Bayern-Remis in Leverkusen Erschütterter Glaube

Befinden sich die Münchner in ihrer Frühjahrsdepression? Nach dem Remis in Leverkusen und vor dem Rückspiel gegen Real Madrid rätseln die Profis des FC Bayern. Die große Hoffnung: Robert Lewandowski.

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Aus Leverkusen berichtet


Die Antwort kam verdächtig schnell. Ob Philipp Lahm der Gedanke beschäftige, dass am Dienstag in Madrid womöglich das letzte internationale Spiel seiner grandiosen Karriere bevorstehen würde.

"Nee, überhaupt nicht", sagte der Kapitän des Deutschen Meisters. Ob das nun stimmt oder nicht, Lahms Botschaft war klar: Lasst mich in Ruhe mit diesen Sachen, die vom Wesentlichen ablenken. Die Bayern befinden sich in einem komplizierten Prozess der Selbstheilung nach dem 1:2 in der Champions League gegen Real Madrid.

Die Reise nach Leverkusen sollte ein wichtiger Bestandteil im Therapieverlauf werden, doch die Genesung verläuft eher zäh. "Die Chancenverwertung war fatal", sagte Thomas Müller nach dem 0:0 bei Bayer 04 ehrlich und schloss seine eigenen Torabschlüsse explizit mit ein. Trainer Carlo Ancelotti kategorisierte den Auftritt zwar einigermaßen zufrieden als "gute Leistung", es gebe eben Tage, "da passiert so ein Unentschieden".

Die große Verunsicherung, die schon am Mittwoch zu spüren war, schimmerte aber auch in Leverkusen wieder hervor. Die sonst so bemerkenswerte Münchner Effizienz ist verloren gegangen. Müller, Kingsley Coman, Lahm oder Arturo Vidal hatten gute Chancen, ein Tor gelang den Bayern nicht.

Hoffnung auf Lewandowski-Rückkehr

Auch deshalb legt der Verlauf des Gastspiels beim Werksklub die Vermutung nahe, dass das Selbstvertrauen des gesamten Teams beschädigt ist. Als Müller mit dieser These konfrontiert wurde, widersprach er nicht: "Ja, vielleicht, weiß ich nicht genau", lautete seine Antwort. Die Bayern waren in vielen Phasen des Spiels hoch überlegen beim Abstiegskandidaten, sie spielten nach Tin Jedvajs Platzverweis sogar 30 Minuten lang in Überzahl, aber auch das half ihnen nicht zum Sieg.

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Erreicht der FC Bayern gegen Real Madrid das Halbfinale der Champions League?

Dieser Mangel sei "ärgerlich und das Negative, das wir heute mitnehmen", sagte David Alaba, die Bayern hatten ordentlich gespielt, aber ihnen fehlten für sie typische Stärken: das Selbstbewusstsein, die Leichtigkeit.

Die Hoffnung besteht nun darin, dass die Rückkehr des an der Schulter verletzten Robert Lewandowski der Mannschaft diese Eigenschaft zurückgeben kann. Wenn alles gut geht in Madrid, kann dieser Bundesligaabend, an dem viele wichtige Spieler wie Lahm, Xabi Alonso, Arjen Robben oder Franck Ribéry erst spät eingewechselt oder gar nicht eingesetzt wurden, als Akt des Kraftsammelns betrachtet werden. Ebenso gut möglich ist, dass diese Nullnummer Teil der mittlerweile schon fast üblichen Frühjahrsschwäche der Münchner war.

Es war nicht zu übersehen, dass es viele Themen gibt, die diese Mannschaft beschäftigen, die sie aber nicht öffentlich diskutieren möchte. So scheint der monatelang gepredigte Glaube an die ganz besonderen Saisonendspurt-Qualitäten von Trainer Carlo Ancelotti erschüttert. Und nie war das Gefühl, von Lewandowski abhängig zu sein, größer als in diesen Tagen. Auf Fragen in diese Richtung reagierte Lahm genervt, und mit exakt den gleichen Worten wie auf die Frage nach seinem möglicherweise letzten Champions-League-Spiel: "Nee, überhaupt nicht".

