Bayerns Niederlage gegen ManCity Die Angst vor dem Minutenschlaf

Der FC Bayern hat den Sieg gegen Manchester City im letzten Moment hergegeben. Sportlich hatte das Duell für die Münchner keine Relevanz mehr. Trainer Pep Guardiola zieht dennoch seine Lehren aus den späten Fehlern.

Aus Manchester berichtet


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Es wäre fast der perfekte Geburtstag gewesen. 33 Jahre alt wurde Xabi Alonso am Dienstag, und anstatt mit Freunden zu feiern, trat er mit dem FC Bayern zum Gruppenspiel der Champions League bei Manchester City an. Nach 20 Minuten geriet Alonsos Mannschaft durch einen ärgerlichen Foulelfmeter in Rückstand, doch der Spanier glich kurz darauf mit einem feinen Freistoß aus, es war sein erstes Tor für die Münchner in der Königsklasse.

Es schien sein Abend zu sein, seine Party; Alonso spielte hervorragend. Bis zur 85. Minute.

Alonso, der die Bälle sonst mit verbundenen Augen an seine Mitspieler verteilen kann, der in den Pass- und Ballberührungsstatistiken eine eigene Wertungsskala braucht - er verschätzte sich beim Zuspiel. Sergio Agüero schnappte sich den Ball: 2:2. Fassungslos starrte Alonso in Richtung Tor, bis Arjen Robben zu ihm trabte und ihm tröstend auf die Schulter klopfte.

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Das enttäuschte Geburtstagskind Alonso war an diesem Abend in Manchester ein Sinnbild für seine Mannschaft. Trotz Unterzahl nach dem Platzverweis von Medhi Benatia (20. Minute) und obwohl es für sie als Gruppensieger in dieser Partie um nichts mehr ging, hatte die Elf von Trainer Josep Guardiola guten Fußball gezeigt. Sie hatte das Spiel gedreht und dominiert, hatte mehr Ballbesitz und die cleverere Taktik. Und am Ende doch 2:3 (2:1) verloren.

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ManCity vs. Bayern: Benatia-Rot und Agüero-Dreierpack
"Es ist so schade, denn wir sind toll zurückgekommen mit zehn Mann", sagte Abwehrchef Jérôme Boateng, der ManCitys Siegtreffer in der 91. Minute durch einen ungewohnten Aussetzer verursacht hatte. "Es waren zwei blöde Fehler, mir tut es leid für die Mannschaft. Solche Fehler passieren normalerweise nicht, es war eigentlich ein gutes Spiel von uns."

Tatsächlich patzten mit Alonso und Boateng ausgerechnet diejenigen, die in den vergangenen Monaten wie sonst kaum jemand in ihrer Mannschaft für Sicherheit und Konstanz gesorgt hatten. Beide hatten auch diesmal großen Anteil daran, dass der FC Bayern sich nach Benatias Roter Karte wieder sortieren und die Kontrolle übernehmen konnte. "Ich bin traurig für die Spieler, denn zuvor haben sie es überragend gemacht. Sie waren müde in den letzten Minuten", sagte Guardiola nach der Partie.

Der Trainer verbarg nicht, dass er keine große Lust hatte, die Gegentreffer zu analysieren. Es wurmte ihn, dass sie den Blick auf die Leistung seiner Mannschaft verfälschten, denn diese hatte über weite Strecken endlich seinen hohen Ansprüchen genügt: Gegen den motivierten und angriffslustigen englischen Meister, der dieses Duell als Endspiel ausgerufen hatte, zogen die Bayern ihr eigenes Spiel auf. Sie gaben sich alle Mühe, Guardiolas Taktikvorgaben in die Tat umzusetzen. Selbst nach dem Rückstand schafften sie es innerhalb kurzer Zeit, sich neu einzustellen und anzupassen.

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FC Bayern in der Einzelkritik: Selbst geschlagen
Das ist es, was Guardiola von ihnen sehen will: Flexibilität und erfolgreiche Problemanalyse. Er sei deshalb "sehr, sehr, sehr stolz" auf seine Mannschaft, sagte der Katalane. Seine Stirn legte er dennoch in Falten. Guardiola weiß, dass das, was er an diesem Abend gesehen hat, durchaus auch Anlass zur Sorge gibt: Es mag derzeit kaum einen Gegner geben, der dem FC Bayern ernsthaft gefährlich werden kann. Außer der FC Bayern selbst.

Fußballerisch bewegt sich die Mannschaft auf einem noch höheren Niveau als im vergangenen Jahr, sie ist klüger und eingespielter. Die größte Herausforderung für die Münchner wird in den kommenden Monaten sein, nicht müde von sich selbst zu werden.

