Bayern München gegen Borussia Dortmund Vom Rivalen zum Aufbaugegner

Borussia Dortmund war Bayern München beim 1:4 in allen Belangen unterlegen. Trotz der Verletzungsmisere, die Trainer Tuchel beklagt: Der BVB war für den Meister kein Rivale mehr, sondern nur ein Sparringspartner.

Von Florian Kinast, München


Thomas Tuchel blieb lange stehen. Der Trainer von Borussia Dortmund hatte mit einigen Metern Vorsprung auf Carlo Ancelotti das Podium der Pressekonferenz erreicht, dann stellte sich Tuchel hinter seinen Stuhl, wartete geduldig und setzte sich erst hin, als auch sein Münchner Kollege Platz genommen hatte.

Eine kleine, feine Geste des Respekts gegenüber dem Hausherrn, gleichzeitig aber auch Sinnbild für die Einstellung von Tuchels Mannschaft am Samstagabend, an dem die in allen Belangen klar unterlegene Borussia dem FC Bayern stets höflich den Vortritt gelassen hatte.

Das auch in der Höhe verdiente 4:1 war für die Bayern eine Demonstration der eigenen Stärke, für Dortmund eine bittere Demütigung - und lieferte einen schonungslosen Beleg dafür, wie weit sich die beiden Klubs in den vergangenen Jahren voneinander entfernt haben.

Der FC Bayern spielt in einer anderen Liga als Borussia Dortmund. Wer das nicht wahrhaben wollte, musste sich nur dieses ungleiche Duell ansehen - dieses zwar immer wieder gern gesehene und als deutscher Clásico titulierte Aufeinandertreffen, das aber an Brisanz enorm verloren hat.

War Dortmund nicht mal ein echter Gegner für die Bayern? Waren die mal nicht auf Augenhöhe und erbitterte Konkurrenten, die gern schon vor den Spielen gegeneinander stichelten? Sicher, das Hinspiel hatte der BVB 1:0 gewonnen, doch am Samstag waren die Dortmunder nicht mehr als ein dankbarer Aufbaugegner für das Duell mit Real Madrid (Mittwoch, 20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE).

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Borussia Dortmund in der Einzelkritik: Passlack passiv, Aubameyang abgetaucht

Und dann ist da noch diese Zahl: Seit dem Pokalfinale 2012, so hatten Statistiker vor Spielbeginn nachgezählt, hatten die Bayern in der Bundesliga 102 Punkte mehr als Dortmund geholt. Nach dem Spiel waren es nun 105.

Natürlich wurde Tuchel nach Abpfiff berechtigterweise nicht müde, die Personalmisere seines Klubs zu erwähnen. Marco Reus und André Schürrle, Shinji Kagawa und Julian Weigl, alles wichtige Stützen, die in München fehlten. Und natürlich standen in der Startformation mit Ousmane Dembélé, Felix Passlack und Christian Pulisic auch drei Teenager auf dem Platz, neben denen aber auch gestandene Routiniers an diesem Abend hoffnungslos überfordert waren.

Marcel Schmelzer bekam auf links genauso wenig Zugriff auf den einmal mehr phänomenalen Arjen Robben wie Matthias Ginter auf Franck Ribéry. Und auch Pierre-Emerick Aubameyang hatte bis auf eine Großchance beim Stand von 1:3 keine wirkliche Gelegenheit, weil er kaum Bälle zugespielt bekam. Bei Dortmund fehlte es an Ideen, und mehr noch, es fehlte an Kampfbereitschaft, an Leidenschaft. Selten hatte man eine schwarz-gelbe Mannschaft gegen die Bayern so lethargisch gesehen.

"In der ersten Halbzeit wären die Bayern zu schlagen gewesen"

Einige der Reaktionen nach Spielende gingen weit an der Realität vorbei, wie etwa bei Torwart Roman Bürki, der allen Ernstes meinte: "In der ersten Halbzeit wären die Bayern zu schlagen gewesen." In einer Halbzeit, in der Dortmund außer einer kläglich vergebenen Chance von Dembélé nach 100 Sekunden und dem Weitschusstor zum 1:2 durch Raphaël Guerreiro kaum vors Münchner Tor kam, während die Bayern zahlreiche große Gelegenheiten auf weitere Treffer vergaben, allen voran durch Robben.

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Bayern München in der Einzelkritik: Oldies still Goldies

Während sich die Bayern nach dem 0:1 am Dienstag in Hoffenheim gerade rechtzeitig vor dem Champions-League-Duell mit Real Madrid in einen Rausch spielten, ließ Dortmund vieles vermissen, was eine Spitzenmannschaft auszeichnet. "Wenn man nach zehn Minuten nullzwo hinten liegt, ist es gegen die Bayern sehr schwer", sagte Schmelzer, während Sebastian Rode nach seinem ersten Pflichtspiel 2017 an alter Wirkungsstätte festhielt: "Wir haben uns das anders gewünscht, 4:1, das ist schon eine Hausnummer."

"Ein sehr guter Lernprozess"

Immerhin erkannte zumindest Felix Passlack noch positive Aspekte: "In München lernt man immer, das war auch heute ein sehr guter Lernprozess." In der Tat war das 1:4 noch halbwegs verschmerzbar, in der Bundesliga scheint zumindest Tabellenplatz 4 und die Qualifikation für die Champions League ungefährdet, bitterer wäre so ein Auftritt in den kommenden beiden Spielen in der Champions League gegen den AS Monaco oder am 26. April, wenn es im DFB-Pokal-Halbfinale dann wieder nach München geht.

