Kovac nach Bayern-Sieg gegen Dortmund "Müssen klarkommen mit unserem Leben"

Nach der Gala gegen den BVB lieferte Niko Kovac einen denkwürdigen Auftritt, der verdeutlicht, wie sehr der Bayern-Trainer unter Druck steht - und dass er die Meisterschaft jetzt nicht mehr verspielen darf.

Bayer-Trainer Niko Kovac gestikuliert am Spielfeldrand während der Partie gegen Borussia Dortmund
Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty

Bayer-Trainer Niko Kovac gestikuliert am Spielfeldrand während der Partie gegen Borussia Dortmund

Von Florian Kinast, München


Und plötzlich spürte Lucien Favre die Hand von Niko Kovac. Der Trainer von Borussia Dortmund hatte bei der Pressekonferenz nach der 0:5-Niederlage gegen Bayern München gerade auf die Frage zu seiner Aufstellung geantwortet. Was er sich gedacht habe, Mario Götze draußen zu lassen. Marco Reus ins Sturmzentrum zu stellen. Und Mahmoud Dahoud auf die Zehn.

Darauf sagte Favre: "Es hat nicht funktioniert. Und wenn du verlierst, dann ist eben der Trainer schuld." Ein verständnisvolles Lächeln huschte da über das Gesicht von Niko Kovac, fast väterlich tröstend tatsche er dem 14 Jahre älteren Kollegen zu seiner Linken auf die Schulter. Als wolle er sagen: Mensch Lucien, ich kann es so gut nachvollziehen. Auf mich prügeln sie bei Pleiten ja auch immer ein.

Die beiden Trainer spielten an diesem Abend eine besondere Rolle. Der eine, Favre, wegen der Mitschuld an dem katastrophalen Auftritt seiner Mannschaft. Und der andere, Kovac, wegen seines eigenen denkwürdigen Auftritts, den er am Ende dieser Presserunde noch hinlegen sollte - an einem Abend, der bei genauerer Analyse zu der erstaunlichen Erkenntnis führte, dass Kovac gerade wegen dieser fulminanten Gala nun bei den Bayern so richtig unter Druck steht. Denn klar ist nach der Rückeroberung der Tabellenspitze: verspielen darf er die Meisterschaft nun nicht mehr.

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"Das Wort zum Sonntag"

Wie sehr er wohl selbst gerade Druck verspürt und wie verwundbar er ist, wurde am Samstagabend in der Medienlounge der Münchner Arena deutlich. Gereizt und angefasst reagierte er auf die Frage, ob es für ihn selbst auch ein Befreiungsschlag gewesen sei, nach der - durchaus berechtigten - Kritik an seiner taktischen Ausrichtung in Spielen gegen Liverpool (1:3) und Heidenheim (5:4).

"Wir sind diejenigen, die alles abbekommen", sagte Kovac als selbsternannter Sprecher der Trainerzunft, "dem stellen wir uns. Ob das in der Form so sein muss, stelle ich aber mal in Frage, aber anscheinend in das in der heutigen Zeit so." Um dann salbungsvoll fortzufahren: "Wir sind alle Menschen und jeder muss an sich den Anspruch haben, das, was ich nicht möchte, dass mir einer antut, tue ich auch keinem anderen an. Das ist das Wort zum Sonntag."

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Nach 5:0-Sieg über BVB: FC Bayern in der Einzelkritik

Doch es kam noch mehr, gleich nach seinem pastoralen Appell an das Gute in uns allen legte Seelsorger Kovac mit markigen Worten nach, als es um die anstehende und lang angekündigte Feier von Jérôme Boateng Samstagabend in der Münchner Jet-Set-Disko P1 ging. "Lass doch die Leute machen, was sie gerne möchten", zeterte er. "Ich krame ja auch nicht bei anderen Leuten rum. Immer irgendwo was suchen. Wir spielen Fußball. Es geht nur noch um Nebensächlichkeiten, um Sensationen. Das ärgert mich." Und weiter: "Das muss mal gesagt werden. Ich bin kein Moralapostel, aber wir müssen mal wieder klar kommen mit unserem Leben. Das ist nicht in Ordnung, was hier abgeht."

Als er seine Predigt beendet hatte, musterte Kovac das Auditorium vor ihm mit bedrohlichen Blicken - weniger Seelsorger jetzt, mehr Straßenkämpfer, als würde er nur darauf warten, dass noch jemand eine blöde Frage stellt. Fragen kamen aber keine mehr. Dann stand Kovac auf und ging.

Nerven liegen blank

Anfangs hinterließ der Auftritt des Bayern-Coaches noch Ratlosigkeit. Hatte nicht Boateng selbst seine Party für Samstagabend angekündigt? War nicht auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic auf Distanz gegangen, hatte nicht sogar Uli Hoeneß die Fete als "Schwachsinn" bezeichnet? Warum dann die völlig aufgeregte Antwort von Niko Kovac auf eine völlig unaufgeregte Frage, ob er der Mannschaft nach diesem tollen Abend und vor einer spielfreien Woche erlauben würde, auf Boatengs Party mitzufeiern?