Die Spieler und ihr Trainer versuchten deshalb, auch aus diesem sportlich so unbedeutenden Spiel möglichst viele Erkenntnisse gewinnen. Die späten Gegentore seien "eine große Lehre für die Zukunft", sagte Guardiola, "wenn das in einem Achtel- oder Viertelfinale passiert, bist du raus." Dann reichen fünf Minuten Unachtsamkeit aus, um aus einer außergewöhnlich guten Saison eine enttäuschende zu machen.

So wie im vergangenen Jahr, als der FC Bayern im Halbfinale der Champions League überraschend und schmerzhaft an Real Madrid scheiterte.

Es ist ein Trauma, das Guardiola seitdem verfolgt und das ihn hat so vorsichtig werden lassen. Trotzdem sei es damals anders gewesen, sagte er: "Da haben wir schlecht gespielt."

Diesmal, bei der ersten Niederlage seit 18 Pflichtspielen, habe seine Mannschaft fast alles richtig gemacht: "Ich bin mir sicher, dass uns das bei unserer Entwicklung hilft."

Manchester City - Bayern München 3:2 (1:2)
1:0 Agüero (21., Foulelfmeter)
1:1 Alonso (40.)
1:2 Lewandowski (45.)
2:2 Agüero (85.)
3:2 Agüero (90.+1)
Manchester City: Hart - Sagna (68. Zabaleta), Mangala, Kompany, Clichy - Fernando - Navas, Lampard, Milner (66. Jovetic), Nasri - Agüero (90.+4 Demichelis)
Bayern München: Neuer - Rafinha, Benatia, Jérôme Boateng, Bernat - Rode (25. Dante), Alonso, Hojbjerg - Robben, Ribéry (81. Schweinsteiger) - Lewandowski (84. Shaqiri)
Schiedsrichter: Pavel Kralovec (Tschechien)
Zuschauer: 44.510
Rote Karte: Benatia nach einer Notbremse (20.)
Gelbe Karten: Clichy (2), Zabaleta (2), Agüero (2) - Neuer

insgesamt 34 Beiträge
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danubius 26.11.2014
1. Trotz allem ein super Spiel
Die in der Gruppenphase noch verschmerzbaren Fehler von Geburtstagskind Alonso und von Boateng in den letzten Minuten zeigen deutlich für künftige Spiele: nicht Nachlassen bis zum Schlusspfiff. Trotzdem: mia san mia!
pr8kerl 26.11.2014
2. Viele Verletzte, WM-Müdigkeit, Unterzahl...
Ich habe mich gefreut und gewundert, wie lange der FC Bayern nach der WM auf diesem extrem hohen Niveau spielen konnte. Irgendwann musste die geistige und körperliche Frische leiden, auch bei Boateng und Neuer. Andere Spieler haben sich sogar schwer verletzt. Lieber jetzt ein Einbruch als im Frühling. Nach der Winterpause wird man gesunde und frische Bayern-Spieler gegen Barca, Real und Chelsea erleben. Die bedauernswerten Dortmunder hat es in der Liga doch viel schlimmer erwischt.
Diskutierender 26.11.2014
3. Vielleicht auch sinnvolle Niederlagen
In den beiden besten Spielzeiten aller Zeiten von Bayern gab es jeweils eine Niederlage, die zwar sportlich keinen Einfluss hatte, aber die Mannschaft so richtig wachgerüttelt hat. Vielleicht zeigen die Fehler, wo die Bayern-Spieler noch lernen können. März 2001: Die 0:3-Pleite in der CL-Zwischenrunde gegen Olympique Lyon, nach der Franz Beckenbauer die Mannschaft als Uwe Seeler Traditionsmannschaft bezeichnete. März 2013: Die 0:2-Heimpleite im CL-Achtelfinale gegen Arsenal. Auch hier bekam die Mannschaft noch einmal rechtzeitig einen Tritt in den Hintern, um nachher das Triple zu gewinnen.
larry_lustig 26.11.2014
4. Besser jetzt....
als in der KO-Runde.... Es ist sicher schlecht für die 5-Jahreswertung, aber dafür hat gerade der FCB genug getan. - Jetzt haben die Bayern erfahren, Autsch wir können verlieren - Jetzt wird das Drama gegen ManU nochmal wieder ins Gedächtnis gerufen => und das, ohne das der FcB einen Nachteil hat, abgesehen von der Sieg-Prämie
nummer50 26.11.2014
5. Unsinn
Ich halte die Regel, dass man bei einem Foul im Strafraum und letzter Mann vom Platz fliegt, für einen riesen Quatsch. Da soll es einen Elfmeter geben und gut ist. Warum die Doppelbestrafung? Anders sieht es aus wenn das Foul und letzter Mann vor dem Strafraum erfolgt, da wird einem eine glasklare Chance genommen und man bekommt dafür nur einen müden Freistoß, in dem Fall macht die Regel Sinn, aber doch nicht bei einem Foul im 16 er.
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