Bayerns 6:0 in Belgrad Nacht der Rekorde

Der Gegner hatte Angst, die leidenschaftlichen Fans wurden zum Schweigen gebracht: Der Auftritt des FC Bayern in Belgrad geriet zu einer Rekordjagd. Mann des Abends: Vierfachtorschütze Robert Lewandowski.

Vierfachtorschütze Robert Lewandowski (2.v.l.)
Lars Baron/Getty Images

Vierfachtorschütze Robert Lewandowski (2.v.l.)

Aus Belgrad berichtet Christoph Leischwitz


So viele Warnungen hatte es vor dem Spiel gegeben: Vergangenes Jahr hatte hier, im berüchtigten Stadion Rajko Mitic, der FC Liverpool verloren, die SSC Neapel 0:0 gespielt. Die Fans sorgten für angsteinflößende Stimmung, und die eigene Historie des FC Bayern in Belgrad las sich ja auch nicht gerade gut.

Doch nach Schlusspfiff war es der Trainer von Roter Stern, Vladan Milojevic, der sagte: "Wir hatten Angst." Kein Lärm von den Rängen, kein Aufbäumen auf dem Platz, gar nichts. Nach dem desaströsen 0:6 aus Sicht der Gastgeber klang Bayern-Torwart Manuel Neuer fast schon so, als hätte er Mitleid mit dem Gegner: "Es ist auch schwierig, wenn wir nichts zulassen."

Der Frust kippte nicht in Wut um: Von der Haupttribüne war in der 77. Minute sogar ein kurzer, respektvoller Applaus zu hören, in dem Moment, als Robert Lewandowski ausgewechselt wurde. Im Übrigen war die Tribüne da schon zur Hälfte leer.

Bester Einstand eines Bayern-Trainers

Eine Mutprobe war Belgrad für die Bayern dann doch nicht, eher ein Pflichttermin. Cheftrainer Hansi Flick hatte in den ersten drei Partien einen sehr guten Einstand gefeiert, in der Champions League war der Einzug ins Achtelfinale schon sicher. Doch nun wurde aus einem Routine-Abend ein Abend der Superlative.

Mit so vielen Rekorden, dass man sich aussuchen kann, welcher später einmal am meisten Bedeutung haben wird: Der schnellste Viererpack in der Geschichte der Champions League durch Lewandowski (14:31 Minuten); zwei Viererpacks in einer Vorrunde (auch Serge Gnabry hatte beim 7:2 in Tottenham brilliert), obendrein 21 Tore in fünf Partien und die Chance, als erste deutsche Mannschaft sechs Siege in der Vorrunde zu feiern; der beste Einstand eines Bayern-Trainers überhaupt.

Fotostrecke

13  Bilder
Bayerns Robert Lewandowski: Vier in 15

Umgekehrt war es laut Belgrads Trainer Milojevic die höchste Heimniederlage in der Geschichte von Roter Stern. Und ausgerechnet diesmal war Uli Hoeneß nicht dabei, es war die erste Auslandsreise, nachdem der Präsident abgetreten war: In diesem Stadion hatte er 1976 als Nationalspieler mit einem Schuss in den Nachthimmel die Europameisterschaft verspielt.

"Sehr seriös"

Nun ist die Liste an triumphalen Europapokal-Abenden für die Bayern nicht gerade kurz. Das Besondere am Erfolg in Belgrad ist aber, wie schnell die Mannschaft innerhalb kürzester Zeit ein völlig anderes Gesicht zeigt. In Piräus habe man zwar zuletzt auch 3:2 gewonnen, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge auf seiner nächtlichen Bankettrede, "aber das Spiel war ja nicht so toll gewesen". Diesmal habe das Team "ein fantastisches Spiel abgeliefert, sehr seriös".

Die letzten vier Partien unter Niko Kovac: elf Gegentore; die ersten vier Spiele unter Flick: gar keine mehr. Auch wenn festgehalten werden muss, dass Belgrad erschreckend passiv spielte: Der Qualitätsschub ist so frappierend, dass es den Spielern gar nicht so leichtfällt, offen darüber zu reden - es könnte sich sehr schnell so anhören, als ob man schmutzige Wäsche waschen wollte.

Die Standard-Begründung lieferte Neuer: "Dass wir nach vorne verteidigen. Dass wir enger zusammenstehen", sagte er. Es greife einfach gerade alles ineinander, sogar dann, wenn rotiert wird. In Belgrad war die Mannschaft auf vier Positionen verändert im Vergleich zum Ligaspiel in Düsseldorf.

