Bayerns Debakel bei Aufsteiger Bochum Formtief im Westen

Vier Gegentore in einer Hälfte, drei davon Schlag auf Schlag: Bayern München geht in Bochum unter – nicht zum ersten Mal in dieser Saison. Topstar Kimmich bemängelt die Einstellung einiger Teamkollegen.
Aus Bochum berichtet Marcus Bark
Joshua Kimmich bei der Pleite in Bochum

Joshua Kimmich bei der Pleite in Bochum

Foto: THILO SCHMUELGEN / REUTERS

In all den Jahren, in denen der FC Bayern zuletzt hintereinander Meister wurde, verlor er ganz gerne mal, wenn er schon als Meister feststand.

Soweit ist es in dieser Saison noch nicht, auch wenn niemand an der erfolgreichen Titelverteidigung zweifelt. Insofern ist erstaunlich, dass die Münchner nun schon zum vierten Mal unter Trainer Julian Nagelsmann ein Bundesligaspiel verloren, denn der hat mit ihnen erst 22 zu verantworten. Noch erstaunlicher scheint, dass alle Mannschaften, die gegen die Bayern gewannen, in der zweiten Tabellenhälfte zu finden sind, beginnend mit Eintracht Frankfurt auf dem zehnten Platz. Dazu kommen der FC Augsburg (16.), Borussia Mönchengladbach (13.) und seit Samstag der VfL Bochum als Elfter.

Möglicherweise ist das aber auch der Erklärungsansatz für die vergleichsweise vielen Niederlagen. Der Gewissheit, die Spiele gegen die mehr oder minder ernsthaften Konkurrenten zu gewinnen, ist die Gefahr der Selbstüberschätzung immanent. »Wir sollten nicht an Spannung verlieren, nur damit es in der Bundesliga wieder spannender wird«, warnte Nagelsmann seine Mannschaft. Das war allerdings nicht nach dem 3:2 gegen RB Leipzig und vor dem Spiel in Bochum, sondern nach dem 2:4 beim VfL.

Es war auch eher eine Erklärung für eine »auch in der Höhe verdiente Niederlage« (Nagelsmann) als eine Warnung, denn eben jener Spannungsabfall war offensichtlich. Schlampige Pässe und Missverständnisse wurden hingenommen wie im ersten Testspiel des Sommertrainingslagers. Die vier Bochumer Treffer innerhalb von 30 Minuten noch vor der Pause lösten mehr Achselzucken aus als die Bereitschaft zu wecken, das Spiel in die gewünschte Richtung zu lenken.

Fotostrecke

Bochums historische Hälfte gegen die Bayern

Foto: RONALD WITTEK / EPA

»Das war ein beschissenes Spiel«, sagte Nagelsmann und klagte über ein »Gesamtpaket in der ersten Halbzeit, das einfach nicht geht«. In dieses Paket packte er auch sich, denn er hätte früher »reagieren und umstellen müssen«. Aus dem ziemlich offensiven 4-1-4-1-System wurde erst zur zweiten Halbzeit und mit der Einwechslung von Corentin Tolisso für den ganz schwachen Innenverteidiger Dayot Upamecano ein stabileres 3-4-2-1. Die offensive Wucht, die für eine bemerkenswerte Aufholjagd nötig gewesen wäre, fehlte aber weiterhin.

Kimmich schlägt Alarm

Der FC Bayern, gerne und zurecht gerühmt für seine Gier, dem 6:0 auch noch das 7:0 folgen zu lassen (was im Hinspiel gegen den VfL Bochum gelang), trat ambitionslos und fehleranfällig auf.

»Wir haben alle Tugenden vermissen lassen und müssen uns fragen, ob das die Mentalität ist, die der FC Bayern normalerweise verkörpert«, schimpfte Joshua Kimmich und nahm die Antwort damit vorweg. Auch er spielte in Bochum weit unter seinem durchschnittlichen Niveau, leistete sich nach subjektivem Eindruck mehr Fehlpässe als in der Gruppenphase der Champions League.

»Das passiert uns ja nicht zum ersten Mal. Das kenne ich aus der Vergangenheit so nicht von uns, dass wir vier, fünf Gegentore bekommen«, schimpfte Kimmich weiter und spielte auf das 0:5 im DFB-Pokal bei Borussia Mönchengladbach an.

Die Probleme in der Defensive, angefangen mit einem laschen Pressing und endend mit Schnelligkeitsdefiziten bei den Spielern in der Abwehrkette, waren erneut frappierend. Dass die Bochumer zwei »Sonntagstore« erzielten, wie deren Trainer Thomas Reis aus »Sonntagsschuss« und »Traumtor« wortschöpfte, war zutreffend und auch von Nagelsmann zur Verteidigung seiner Mannschaft angemerkt worden. Dass Verteidigern der Bayern vorher jeweils der Ball durch die Beine gespielt wurde, mag auch noch als unglücklich gelten. Aber die Probleme lagen tiefer, in einer durch Spannungsabfall ausgelösten Reihe von Fehlern.

Probleme wie sonst in Dortmund

Eine Ahnung will Julian Nagelsmann schon gehabt haben: »Wir haben am Freitag sehr schlecht trainiert. Wir sind zwar ein Spitzenteam, aber nicht jeder kann den Schalter dann so einfach umlegen.«

Eine Diskussion über Spannung, Einstellung, Haltung und Mentalität, die verfolgte der FC Bayern in den vergangenen Jahren aus der Entfernung und vermutlich amüsiert bei Borussia Dortmund. Nun erreichte sie den Meister, der am Mittwoch erneut als klarer Favorit in ein Spiel gehen wird. Allerdings wird vor der Partie beim FC Salzburg, wie die österreichische Fußballabteilung von Red Bull im europäischen Wettbewerb heißt, die Hymne der Champions League gespielt. In der Königsklasse gewannen die Bayern unter Nagelsmann sämtliche Spiele. Auch das bei Dynamo Kiew, als das Weiterkommen schon feststand.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.