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15. Mai 2016, 18:48 Uhr

Meisterfeier der Bayern

Ganz nett

Von Florian Kinast, München

Die Bayern und das Feiern - das will nicht so recht klappen. Erst der Platzsturm, nun eine bemühte Meisterparty. Trainer Guardiola verdrückte sich ohne warme Worte für die Fans.

Und dann war Josep Guardiola weg. Einfach so. Grußlos. Wortlos. Fast unbemerkt. Thomas Müller hatte sich gerade das Mikrofon geschnappt und mit den Fans unten am Marienplatz sein Lieblingslied angestimmt, das gewohnte "Humba-Täterä", da nutzte der Trainer des FC Bayern die günstige Gelegenheit. Als kluger Stratege mit Sinn für das optimale Stellungsspiel hatte sich Guardiola schon in den Minuten davor in unmittelbarer Nähe des Fluchtwegs positioniert, nun drehte er sich um und schlich vom Balkon, entschwand durch die Tür ins Innere des Münchner Rathauses.

Es hätte ja sein können, dass Josep Guardiola nach drei Jahren in München bei der gemeinsamen Meisterfeier der Männer und Frauen vom FC Bayern noch einige letzte Worte ans Publikum richtet, und seien es auch nur artige Floskeln, ein Gracias, ein Dankeschön. Aber so? Kein Adiós, kein Servus?

Ein trister Abgang, aber ein typischer und symptomatischer für seine Zeit beim FC Bayern, in der Guardiola zwar sportliche Erfolge feierte und auch immer von der enormen Bedeutung der Zuschauer sprach. Aber richtig warm wurde er nie mit den Fans. Und so zeigte sich auch bei der Meisterfeier des FC Bayern an diesem Sonntag in der Münchner Innenstadt, dass Guardiola eine innige Beziehung zu den Anhängern unwichtig ist - ein unterkühlter Auftritt bei einer auch sonst eher emotionslosen und viel zu routinierten Veranstaltung. Selten wirkte eine Meisterfeier so trostlos wie diese.

Unlustig und erzwungen

Schon um die Mittagszeit hatten die Fans den Marienplatz gesäumt, und es war schon ein imposantes Bild, kurz vor Beginn des offiziellen Teils, so viele kollektiv geschwenkte rote Fähnchen sieht man sonst höchstens noch auf feierlichen Staatsparaden. Ganz geordnet und bestens organisiert ging es auch zu, als die Mannschaften der beiden Meisterteams von Männern und Frauen wie schon im Vorjahr aus dem Bus stiegen und durch den Hintereingang ins Rathaus gingen, hoch in den ersten Stock. Alles wie gehabt. Paarweise betraten Spielerinnen und Spieler den Balkon, aus den Boxen dröhnten die üblichen Gassenhauer-Standards. We are the Champions. Stern des Südens. Hey, hey, Superbayern, Superbayern. Alle Jahre wieder.

Bemüht wirkte die Superbayernmeisterfeier, unlustig und erzwungen, was aber auch einfach zu erklären war. Es war der völlig falsche Zeitpunkt zum Feiern. Nach dem immer noch schmerzenden und längst nicht vernarbten Aus in der Champions League, nach einer Meisterschaft, die gefühlt seit dem letzten Auftritt an gleicher Stelle im Mai 2015 eh schon entschieden war, und eine Woche vor dem Pokalfinale in Berlin, das letztlich darüber entscheiden wird, ob es mit dem Double eine erfolgreiche oder mit nur einem Meistertitel eher eine durchwachsene Saison werden wird - nicht der richtige Moment, um schon in grenzenlose Euphorie zu verfallen.

Stattdessen gab es auch am Sonntag wieder Irritationen zwischen der Mannschaft und den Fans, wie schon am Samstag nach der Feier im Stadion, als die Zuschauer den Platz stürmten und sich Trainer Guardiola wie auch viele Spieler flugs mit leichtem Unbehagen in die Kabine zurückzogen. Diesmal lag es an den Fangesängen. Als die Rede auf das Endspiel gegen Borussia Dortmund am kommenden Samstag kam, intonierten die Fans am Marienplatz das Schmählied "Be-Vau-Be, Hurensöhöhne".

Letzte Chance für Guardiola

Weil inzwischen aber auch im Fußball längst die politische Korrektheit Einzog gehalten hat und man über rivalisierende Klubs bitte ja nichts Böses sagen darf, intervenierte Kapitän Philipp Lahm und maßregelte die Fans wie unartige Kinder ohne Anstand und Benimm. "Wir singen jetzt was anderes." Also sang er "Ein Schuss, ein Tor, die Bayern", und der Marienplatz sang mit. Als Fan tut man ja alles, was einem ein Lahm sagt.

Neben Müllers Humba krächzte Franck Ribéry noch das Chanson von den "Champs Elysées" ins Mikro, das macht er jedes Jahr, und dann war der Rathausbalkon nach einer Stunde auch wieder leer. Es folgte noch ein schneller Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, dann ging es raus durch den Hinterausgang.

Eine Stunde nach Ende der müden Party sangen die letzten Fans auf dem Marienplatz ein Lied, in dem es um den BVB ging und um Hurensöhne. Da durften sie endlich. Da war Lahm schon außer Hörweite.

Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge kündigte an, sollte es klappen mit dem Pokalsieg, kämen sie kommenden Sonntag wieder auf den Balkon. Vielleicht redet Guardiola dann ja und erwärmt doch noch einige Fanherzen. Es wäre seine allerletzte Chance.

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