SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. April 2017, 15:55 Uhr

FC Bayern vor Real-Rückspiel

Der April macht, was er will

Aus Madrid berichtet Florian Kinast

Ancelottis stärkste Zeit sei der Frühling: Die Bayern wurden in der Vergangenheit nicht müde, das zu betonen. Dennoch droht dem Klub dasselbe Schicksal wie unter Vorgänger Guardiola.

Für die Routiniers des FC Bayern könnte das Rückspiel gegen Real Madrid der letzte Auftritt in der Champions League sein. "Daran denke ich nicht", sagte Philipp Lahm trotzig: "Wir haben eine große Qualität, um auch auswärts gegen gute Mannschaften zu gewinnen." Der 33-Jährige beendet nach der Saison seine Karriere.

Genauso wie Xabi Alonso, seine Zeit droht gegen seinen Ex-Klub zu enden. Der 35-Jährige sagte, man müsse gegen Real "ein großes Spiel" machen, um sich nach dem 1:2 in München doch noch fürs Halbfinale zu qualifizieren, und Carlo Ancelotti sprach gar von einem "perfekten Spiel", das für ein Weiterkommen nötig sei. Auch sonst übten sich die Akteure des FC Bayern in Optimismus und sprachen sich kollektiv Mut zu. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?

Vor dem Abflug am Montagvormittag hatten sich auch die Klubbosse geäußert. Uli Hoeneß setzte am Münchner Flughafen einen entschlossenen Blick auf und sagte zu den Personalsorgen um die angeschlagenen Innenverteidiger Mats Hummels und Jérôme Boateng: "Egal wer spielt, jeder wird sich reinknallen." Karl-Heinz Rummenigge versuchte es mit einer Floskel, die jeder Amateurkicker kennt: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren." Ein Zitat, das wechselweise Bertolt Brecht und Rosa Luxemburg zugeschrieben wird, fußballerisch aber auch nicht mehr als eine Binsenweisheit ist.

Rummenigge nannte noch etliche Adjektive, um die nötigen Charaktereigenschaften für ein Wunder im Estadio Santiago Bernabéu aufzuzählen. "Mutig", "engagiert", "geduldig" müsse man spielen, und ergänzte: "Der FC Bayern ist berühmt-berüchtigt, dass er in solchen Spielen mit einem außerordentlichen Willen reingeht." Warum die Bayern den außerordentlichen Willen gerade in der zweiten Hälfte des Hinspiels nicht zeigten, ließ er offen.

Die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Bayern genau von diesem Hinspiel wieder erholt haben. Ob sie wieder von sich und ihrem Spiel überzeugt sind. Und, ob sie wieder den Glauben an sich selbst finden, von dem sie am vergangenen Mittwoch abgefallen sind. Die momentan große Verunsicherung war auch beim und nach dem 0:0 in Leverkusen zu sehen, als die Spieler, allen voran Thomas Müller, mit sich haderten und schimpften.

Vor allem die desaströsen zweiten 45 Minuten gegen Real hatten die Mannschaft nachhaltig gehemmt und zu einer lange nicht mehr dagewesenen Verunsicherung geführt. Hinfort scheint auch die Überzeugung, dass mit Carlo Ancelotti alles besser würde als unter Pep Guardiola, dass sie endlich wieder die Champions League gewinnen. Nun droht das Aus im Viertelfinale, noch früher sogar als unter Guardiola, der es in seinen drei Bayern-Jahren immer bis ins Halbfinale schaffte.

Dabei wirkte alles auf einem so guten Weg. Nach einer holprigen Hinrunde schienen Ancelotti und die Mannschaft in der Winterpause endlich zueinander gefunden zu haben. 13 Siege und zwei Unentschieden in 16 Pflichtspielen des Kalenderjahres 2017 sprachen bis vergangene Woche für sich. Das 0:1 in Hoffenheim Anfang April mutete dabei nur wie ein Schönheitsfehler an. Es gab furiose Torspektakel wie gegen Hamburg (8:0) oder Augsburg (6:0), brillante Spitzenspiele gegen Arsenal in der Champions-League (5:1, 5:1) und in der Liga gegen Dortmund (4:1). Rummenigge und Hoeneß frohlockten, dass Ancelottis stärkte Zeit ja immer schon der Frühling war. Alles ging so leicht, bis zum Hinspiel gegen Real.

Was die Bayern vor dem Rückspiel (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) nachdenklich stimmt, ist, wie sehr sie sich vom verschossenen Elfmeter von Artúro Vidal und dem Platzverweis von Javi Martínez aus dem Konzept bringen ließen. Dass sie keinen Plan B hatten und es nur Manuel Neuers Paraden zu verdanken haben, dass sie überhaupt noch eine kleine Chance in Madrid haben. Dass sie sich gerade in solch bedeutsamen Spielen, die über eine erfolgreiche Saisonbilanz entscheiden, so vorführen ließen, entsetzte die Spieler besonders.

Rummenigge beschwor noch einmal die "Magie des Carlo Ancelotti", mit der er sicher auch Wunderdinge vollbringen könne. Wichtig wird erst einmal sein, dass der Magier Ancelotti wieder die Überzeugung in die Spieler hineinzaubert. Reinknallen allein, wie Hoeneß sagte, reicht nicht. Sie müssen auch daran glauben.

Ans Halbfinale und an sich selbst.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung