Hansi Flick nach Bayerns 8:0 Unersättlich

Mit 8:0 fegten die Bayern ihren Gegner aus Gelsenkirchen vom Platz. Und Hansi Flick? Der Münchner Trainer bedauerte die mangelnde Chancenauswertung seines Teams in der ersten Halbzeit.
Von Florian Kinast, München
Auch beim Stand von 8:0 für sein Team noch der Antreiber: Hansi Flick

Auch beim Stand von 8:0 für sein Team noch der Antreiber: Hansi Flick

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Nach 89 Minuten wurde Hansi Flick noch einmal laut. Hoch konzentriert stand der Trainer des FC Bayern an der Seitenlinie, er wirkte angespannt, er blickte in die Abwehrzentrale seiner Mannschaft, dann rief er dem ballführenden Niklas Süle zu, doch gefälligst zum frei stehenden Benjamin Pavard zu passen. Zu diesem Zeitpunkt führte der FC Bayern gegen Schalke 04 mit 8:0.

Hansi Flick hätte die gesamte zweite Halbzeit auch schweigend und gemütlich im Sitzen verfolgen können, spätestens nach dem Treffer von Serge Gnabry zum 4:0 nach 46 Minuten. Doch sich zurückzulehnen, sich zufriedenzugeben, mal halblang zu machen - das widerspricht seinem Naturell.

Allein diese letzten Minuten an diesem denkwürdigen Abend, in denen Flick seine Spieler immer noch anfeuerte, den Einpeitscher gab, volle Konzentration einforderte, waren bezeichnend. Sie zeigten, dass Flick das gar nicht kann, sich auf irgendwelchen Lorbeeren ausruhen, sei es nach einem Triple-Gewinn oder nach einer Acht-Tore-Führung. Für Flick geht es immer in der gleichen Schlagzahl weiter. Flick traf es ganz gut, als er später auf die Frage, warum er bis Abpfiff so fokussiert gewesen sei, unter anderem sagte: "Mir war es wichtig, die Mannschaft auf Linie zu halten." Dass sie unter keinen Umständen abweicht davon, den Kurs beibehält, unbeirrt und gnadenlos. Auch bei 8:0.

Es war ja gut möglich, dass sich manch einer in der Liga oder sonst wo in der Fußball-Republik vor dem Eröffnungsspiel der 58. Bundesliga-Saison der vagen Hoffnung hingab, die Bayern könnten vielleicht doch müde sein, mental ermattet und psychisch ausgelaugt, die Luft etwas raus, ganze 26 Tage nach dem großen Triumph von Lissabon, dem Sieg im Finale der Champions League und der Vollendung der Drei-Trophäen-Saison. Verständlich wäre es gewesen, hätten sie sich mit Müh und Not zu einem holprigen Arbeitssieg gequält. Stattdessen setzten sie nahtlos dort an, wo sie zuletzt aufhörten, einmal mehr spielten sie sich in einen beängstigenden Rausch, erdrückten den Gegner mit ihrem hohen Pressing.

Natürlich stellt sich nach solchen Spielen auch immer die Frage: Waren die Bayern so gut oder die Schalker so schlecht? Und ja, Schalke war nicht nur schlecht, sondern so erschütternd schwach, dass es weh tat. Und doch, an diesem Abend hätten die Bayern wohl jeden Gegner überrollt und zerfleischt. So gierig wie sie waren, hungrig, kannibalisch.

Nicht einmal der Verzicht auf drei wichtige Leistungsträger kümmerte die Bayern.Der eben nach Liverpool abgewanderte Thiago, der sich tags zuvor an der Säbener Straße mit reichlich Emotionen von seinen alten Mitspielern verabschiedet hatte, fehlte ebenso wie die beiden Defensiv-Stützen David Alaba und Alphonso Davies, sie kamen wegen leichter Verletzungen nicht zum Einsatz. Machte aber alles nichts.

Wie einst Ribéry und Robben

So brillierte etwa Neuzugang Leroy Sané bei seinem Debüt im Bayern-Dress, auch bei ihm war man sich nicht sicher: Wie integriert er sich in die erfolgreiche Triple-Truppe? Findet er seine Position, findet er zu seinem Spiel? Ja, er fand ins Spiel, und das auf beeindruckende Weise. Gerade im Zusammenspiel mit Serge Gnabry, dem er zwei seiner drei Tore auflegte, glänzte der Ex-Schalker. Später traf Sané dann auch noch selbst. Die gemeinsame Kombinationsfreude, vor allem das selbstverständliche Antizipieren der Laufwege des jeweils anderen, so, als würden sie seit Jahren nichts anderes tun als täglich von früh bis spät zusammenspielen, das weckte Erinnerungen an jenen Augustabend 2009, als Arjen Robben und Franck Ribéry beim 3:0 gegen Wolfsburg erstmals gemeinsam einen Gegner schwindlig spielten und das Publikum verzückten.

Da haben sich zwei gefunden: Serge Gnabry und Leroy Sané

Da haben sich zwei gefunden: Serge Gnabry und Leroy Sané

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images

Später, nach ihrer Auswechslung, saßen Gnabry und Sané auf der Bühne, sie lachten, sie scherzten, sie umarmten sich. Da haben sich offenbar zwei gefunden, und auch sonst herrschte unbändige Spielfreude: etwa bei Robert Lewandowski, der sich nach Informationen des SPIEGEL mit einer Millionenklage seines ehemaligen Beraters Cezary Kucharski konfrontiert sieht. Der Fußballer des Jahres zeigte sich auf dem Platz unbeeindruckt und lieferte neben seinem Elfmetertor zum 3:0 einen der spektakulärsten Beinverrenkungs-Assists der Fußball-Geschichte.

So gewohnt euphorisch und rauschhaft das Spiel der Bayern, so gewohnt nüchtern fiel dann auch wieder die Analyse des Trainers aus. Hansi Flick bedauerte nach Abpfiff etwa die mangelnde Chancenauswertung in der ersten Halbzeit. Er sagte:

"Da hätten wir noch zwei, drei, vier Tore machen müssen." Und dass es eine gute Standortbestimmung gewesen sei.

Der Standort ist nun schon wieder der Spitzenplatz in der Bundesliga. Und sie wollen den Kader noch weiter aufstocken, quantitativ wie qualitativ. Kurz vor dem Abschluss stehen soll die Verpflichtung von Sergiño Dest von Ajax Amsterdam, als Alternative für Benjamin Pavard als Rechtsverteidiger, auch im Mittelfeld könnte noch ein Neuzugang dazukommen.

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Jüngste Bundesliga-Torschützen: Dortmunder treffen früh

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Neundorf/Kirchner / imago images/Kirchner-Media

Während Vorstand Oliver Kahn zum Einkaufsthema noch auswich und auch die eigenen Bayern-Talente lobte (der 17-jährige Jamal Musiala löste mit seinem Treffer zum 8:0 Roque Santa Cruz als jüngsten Bundesliga-Torschützen der Klubgeschichte ab), klang es bei Flick schon mehr nach Klartext: "Wir schauen, dass wir noch den ein oder anderen Spieler bekommen. Und das wird auch so sein." Damit sie dann eben noch stärker werden.

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