63 Tore in der Champions League

Leon Goretzka, der sein erstes Champions-League-Tor feierte, räumte ein, dass man die Lewandowski-Show vielleicht auch als "Kompliment an die Mannschaft sehen" könne. Lewandowski kommt nun in der Champions League auf 63 Tore, er liegt in der ewigen Torjägerliste auf Rang fünf. Erster ist Cristiano Ronaldo mit 127 Treffern. In der aktuellen Saison hat Lewandowski mit 27 Pflichtspieltoren fast die Hälfte aller Bayern-Treffer erzielt (59).

Zum Schluss bog dann noch der gut gelaunte Stürmer höchstpersönlich in die Interviewzone ein. Zuerst tat er so, als wolle er ernst und schweigend an den Reportern vorbeigehen, ein Scherz. Der Ball, den er sich nach dem Spiel als Souvenir mitgenommen hatte, sei bereits im Bus verstaut, erzählte er. Natürlich hob er die Mannschaftsleistung hervor.

Wie schon Thomas Müller fand auch er, dass seine Tore als Stürmer Ausdruck einer generellen Überlegenheit seien. Aber wie kam das so schnell? "Es sind Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Die Taktik, die Positionierung, mit und ohne Ball. Wenn wir defensiv spielen, dann wissen wir: Wo sollen wir stehen."

Blick auf die Bank

Auf die Frage, ob Flick in Sachen Menschenführung Ähnlichkeiten mit Jupp Heynckes aufweise, sagte der Pole: "Ich denke schon." Flicks Kontakt mit den Spielern, seine "Empathie", das könne man schon vergleichen. Vergleiche mit weiteren Trainern wurden nicht gezogen.

Flick selbst wich weiterhin allen Fragen aus, die mit der Dauer seines weiteren Verbleibs zu tun hatten. Doch er lieferte selbst noch ein Beispiel dafür, was Lewandowski mit Empathie gemeint hatte: Wenn seine Mannschaft ein Tor erzielt, erzählte Flick, dann achte er darauf, "was auf der Bank passiert": Ob sich die Mitspieler auch mitfreuen. Dort könnte man erkennen, ob es sich um ein richtiges Team handelt.

Offensichtlich war er mit dem Gesehenen zufrieden.

Roter Stern Belgrad - FC Bayern München 0:6 (0:1)
0:1 Goretzka (14.)
0:2 Lewandowski (53. Handelfmeter)
0:3 Lewandowski (60.)
0:4 Lewandowski (64.)
0:5 Lewandowski (67.)
0:6 Tolisso (89.)
Belgrad: Borjan - Gobeljic, Degenek, Milunovic, Rodic - Cañas (61. Vulic), Petrovic (76. Ivanic) - Vukanovic, Marin, García (69. Pankov) - Boakye
München: Neuer - Pavard, Martínez (68. Kimmich), Boateng, Davies - Thiago - Coman, Goretzka, Tolisso, Coutinho (61. Perisic) - Lewandowski (77. Müller)
Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande)
Gelbe Karten: Milunovic / -
Zuschauer: 50.000



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
martin.vogt69 27.11.2019
1. Flick
Erstaunlich, was so ein Trainerwechsel bewirken kann: Flick vbersteht es offenbar - im Gegensatz zu Kovac - das zweifellos vorhandene Potenzial im Kader auf den Platz zu bringen, und zwar im Einklang (!) mit den Spielen. Ob man da einen teuren Startrainer verpflichten muss, werden sich die Bosse überlegen. Sieht eher so aus als habe man eine sehr gute Wahl mit Flick.
mitch72 27.11.2019
2. Egal, wie man zum FCB steht
Herzlichen Glückwunsch, Klasse Spiel!
Tapir62 27.11.2019
3. Auch kein Bayern-Fan
Ich bin nun auch wirklich alles andere als ein Bayern-Fan, aber ich finde, dass der Hansi Flick auch in den Interviews eine solche Selbstgewissheit und Ruhe ausstrahlt, das man wirklich beeindruckt ist. Da weiß einer haargenau, was er tut. Kovac wirkte immer sehr angespannt. Ich denke, dass Flick der Mannschaft auch genau das vermittelt - und Führung hat sowieso immer mit Empathie zu tun. Flick könnte eine der besten Entscheidungen des FCB in den letzten Jahren werden.
die Stechmücke 27.11.2019
4. Respekt
Ich bin zwar kein Bayern Fan aber habe großen Respekt bezüglich Mannschaft und Trainer .Wenn eine Mannschaft Angst vor den Bayern hat, dann hat sie auch schon verloren.
romeov 27.11.2019
5. Daddy Cool
Schon bewundernswert mit welcher Ruhe und Gelassenheit Hansi Flick seinen Job erledigt und dass in einer solch kurzen Zeit eine klare Handschrift des Trainers zu erkennen ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.