Bayerns Pokalerfolg bei Werder Die Partykiller

Die Atmosphäre war grandios, der Auftritt der Bremer mitreißend. Am Ende gewannen die Bayern trotzdem - wenn auch mit etwas Glück. Sind die Münchner nun fragil oder eiskalt?

Bayern-Torschütze Lewandowski (l.), Münchner Müller (2.v.l.), Goretzka (r.)
Kai Pfaffenbach / REUTERS

Bayern-Torschütze Lewandowski (l.), Münchner Müller (2.v.l.), Goretzka (r.)

Aus Bremen berichtet


Als es vorbei war, kippte manch Bayern-Profi einfach um. Javi Martínez war der erste, er plumpste aufs Hinterteil, dann lag er flach und winkte einen Kollegen heran. Ein Krampf. Diese 90 Minuten hatten Martínez und seine Mitspieler an ihre Grenzen gebracht.

Die Bayern haben ihr Halbfinalspiel im DFB-Pokal gewonnen, 3:2 bei Werder Bremen, das Finale gegen RB Leipzig ist damit perfekt. Aber sie haben leiden müssen.

Davon zeugte das Zeitspiel, das Torwart Sven Ulreich und Thomas Müller ziemlich offensichtlich praktizierten; da waren die Wortgefechte, in die James Rodríguez und Robert Lewandowski verwickelt waren. Die Münchner schienen gereizt. Und sie hatten ja tatsächlich einen 2:0-Vorsprung innerhalb von rund einer Minute verspielt.

Die Bayern wirkten mürbe, beinahe fragil. Das ist die eine Lesart. Es gibt aber auch eine andere.

Grün-weiße Sehnsucht

Denn eigentlich war alles angerichtet für eine Pokalüberraschung. Bremens Fans empfingen den Werder-Teambus bei dessen Ankunft am Weserstadion, was zu einem imposanten, grün-weißen Spalier führte. Und im Stadion war die Atmosphäre so gut wie lange nicht. Das Fahnenmeer, die Gesänge, das Flutlicht, all das verkörperte die Bremer Sehnsucht nach der Zeit Mitte der Nullerjahre, als Werder Champions League spielte und Partien gegen die Bayern tatsächlich auch mal gewann.

Spalier der Werderfans
Carmen Jaspersen / DPA

Spalier der Werderfans

Dazu muss man wissen, dass Bremen nun 20 Pflichtspiele in Folge gegen die Bayern verloren hat. Letztmals gewannen sie 2008, damals stürmten bei Werder noch Mesut Özil, Diego und, nun ja, Claudio Pizarro. Das ist zwar ewig her, aber so groß wie jetzt war die Gelegenheit auf einen Werder-Sieg lange nicht, davon überzeugte sich das Bremer Umfeld gegenseitig.

Mitten in diese mitreißende Stimmung hinein schossen die Münchner ihre Tore. 0:1 durch Robert Lewandowski (36. Minute), das Stadion wurde leiser. 0:2 durch Thomas Müller (63.), die Bremer Ultras sangen zwar noch, aber die Mehrheit der Zuschauer schwieg.

"Das war ein tolles Halbfinale"

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DFB-Pokal: Lewandowski schießt FC Bayern nach Berlin

Und nur wenige Minuten nach dem kaum für möglich gehaltenen Comeback nach Toren von Yuya Osako (74.) und Milot Rashica (75.), die die Stimmung explodieren ließen, wurden die Bayern endgültig zum Partykiller, als erneut Lewandowski per Elfmeter die Partie entschied (80.). Es gibt leichtere Aufgaben, als ein Auswärtsspiel in einer solchen Atmosphäre gegen einen gut eingestellten Gegner zu gewinnen, selbst für den FC Bayern. Die Hürde war hoch, die Münchner haben sie trotzdem genommen.

"Das war ein tolles Halbfinale, mit Auf-und-Abs", sagte Niko Kovac hinterher. Der Bayern-Trainer, 47 Jahre alt, wirkt selbst noch wie ein Athlet; auf der Pressekonferenz saß er mit durchgedrücktem Kreuz und sagte, seine Mannschaft habe zwar "ein Quäntchen Glück gehabt", aber was klare Chancen betreffe, habe sein Team "schon die eine oder andere mehr gehabt".

