dass er und seine Mitspieler sich lange damit schwer getan hatten, Ancelottis Philosophie zu verinnerlichen: "Ich glaube schon, dass wir das so langsam akzeptieren und dass die Mannschaft das jetzt besser versteht."

Wie gut eingespielt die Bayern inzwischen sind, wie genau jeder Spieler nun endlich um seine Position weiß, das wurde am Samstagnachmittag ganz deutlich. Auf der rechten Seite wirbelten Lahm und Arjen Robben im blinden Verständnis umher, aber auch auf links kombinierten Alaba und Douglas Costa bestens aufeinander abgestimmt. In den vergangenen Monaten hatten sie sich oft auf den Füßen gestanden und sich gegenseitig blockiert. Jetzt haben sie sich und ihr Spiel gefunden - auch wenn das gegen einen völlig wehrlosen HSV nicht sonderlich schwer fiel.

Müller für Ancelotti der "Schlüssel zum Sieg"

Robert Lewandowski brillierte dazu mit seinen Saisontoren 17, 18 und 19. Später wurde er von Rummenigge geadelt: Der Bayern-Boss ordnete den Stürmer in der Rangfolge der besten Mittelstürmer des Klubs ein und sagte: "In einer Kategorie mit Gerd Müller." Eine überragende Leistung bot zudem Thomas Müller, der zwar einmal mehr ohne eigenes Tor blieb, aber zwei Treffer auflegte: neben dem 5:0 durch Alaba auch den Führungstreffer durch Artúro Vidal. Dazu holte er den Elfmeter heraus, den Robert Lewandowski sicher zum 2:0 verwandelte.

Müller gab sich später sehr entspannt: "Acht zu null, schönes Wetter, überragende Stimmung, da kann man schon mal zufrieden nach Hause gehen", sagte er lächelnd und ergänzte auf die Frage zur Einschätzung seiner eigenen Darbietung: "Über sich selbst spricht man ungern, aber ich war heute deutlich mehr beteiligt als in den Spielen zuvor. Und wenn man Tore auflegen kann, dann kann ich es auch verschmerzen, dass ich nicht selbst aufs Tor geschossen habe." Selten traf das sonst oft so überstrapazierte Adjektiv "mannschaftsdienlich" treffender zu als auf die Leistung von Thomas Müller an diesem Samstagnachmittag.

Ancelotti nannte den Offensivspieler den "Schlüssel zum Sieg" und erklärte nach seinem Jubiläum: "Ich hatte mir zum 1000. Spiel eine gute Leistung gewünscht, aber das habe ich nicht erwartet." Im April 2015 gab es unter ihm mit Real Madrid ein 9:1 gegen den FC Granada, im Mai 2010 mit dem FC Chelsea ebenfalls ein 8:0 gegen Wigan Athletic. Beide Spiele fanden im Frühling statt.

Meteorologisch beginnt der Frühling am Mittwoch, am 1. März. An diesem Abend geht es im Pokal gegen Schalke, und beim FC Bayern herrscht schon große Vorfreude - auf die Ancelotti-Jahreszeit.



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