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Bundesliga: Viele Schüsse, keine Tore, die Bayern

Auskunftsfreudiger wurden die Bayern erst, als es um Argumente für eine Wende zum Guten am kommenden Dienstag (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) ging. Ob die angeschlagenen Innenverteidiger Mats Hummels und Jérôme Boateng bis Dienstag fit werden, ist noch ungewiss. Dafür war Joshua Kimmich einer der stärksten Münchner, zunächst im defensiven Mittelfeld, später aber auch an der Seite von David Alaba im Zentrum der Viererkette.

Lahm wies zudem darauf hin, dass der Rekordmeister "jetzt Außenseiter" sei, eine ungewohnte Rolle, die vielleicht auch mal gut tut. Und Müller stellte eine verwegene Theorie vor: "Wir brauchen kein Fußballwunder, wie der FC Barcelona gegen Paris, deswegen fahren wir mit weniger Respekt nach Madrid, als wir vielleicht vor dem Hinspiel hatten", sagte der Stürmer: "Denn das hat uns vielleicht auch gehemmt."

Bayer Leverkusen - FC Bayern München 0:0
Leverkusen: Leno - Hilbert, Jedvaj, Toprak, Wendell - Baumgartlinger, Aránguiz (62. Dragovic) - Brandt (66. Bellarabi), Kampl - Havertz (88. Bailey), Volland
Bayern: Neuer - Rafinha, Martínez (72. Lahm), Alaba, Bernat - Vidal, Kimmich - Coman (69. Alonso), Thiago, Costa (60. Robben) - Müller
Gelbe Karten: Aránguiz
Gelb-Rot: Jedvaj (59.)
Schiedsrichter: Daniel Siebert
Zuschauer: 30.210 (ausverkauft)

insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
gabbanaflow 16.04.2017
1. Was für eine Depression???
Richtig gute Berichterstattung!! Einfach immer mutmaßen, irgendwelche Theorien aufstellen.. Absoluter Wahnsinn!! Eigentlich lohnt es sich gar nicht zu antworten, es ist so absurd! Sie spielen mit einer anderen Mannschaft, haben viele Chancen, doch der Ball wollte nicht ins Tor. Trotzdem nicht verloren, 0:0. 1:2 gegen Real Madrid. Was für eine Depression?????????
kanan 16.04.2017
2. So ist das eben
wenn eine Mannschaft innerhalb der Liga keine richtigen Gegner hat, sie wird schwach, während Real immer gezwungen ist stark zu bleiben. Die Abhängigkeit von Lewandowski ist auch zu gross, Bayern brauch mehr Top Angreifer. Und der Optimismus ist auch zu begrenzt, die Mentalität könnte besser sein, Bayern ist über seine eigene Arroganz gestolpert, zum Teil. Der Grund warum "spanische" Mannschaften so weit kommen ist deren positive Mentalität, abgesehen von der Qualität.
wedding13347 16.04.2017
3. Unübersehbar
daß die Bayern schwächeln. Lewandowski hilft da auch nicht mehr, wenn der Kader nicht mehr funktioniert. Madrdid ist eine Nummer zu groß, wenn selbst Leverkusen gegen den FCB bestehen kann. Tja, wird nur 1 Titel diese Saison... :-)
stoffi 16.04.2017
4. Nicht so schwarz sehen
Mittwoch wird sich zeigen, was die Jungs noch leisten können. Chansen haben sie allemal. Das 0:0 ist doch kein Grund alles mies zu reden. Ja, die Abwehr ist zur Zeit sehr schlecht besetzt und dennoch , der Wille allein, versetzt manchmal Berge, auch gegen Real
joe.micoud 16.04.2017
5.
Wer weiterkommt, kann ich absolut nicht sagen oder tippen. Glaube aber, dass es in Madrid in die Verlängerung geht.
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