Andererseits hatten die Bayern - im krassen Gegensatz zum Bundesligaduell gegen Bremen am vergangenen Samstag (1:0) - auch klare Gelegenheiten zugelassen. Sie wirkten anfällig für die Tiefenläufe der Bremer Achter und gegen Rashicas Dribblings, verloren phasenweise die Spielkontrolle.

Keine eindeutige Fehlentscheidung beim Elfmeter

Bayerns Coman (l.), Bremens Keeper Pavlenka
Martin Meissner / AP

Bayerns Coman (l.), Bremens Keeper Pavlenka

Statt um taktische Defizite ging es nach der Partie aber vor allem um das Zustandekommen des Siegtreffers, als Werders Theodor Gebre Selassie Bayerns Kingsley Coman im Strafraum leicht schubste und so einen Elfmeter verursachte. "Wir können uns nicht beklagen, wenn der Schiedsrichter den nicht pfeift", diplomatisierte Kovac, um dann weniger konziliant nachzuschieben, Gebre Selassie habe sich "ein bisschen dumm angestellt".

Tatsächlich fiel Coman im Duell mit Gebre Selassie sehr einfach, und vermutlich hätte manch Schiedsrichter im Gegensatz zu Daniel Siebert nicht auf Strafstoß entschieden. Eine eindeutige Fehlentscheidung, die den Videoschiedsrichter zum Eingriff gezwungen hätte, lag allerdings nicht vor.

Hier können Sie die Szene im Video sehen:

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Florian Kohfeldt, 36 Jahre alt, saß nicht so kerzengerade wie Kovac; er wirkte mitgenommen. Als er seinem Trainerkollegen zum Weiterkommen gratulierte, wischte er sich mit der Hand über das Gesicht. Das mit dem Strafstoß sah er zwar anders als Schiedsrichter Siebert, aber ein Bayern-Bonus? "Das wird unserer Leistung nicht gerecht", sagte Kohfeldt und beglückwünschte "alle, die heute hier waren", was ein Lob vor allem ans eigene Team bedeuten sollte. "Es gibt Tage, da geht so ein Spiel für uns aus. Aber heute nicht".

Siege werden in München wieder richtig gefeiert

Man werde daran arbeiten, dass Abende wie dieser keine Ausnahme bleiben. Das Spiel am Mittwoch mag Bremen verloren haben, aber das Verlangen nach magischen Nächten wurde an diesem Abend, an dem man den Münchnern Paroli bieten konnte, ein klein wenig gestillt.

Und irgendwie trifft das auch auf die Bayern zu. In einer Saison, die vielen als Übergangsjahr gilt, in dem alte Helden verabschiedet, ehe zur kommenden Spielzeit neue präsentiert werden sollen, feiern die Münchner nun doch noch Siege, nach denen man nicht zur Tagesordnung übergeht. Sondern die man feiert.

Das 5:0 gegen den BVB Anfang April war so einer, als die Bayern ihren stärksten Gegner an die Wand spielten. Dieses 3:2 in Bremen hat ebenfalls das Zeug dazu. Denn Erfolge schmecken mit am besten, wenn man für sie an die eigenen Grenzen gehen muss. Dass ihnen dies gelingt, verheißt nichts Gutes für Meisterkampf und Pokalfinale. Es sei denn, man hält es mit dem FC Bayern.

SV Werder Bremen - FC Bayern München 2:3 (0:1)
0:1 Lewandowski (36.)
0:2 Müller (63.)
1:2 Osako (75.)
2:2 Rashica (76.)
2:3 Lewandowski (80.)
Bremen: Pavlenka - Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Augustinsson (81. Harnik) - M. Eggestein - Möhwald (65. Pizarro), Klaassen (89. J. Eggestein) - Kruse - Osako, Rashica
München: Ulreich - Kimmich, Boateng, Hummels, Alaba - Javi Martínez, Thiago (76. Rodríguez) - Gnabry (58. Goretzka), Müller (89. Rafinha), Coman - Lewandowski
Schiedsrichter: Siebert
Gelbe Karten: Klaassen, Kruse - Hummels, Rodríguez
Zuschauer: 42.100

