Bayern-Remis in Freiburg "Besser jetzt als später"

Plötzlich wieder Verfolger: Der FC Bayern hat in Freiburg die Tabellenführung verspielt. Die Profis wirkten seltsam lethargisch. In der kommenden Woche gegen Dortmund müssen sie anders auftreten.

Frustrierte Bayern
Kai Pfaffenbach / REUTERS

Frustrierte Bayern

Aus Freiburg berichtet Christoph Leischwitz


In der 54. Spielminute ließ sich Sven Ulreich, der Vertreter des angeschlagenen Manuel Neuer, eine rote Schirmmütze bringen, die er dann hektisch und dankbar entgegennahm. Die Sonne schien dem Torwart des FC Bayern München direkt ins Gesicht, und die aufopferungsvoll kämpfenden Gegner vom SC Freiburg wollten einfach nicht aufhören, gefährliche Konter zu fahren.

Dass ein Sichtschutz nötig sein würde, das hätte der 30-jährige Ex-Stuttgarter bei seinem vierten Saisoneinsatz aber auch schon in der Halbzeit wissen können. Und so wirkte diese Aktion ein wenig wie der gesamte Samstagnachmittag der Bayern im Breisgau: Sie wirkten nicht so recht vorbereitet auf das, was sie hier erwarten würde.

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"Wir sind nicht mit der richtigen Einstellung ins Spiel gegangen", polterte Hasan Salihamidzic. Der Sportdirektor der Bayern, den sie in München einst kumpelhaft "Brazzo" nannten, war nach dem mageren 1:1 stinksauer. Präsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagten vorsichtshalber gar nichts, schmallippig verließen sie das Stadion in Richtung Mannschaftsbus. Als dieser vom Areal rollte, riefen viele Freiburger Fans "Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!"

Bayern schwächelt gegen Außenseiter

Fast schien es, als hätten die Bayern nichts dazugelernt. Das Rückspiel hatte begonnen, wie das Hinspiel in München geendet hatte (Endstand ebenfalls 1:1): mit einem Tor des Freiburgers Lucas Höler. Der stand nach dem Spiel mit einem breiten Grinsen in der Interviewzone und durfte darüber reden, was für ein tolles Gefühl es sei, zweimal gegen die Bayern zu treffen.

Der SC hat sich für diese Spielzeit schon einmal das Prädikat Favoritenschreck erkämpft, zumal die Mannschaft von Christian Streich auch schon RB Leipzig im eigenen Stadion 3:0 besiegt hat. Am 21. April ist übrigens Borussia Dortmund zu Gast. So könnte Freiburg im Meisterschaftskampf zum Zünglein an der Waage werden.

Das Problem der Bayern ist, dass sie in der laufenden Spielzeit sehr viele Punkte gegen Außenseiter liegen ließen. "Klar ist es bitter, dass wir gegen Freiburg, gegen Düsseldorf und gegen Augsburg zu Hause Unentschieden spielen", sagte Salihamidzic. Aber: "Das hat ja mit der Einstellung heute nichts zu tun." Klar habe man gegen Ende "drei hundertprozentige Chancen" herausgespielt, Leon Goretzka etwa traf in der Nachspielzeit nur den Pfosten.

"Müssen zeigen, dass wir Meister werden wollen"

Doch Salihamidzic schimpfte weiter: An der Seitenlinie habe man nicht das Gefühl gehabt, "dass wir das unbedingt gewinnen wollen. Im Großen und Ganzen bin ich schwer enttäuscht." Sogar der oft besonnene Trainer Niko Kovac gab zu Protokoll, dass er "wütend" sei. Die Deutlichkeit, mit der die Verantwortlichen über das Freiburger Remis sprachen, mag auch ein Stückweit der Konstellation geschuldet gewesen sein: Dortmund hatte in der Schlussphase 2:0 gewonnen und wieder die Tabellenführung übernommen, aus Sicht der Bayern war am Samstag um halb sechs die enorm erfolgreiche Aufholjagd seit der Winterpause plötzlich wieder futsch.

Doch umgekehrt schienen einige Spieler selbst nach der Partie noch nicht komplett begriffen zu haben, wie ernst ihre Chefs die Lage sehen. "Wir waren in der zweiten Halbzeit extrem dominant und hatten genug Chancen, heute haben wir sie halt nicht gemacht, ich glaube das kommt vor", sagte Mats Hummels. Wer in Freiburg 26 Torschüsse abgegeben habe, der könne doch gar nicht so viel falsch gemacht haben.

Einig waren sich allerdings alle in der Frage, was dieses Ergebnis nun für das nächste Pokalspiel gegen Heidenheim am Mittwoch bedeutet: bloß nicht ausrutschen. Und vor allem aber für das nächste Bundesligaspiel, den Showdown gegen den Tabellenersten. "Wir müssen gewinnen", sagte Hummels. Mit der alten Konstellation hätte womöglich ein Unentschieden gegen die Borussia genügt, um die Meisterschaft in der eigenen Hand zu haben, "jetzt müssen wir das Ding klar für uns entscheiden." Salihamidzic formulierte das so: "Wir müssen gegen Dortmund zeigen, dass wir Meister werden wollen."

"Besser jetzt als später"

Die Frage ist, ob die Mannschaft das kann. Trotz Länderspielpause ließen gerade die vermeintlich ausgeruhten Spieler Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller alte Souveränität oft vermissen, wobei Müller die eine oder andere gute Defensivaktion hatte. James Rodríguez verlor oft den Ball und leitete gefährliche Gegenangriffe ein, Thiago blieb ungewöhnlich unauffällig.

