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Hertha-Remis gegen Bayern Ein Spiel dauert 96 Minuten

Hertha tat gegen den FCB alles, was man gegen diesen Gegner tun muss - und es hat am Ende doch nur zu einem Remis gereicht. Dennoch zeigte Berlin, wie man die Bayern in Verlegenheit bringen kann.

In der Halbzeitpause der Partie der Hertha gegen den FC Bayern hatte ein Sponsor ein riesiges Banner auf dem Mittelkreis auslegen lassen mit der Aufschrift: "Das Leben ist ein Spiel." Manchmal ist das Fußballleben auch ein grausames Spiel, wenn dieses Adjektiv im Sport gestattet ist. Als Hertha-Fan muss man das Leben an diesem Nachmittag zumindest so empfunden haben.

Noch in der 96. Spielminute hielten die Berliner den Sieg in der Hand, sie wären nach Borussia Dortmund erst die zweite Mannschaft gewesen, die den FC Bayern in dieser Saison geschlagen hätte. Sie waren gerannt bis zum Umfallen, sie hatten sich dieses 1:0 nach dem Führungstreffer durch Vedad Ibisevic dermaßen verdient. Nur noch eine allerallerletzte Aktion in dieser teilweise überhitzten Partie, noch ein Freistoß - und die reichte dem Rekordmeister dann doch noch zum 1:1-Ausgleich durch Robert Lewandowski, der den Ball irgendwie über die Linie stocherte.

Niklas Stark

Niklas Stark

Foto: Michael Sohn/ AP

"So viel Nachspielzeit, das ist der Bayern-Bonus, da sollen die alle ruhig beleidigt sein", sagte Hertha-Coach Pál Dárdai direkt nach dem Spiel. Später in der Pressekonferenz hatte er sich schon etwas beruhigt und sprach lediglich noch davon, dass "das schon sehr weh tut". Der Trainer hatte mit zwei Auswechslungen in der Nachspielzeit allerdings selbst mit dafür gesorgt, dass Schiedsrichter Patrick Ittrich die Uhr noch ein bisschen länger über die angezeigten fünf Minuten Extrazeit hinauslaufen ließ.

Dárdai und die 74.000 Zuschauer hatten zuvor ein wildes Spiel gesehen, weit aufregender, als es ein Endergebnis von 1:1 vermuten ließe. Ein Spiel, als sei es den Achtzigerjahren entsprungen: Mit dem schlechten Rasen, dem miesen Februarwetter, einem schwachen Schiedsrichter, mit einem für die Verhältnisse des Olympiastadions frenetisch mitgehenden Publikum, mit "Zieht den Bayern die Lederhosen aus"-Gesang, mit Fouls, mit kleinen Rangeleien, dem, was früher im Reportersprech Nickligkeiten hieß, mit einer Mittelfingergeste von Carlo Ancelotti gegen einige Berliner Fans nach einer angeblichen Spuckattacke. Und einer Hertha-Mannschaft, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versuchte, den Bayern den Schneid abzukaufen - und dies auch schaffte: Betzenberg goes Olympiastadion.

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Bundesliga: Last-Minute-Bayern und leere Südtribüne

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In der Schlussphase lagen gleich drei Herthaspieler mit Krämpfen auf dem Platz, das war mehr als das übliche Zeitspiel in solchen Situationen, die Profis waren einfach am Ende ihrer Kräfte. Sie hatten alles gemacht, was eine Mannschaft machen kann, um den großen FC Bayern zu verunsichern.

Es war auf der anderen Seite zwar auch keine Galavorstellung, die der Tabellenführer vier Tage nach der beeindruckenden Leistung gegen den FC Arsenal nach Berlin mitgebracht hatte. Die Flanken von Douglas Costa landeten regelmäßig im Nichts, Thomas Müller erweckte in der Sturmspitze einmal mehr Mitleidsgefühle, aber ganz so schlecht waren die Bayern auch nicht. Sie versuchten Druck zu machen, Arjen Robben lief und fiel, wie es Arjen Robben eben seit vielen Jahren tut, aber immer wieder bissen sich die Münchner am Herthaner Defensivverbund fest.

Insbesondere an dem imposanten Innenverteidiger Anthony Brooks, bei dem man sich angesichts solcher Partien kaum vorstellen kann, dass er noch lange bei Hertha BSC spielen wird. Brooks wirkte in der Abwehrzentrale unüberwindlich und war doch in der allerallerletzten Spielminute ebenso machtlos wie seine Mitspieler.

"Wir haben bis zur letzten Minute dran geglaubt, wir wollten dieses Spiel in keinem Fall verlieren", sagte Kapitän Philipp Lahm anschließend. Die im Sport ebenso alberne wie häufig gebrauchte bilanzierende Formulierung "Das eine Team hat es eben mehr gewollt" wäre an diesem Tag noch falscher gewesen als sonst. Beide wollten - und ein entsprechend interessantes Spiel kam dabei heraus.

Wie schon in Ingolstadt vor einer Woche oder zum Abschluss der Hinrunde in Freiburg, wie schon in Hamburg zu Saisonbeginn sicherten sich die Bayern in den Schlussminuten wichtige Punkte. Das ist auffallend, aber es ist auch kein Wunder, irgendwann sind die Kräfte der anderen Teams, die sich gegen die übermächtigen Bayern gestemmt haben, geschwunden. Bei Hertha haben sie immerhin für 95 Minuten gereicht. Nur für 96 nicht.

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