insgesamt 281 Beiträge
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Seite 1
derfriemel 25.04.2019
1. Meine Meinung
Zum einen, finde ich es als Unsportlich, als Spieler sich fallen zu lassen, weil man den Ball eh nicht mehr bekommt. Zum anderen war mir schon vor dem Spiel schon klar, warum Werder nicht weiterkommt. Hier die Bilanz, des Schiedsrichterteams, wenn ein Spiel mit Bremer Beteiligung gepfiffen wurde. Stand heute: 9 Spiele, 1 Sieg (1:0 gegen Augsburg 2013) 1 Remis 7 Niederlagen. Das letzte Spiel war das im März gegen Wolfsburg und ging 1:1 aus. Ich kann Werder nur empfehlen, dem DFB mitzuteilen, dass dieser Schiedsrichter ab sofort keine Spiele mit Werder Bremen Beteiligung mehr (ver-)pfeifen darf. Der Schiri, hat den Elfmeter nicht mal überprüft. Und das bei so einem Spiel, mit so einem engen Ergebnis. Auch wenn Kruse nicht von Betrug reden wollte, aber geschmäckle hat es schon.
konterspieler 25.04.2019
2. Ein Fussballspiel dauert 90+X Minuten, doch am Ende gewinnen immer die Bayern ...
und wenn es mal so aussieht, als könnten sie verlieren, pfeift ein Schiedsrichter eine Szene im Kampf um den Ball zum "Strafstoss" um - "im Zweifel für die Bayern" heisst diese ungeschriebene Fussballregel. Wenn man den Fussballsport zum unsportlichen "Kassengift" umdeuten will, dann muss man das genauso machen, wie gestern Abend wieder mal geschehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Stadien leergepfiffen sind. Was ist Fussball noch wert, wenn der Ausgang des Spiels schon bei Anpfiff absehbar ist, weil ein Bayernspieler zum passenden Zeitpunkt über einen Grashalm stolpern wird ...?
charly2708 25.04.2019
3. Dann muss es halt Leipzig richten
Dann kommt Leipzig jetzt halt die doppelte Aufgabe zu, die Bayern zu stoppen. Einmal am 33ste Spieltag um Dortmund zum Meister zu machen und dann im Finale in Berlin. Ich traue das Leipzig in deren derzeitigen Verfassung auch zu. Die Bayern sind noch nicht durch. Es sei denn Herr Siebert pfeift wieder die Spiele mit der selben Besatzung im Videokeller....
FurzHimmel 25.04.2019
4. Jammern gehört zum Handwerk
Eigentlich ist es total schade, wenn ein Abwehrrecke wie Selassie seiner Mannschaft einen solchen - unnötigen - Bärendienst erweist. Aber er musste ja den Ellenbogen ausfahren und mit ihm Coman anrempeln. Und der war im Vollsprint und hatte den Ballverlust vor Augen, also war die Motivation eher gering, um auf den Beinen zu bleiben, wer mag es ihm verübeln? Als Bremer würde ich auf Selassi schimpfen und ihn mal ordentlich kalt duschen lassen :-)
sapiens-1 25.04.2019
5. Natürlich war das ein Elfer...
...schon alleine für die Dämlichkeit, wie sich der Bremer angestellt hat muß es den geben. Nachdem er Coman nicht konsequent abgdrängt hat, wie er es vermutlich wollte, dann im Frust von hinten schubsen, bei dem Tempo, da gibts nichts anderes als Penalty... Es wird doch jetzt nur so ein Bohay gemacht, weil der Gefoulte ein rotes Trikot trug, wäre es der heilige Reus gewesen, gegen den diese Aktion ging hätte es keine Diskussion gegeben. Auch eine Art von Respekt Bayern gegenüber, daß jetzt schon unstreitige Elfer wegverhandelt werrden sollen... Ich bin gespannt, ob Bremen gegen den BVB nächste Woche in der Liga genauso engagiert antritt, wetten daß nicht?
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