Unter der Woche hatten die Bayern die Verpflichtung des Weltmeister-Verteidigers Lucas Hernández bekannt gegeben. Jetzt geht es darum, auch das Übergangsjahr vor der großen Shoppingtour möglichst erfolgreich zu gestalten.

"Besser jetzt als später", meinte dann noch der einzige Bayern-Torschütze, Robert Lewandowski (22.). Vielleicht sei das Spiel ja noch rechtzeitig gekommen, vielleicht werde man jetzt den Rest der Saison "wach bleiben." In der letzten Aktion des Spiels war er noch einmal knapp an seinem zweiten Tor des Tages vorbeigeflogen, das zugleich sein 200. in der Bundesliga gewesen wäre. Er würde sich freilich sehr darauf freuen, dieses gegen seinen ehemaligen Verein zu erzielen. Zumindest, wenn es dann auch zum Sieg gegen Dortmund reicht.

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Seite 1
spon_2937981 30.03.2019
1. Einstellung
Mangelnde Einstellung ist immer ein Problem 'von oben'. Denn das, was das Trainerteam vorlebt, wird von der Mannschaft gespiegelt. (Ist im Beruf im Verhältnis Chef - Mitarbeiter ja nicht anders.) Dass man mal lieber Süle eine Pause gönnte und Müller für Gnabry, war das falsche Signal ans Team. Und - das hab ich leider nicht wirklich mitbekommen - waren Alaba und Neuer wirklich so sehr angeschlagen, dass sie draußen bleiben mussten? Oder hat man vielleicht eher gesagt: 'ist ja nur Freiburg, dann schont Euch mal lieber'? Neben der Abschiedsvorstellung von Boateng war das heute vermutlich der Tropfen, der das Fass bzgl. Kovac zum Überlaufen bringt. Er wird nicht weitermachen dürfen. Hoffentlich kommt nicht wirklich Mou...
jobie09 30.03.2019
2. "Der SC Freiburg entscheidet die Meisterschaft"
... so las ich das vor ein paar Tage bei SPON. Teil eins der Prophezeiung ist eingetreten - jetzt kommt das Spiel in München. Dank des Unentschiedens der Bayern heute: ein anderes Spiel als gedacht. Ein Unentschieden ist neuerdings eine Option für den BVB, er muss nicht in München gewinnen. Was er dank dieser Ausgangslage durchaus wahrscheinlicher ist als vorher. Tja, und dann der BVB in Freiburg. Die Bayern haben nicht soo viel falsch gemacht heute. Egal, der BVB trifft hoffentlich das Freiburger Tor. Oder: Dank des Sieges vorher in München ist es gar nicht so wichtig ?
yippieh 31.03.2019
3. So ein Spiel
So ein Spiel gewinnen die Bayern eigentlich immer. In der Nachspielzeit. Unfassbar das Vergeben der 3 fetten Chancen. Nicht so spät in der Saison würde da nun keiner drüber reden. Dann hatte der BVB mehr Glück mit dem Freistoss. Mal was neues insgesamt. Und gut für die Spannung. Egal wer nächstes WE gewinnt, da wird nichts entschieden. BVB zu unkonstant. Und beide spielen noch gegen Bremen. Wird Werder beide wohl verlieren, ABER immerhin aktuell 2019 noch ungeschlagen.
stoffi 31.03.2019
4. Kovac hat die Freiburger
scheinbar unterschätzt, sonst hätte er keine Ersatztelf grundlos auflaufen lassen. Mann, Mann Mann, das sind Profis, die brauchen doch keine Pause. So geschwächt fingen sie sich gleich einen Treffen, weil Ulreich nicht schnell genug war. Er hatte wohl lange die Bank gedrück und andere ihren Zenit längst überschritten. Das der FCB jetzt nicht mehr vor dem BVB steht, geht auf Kovac Konto
immerfroh 31.03.2019
5.
Zitat von spon_2937981Mangelnde Einstellung ist immer ein Problem 'von oben'. Denn das, was das Trainerteam vorlebt, wird von der Mannschaft gespiegelt. (Ist im Beruf im Verhältnis Chef - Mitarbeiter ja nicht anders.) Dass man mal lieber Süle eine Pause gönnte und Müller für Gnabry, war das falsche Signal ans Team. Und - das hab ich leider nicht wirklich mitbekommen - waren Alaba und Neuer wirklich so sehr angeschlagen, dass sie draußen bleiben mussten? Oder hat man vielleicht eher gesagt: 'ist ja nur Freiburg, dann schont Euch mal lieber'? Neben der Abschiedsvorstellung von Boateng war das heute vermutlich der Tropfen, der das Fass bzgl. Kovac zum Überlaufen bringt. Er wird nicht weitermachen dürfen. Hoffentlich kommt nicht wirklich Mou...
Ich habe nur eine Zusammenfassung gesehen, und da hatten die Bayern klarste Einschussmöglichkeiten. Also an Kovac kann dieses Resultat nicht gelegen haben. Dass er in großen Teilen der Bayerngemeinde nicht sehr beliebt ist, verspüre ich auch außerhalb dieses Forums. Die Sehnsucht nach dem Trainertyp Guardiola oder Heynckes ist offenbar immer noch präsent und ist durch Kovac nicht erfüllbar. Es wäre schon überraschend, wenn er in München vor einer längeren Karriere steht.
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