Das Unentschieden, das niemanden interessiert Der ewige Lewandowski

Bayern spielte in Freiburg Remis – Nebensache. Vor, während und nach der Partie ging es um Robert Lewandowski und den Uralt-Rekord von Gerd Müller, der nun eingestellt ist und nächste Woche vielleicht gebrochen wird.
Von Jakob Schönhagen, Freiburg
Robert Lewandowski holt sich Streicheleinheiten ab

Robert Lewandowski holt sich Streicheleinheiten ab

Foto: Tom Weller / dpa

Am Ende fehlte nicht viel, um den Rekord schon im vorletzten Saisonspiel zu brechen. In den letzten zehn Minuten der Partie zwischen dem SC Freiburg und dem FC Bayern München verhinderte Torhüter Mark Flekken mit drei Paraden, dass Robert Lewandowski die Tor-Bestmarke von Gerd Müller nicht nur egalisierte, sondern eine neue aufstellte.

Dreimal tauchte der letztjährige Weltfußballer am Ende noch vor Flekken auf. Einmal mit Platz per Kopf, zweimal relativ unbedrängt mit dem rechten Fuß. Jedes Mal scheiterte Lewandowski. Sein 41. Saisontor wollte nicht fallen.

»Zum Schluss hat man gesehen, dass er auch nur ein Mensch ist«, feixte später Teamkollege Thomas Müller bei Sky. »Dieser 41. Treffer ist scheinbar doch etwas Besonderes.« Lewandowski gestand: »Ich hätte eigentlich noch mindestens ein weiteres Tor machen müssen.«

Aber der Nachmittag mit dem 2:2 beim Sportclub war zu historisch, um Trübsal zu blasen. Durch seinen Elfmetertreffer zog Lewandowski mit dem Torrekord von Gerd Müller gleich. Wie Müller in der Saison 1971/1972 hat nun auch Lewandowski in einer Bundesligaspielzeit 40 Tore geschossen.

Nach einer Knieverletzung Ende März hatte Lewandowski vier Partien verpasst, der sicher geglaubte Rekord schien in Gefahr. Aber schon bei seinem Comeback in Mainz traf er wieder, dann gleich dreimal gegen Gladbach und am Samstagnachmittag gegen Freiburg. Für seine 40 Tore brauchte Lewandowski weniger als 30 Spiele. In seinem 349. Bundesliga-Spiel war es sein insgesamt 276. Treffer. Lewandowski hat im Schnitt alle 102 Minuten ein Tor geschossen. Außergewöhnliche Werte eines außergewöhnlichen Fußballers.

Dementsprechend groß war die Anerkennung: Auf der Tribüne gab Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge stehende Ovationen, hinter ihm klatschte Bundestrainer Joachim Löw in die Hände. Auf dem Platz standen Teamkollegen, Betreuer und Trainer Spalier. Nach der Partie herzten ihn die Mitspieler, die Freiburger klopften ihm auf die Schulter.

»Im Moment ist Robert der beste Stürmer der Welt«

Joachim Löw sagte nach der Partie gegenüber Sport1: »Es ist imponierend, so eine Anzahl an Toren zu erzielen. In der heutigen Zeit ist das noch schwieriger als es früher war.« Und Bayern-Trainer Hansi Flick befand: »Im Moment ist Robert der beste Stürmer der Welt.«

Im Breisgauer Dauerregen aber tat Lewandowski vorerst nichts Außergewöhnliches. Der polnische Nationalspieler rannte über den Platz. Er pirschte durch die Abwehrreihen der gut stehenden Freiburger. Er beobachtete die Angriffsbemühungen der Kollegen. Ein Lachen hier, ein Spruch dort. Lewandowski korrigierte und dirigierte, ließ sich fallen und stieß dynamisch in den offenen Raum.

Nur eines tat er nicht: Den Eindruck erwecken, als stünde da einer, der auf Biegen und Brechen darauf aus ist, einen lange Zeit für unerreichbar gehaltenen Rekord zu knacken. Trotz riesigem Erwartungsdruck strahlte Lewandowski Gelassenheit aus. Und wie seit Jahren ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Und wartete auf seine Chance.

Die präsentierte sich auf dem Silbertablett, nachdem Schiedsrichter Florian Badstübner unter Zuhilfenahme des Videobeweises ein Foulspiel an Thomas Müller mit einem Strafstoß für die Gäste geahndet hatte. Lewandowski verzögerte, verlud Flekken und traf ins rechte Eck.

»Das ist eine große Ehre für mich. Ich bin sehr, sehr stolz. Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe. Ich brauche noch ein bisschen Zeit, um das glauben zu können«, sagte Lewandowski bei Sky.

Lewandowskis Tor war sein 19. Treffer in den vergangenen 18 Spielen gegen Freiburg. Und es war das erste Tor im letzten Bundesligaspiel im Schwarzwald-Stadion. Seit 1955 hat Freiburg hier gespielt, kommende Saison ziehen sie in ihre neue Spielstätte am anderen Ende der Stadt. Damit endet ein Kuriosum: Der Platz im Schwarzwald-Stadion ist fünf Meter zu kurz. Hier darf nur mit DFL-Sondergenehmigung gekickt werden. Zudem hat er ein Gefälle – der Höhenunterschied beider Tore beträgt einen Meter. Lewandowski störte das nie.

In einem munteren Spiel ging es nach Lewandowskis Tor hin und her. Manuel Gulde glich nach einer knappen halben Stunde für die Gastgeber per Kopfball aus. Nach der Pause brachte Leroy Sané die Bayern wieder in Führung. Der letzte Treffer der Partie gehörte diesmal nicht wie so oft Lewandowski. Er fiel für den SC, über die so starke linke Seite mit Vincenzo Grifo und Torschütze Christian Günter.

In einer turbulenten Schlussphase war eigentlich alles wie gemalt für Lewandowskis 41. Treffer. Doch Flekken hielt und Lewandowski blieb es verwehrt, an Gerd Müller vorbeizuziehen. Freiburgs Trainer Christian Streich war sich nach der Partie aber sicher, dass Lewandowski am letzten Spieltag kommendes Wochenende den Rekord von Müller überflügeln wird. Aufgeschoben, nicht aufgehoben also. »Natürlich versuche ich noch mindestens ein Tor zu schießen«, sagte Lewandowski.

Es wäre der grandiose Abschluss einer grandiosen Saison.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Lewandowski habe alle 90 Minuten in der Bundesliga getroffen. Korrekt ist aber, dass er im Schnitt alle 102 Minuten ein Bundesliga-Tor erzielt hat.