Zum Schluss blickte Tuchel noch einmal etwas neidisch auf den FC Bayern. "Die spielen mit den besten Leuten in der besten Mannschaft in der besten Verfassung", sagte er, bevor ein Reporter noch eine Frage zum Dienstagsspiel gegen Monaco (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) stellte. Tuchel drehte sich weg, winkte ab und sagte: "Nein." Irgendwann hatte an diesem Abend auch bei ihm die Höflichkeit ein Ende.

Bayern München - Borussia Dortmund 4:1 (2:1)
1:0 Ribery (4.)
2:0 Lewandowski (10.)
2:1 Guerreiro (20.)
3:1 Robben (49.)
4:1 Lewandowski (68., Foulelfmeter)
München: Ulreich - Lahm, Jerome Boateng, Martinez (79. Hummels), Alaba - Alonso - Thiago, Vidal - Robben, Lewandowski (72. Kimmich), Ribery (74. Costa)
Dortmund: Bürki - Ginter, Sokratis, Bartra - Passlack, Castro (46. Rode), Guerreiro (69. Merino), Schmelzer - Dembele (59. Mor), Aubameyang, Pulisic
Schiedsrichter: Marco Fritz
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Lewandowski (5), Vidal (6) - Passlack, Bartra (5), Bürki

insgesamt 70 Beiträge
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maxgil 09.04.2017
1. War
Bitter und zeigt, wo der BVB gerade steht. Nur "Talente" zu verpflichten, um die dann gewinnbringend weiter zu verkaufen mag betriebswirtschaftlich sinnvoll zu sein, fussballtechnisch ist es nicht. Die Grosstransfers Schürle und Götze waren ein Flopp und beimRode frage ich mich, ob der immer noch für den SFCB spielt. Ne Borussia, da muss was passieren. Heja BVB!
bobflag 09.04.2017
2.
bisher 3,3 Tor in Heimspielen im Schnitt. Warum sollte sich das gegen Dortmund ändern? Die sind einfach nicht stärker als Hoffe oder Kölle, hätten sogar gg Ingolststadt verlieren können. Hier gibt es eine derbe Klatsche gg Monaco.
weissallesbesser 09.04.2017
3. Klassenunterschied
Ganz schwache, eher peinliche Vorstellung des BVB. Keine Anspielstationen, da keine Bewegung im Spiel, ein fauler Aubameyang, eine völlig überforderte und schlecht angestimmte Abwehr. Dazu jugendlicher Übermut, denn sowohl Dembele (Ducken in der Mauer??? Geht's noch?) wie auch Pulisic und Mor versuchten immer wieder gegen 2-3 Spieler anzutreten, Bayernspieler wohlgemerkt. Dies mag ganz wenige Male geklappt haben, in den meisten Fällen ergaben sich dadurch gefährliche Gegenangriffe. Wohin hätten sie auch abgeben sollen, war ja niemand anspielbar. Zudem ohne Weigl wenig sinnvolle Anspiele, Rode kam für Castro (Sahin oder Bender wären vielleicht etwas abgeklärter gewesen), war aber noch schlechter. Mangels Stürmermangels musste ein lauffauler Auba auf dem Feld belassen. Mit solch einer Leistung wird es gegen Monaco nicht besser laufen und der BVB ähnlich viele Buden bekommen. Schade, bei dem Potential in der Mannschaft wird sich Tuchel fragen lassen müssen, ob er der gute Trainer ist, als der er von Journalisten tituliert wird, denn zu einem solchen gehört neben Strategie (welche sollte das gewesen sein?) zumindest auch die Motivation der Spieler.
wanniii 09.04.2017
4. Irgendwann
muß sich Dortmund schon fragen, ob und wie es mit diesem Trainer weitergehen soll. Ein toller Rhetoriker doch wirkt er viel zu oft überfordert, fast sogar lethargisch. Andere Clubs bringen bei geringerem Budget weitaus mehr auf dem Platz, ein Trainerwechsel wirkte bei der anderen Borussia mit den selben Spielern Wunder. Werden keine Videos vom Sieg von Hoffenheim letzte Woche gezeight? So wie gestern spielt ein Abstiegskandidat und kein Championsleague-Teilnehmer. Da helfen auch die Ausreden mit der Aufstellung von Teenagern nicht...
micheleyquem 09.04.2017
5. Es geht abwärts mit dem BVB, Leipzig und Hoffenheim kommen
Ja, die Dortmunder waren ersatzgeschwächt, und ich bin der erste der sich bei einem solchen Spiel die best-möglichen Aufstellungen wünscht. Aber bitte, defensiv links waren mit Schmelzer und Barta zwei Stammspieler, die von Robben lächerlich gemacht wurden! Dazu kommt, dass Barta einer der wirklich dreckigen Spieler in der BuLi ist, der sich auch diesmal Rot verdient hatte. Was das Geschwätz eines Dr Merk soll, der die nur-Gelbe gegen Bürki verteidigt, so versteht man das wohl nur, wenn man bedenkt, dass er dafür bezahlt wird, nicht die Realität zu beschreiben, sondern ein Konsum Produkt seines Arbeitgebers SKY zu verkaufen! Was ich auch vermisse ist Dank für Vidals Geschenk zum 1:0, noch nicht mal dem lieben Gott wurde für den Sonntagsschuss gedankt!
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