Schlicht und einfach, weil bei Kovac, wie diese fünf eigenartigen Minuten am Samstag verdeutlichten, die Nerven gerade blank liegen.

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Denn gerade weil das Spiel der Bayern gegen indisponierte Dortmunder so grandios und überzeugend gewesen war, weiß Kovac auch, dass er nun in der Pflicht steht. Mögen er und Uli Hoeneß in den letzten Wochen und Monaten gerne auch räsoniert haben, mal in dieser Saison nicht Meister zu werden, sei halb so wild, auch kein Beinbruch: Doch, jetzt, da die Bayern wieder Erster sind in der Tabelle, jetzt wäre es in der Tat wild, wenn sie am Ende hinter den Dortmundern landen würden, hinter jenem BVB, den sie hier so vorgeführt hatten.

Den Platz da ganz oben, die Bayern sollten ihn nicht mehr hergeben, wenn ihr Trainer über den Sommer hinaus eine halbwegs solide Jobgarantie haben möchte. Dortmund ist jetzt erst einmal die Bürde der Tabellenführung los. Die letzten sechs Saisonspiele werden zeigen, wie der BVB nun mit der Verfolgerrolle umgeht.

Und Niko Kovac mit dem Druck.

Bayern München - Borussia Dortmund 5:0 (4:0)
1:0 Hummels (10.)
2:0 Lewandowski (17.)
3:0 Martínez (41.)
4:0 Gnabry (43.)
5:0 Lewandowski (89.)
München: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Thiago, Martínez (77. Goretzka) - Müller (80. Sanches) - Gnabry, Coman (68. Ribéry) - Lewandowski
Dortmund: Bürki - Piszczek (69. Wolf), Akanji, Zagadou (46. Weigl), Diallo - Witsel - Dahoud (62. Götze), Delaney - Sancho, Larsen - Reus
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Manuel Gräfe
Gelbe Karten: Lewandowski - Delaney, Zagadou



insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
omop 07.04.2019
1. Zu Recht...
Das Spiel hat doch eindeutig gezeigt, das auch zwischen den Bayern "im Umbruch" und dem BVB mindestens ein Klassenunterschied besteht. Wenn eine solche Truppe wie der BVB Meister werden würde, wäre das einfach nur peinlich. Der BVB spielt doch schon die ganze Rückrunde sehr schwach, ohne Einsatz und Leidenschaft. Die Spieler sind mit Platz 2-4 zufrieden und sind Schönwetterspieler...Kovac weiss selber, dass er liefern muss und wird..
MarkusW77 07.04.2019
2.
ich muss sagen mein BVB hätte es nach gestern auch nicht verdient, Meister zu werden. Allerdings, wird der FCB wieder Meister, ödet mich der Fußball echt langsam an. Nein, ich bin kein Erfolgsfan, vor 30 Jahren das erste mal im Stadion, habe ich etliche Höhen und tiefen mitgemacht, aber ein Dauerabo auf die Meisterschaft einer Mannschaft will und werde ich mir nicht mehr geben. zumal der Abomeister ja etliche Euros in den neuen Kader schon wieder investiert hat. Das Fussballgeschäft wird sich so abschaffen.
charlybird 07.04.2019
3. Wenn Sie das nicht aushalten können,
Herr Kovac, dann machen Sie einen anderen Job. Das ist ganz einfach und wäre auch menschlich, aber wer in dem Zirkus mitspielt, muss beides abkönnen, den gezogenen Zylinder und eben auch dicke Schimpfe. Wer das nicht managen kann, sollte es lassen. Bei der Vergütung und der medialen Marktmacht sollte man auch als ''einfacher'' Trainer wissen, worauf man sich da einlässt. Und ja, das kann verletzen, aber es gibt deutlich größere Probleme, als die Befindlichkeit eines, Verzeihung, äußerst gut bezahlten ''Dompteurs''. Hier könnte man alle möglichen Vergleiche verantwortungsvoller Berufe heranziehen, aber es läuft eigentlich darauf hinaus, dass man bspw.sagt: Wenn du die Hitze nicht abkannst, bleib von der Küche weg. PS Ich finde einige Medien und deren Journaille teilweise auch scheußlich, aber das eben nicht nur seit gestern.
ge1234 07.04.2019
4. Wer....
... den heutigen "Doppelpass" mit K.H.Rummenigge gesehen hat, weiß, dass Kovacs Tage beim FCB gezählt sind. Das hatte ich bereits nach dem Ausscheiden gegen die Reds schon so geschrieben. Und Rummenigge hat es heute ziemlich deutlich bestätigt. Grüße an @Sal., das Ende des Albtraums ist in Sicht!
der_aufklaerer 07.04.2019
5. Ich kann es nicht mehr lesen
Ewig dieses unfaire Anti-Kovac Bashing...klar Kovac ist schuld dass Rummenigge und Hoeness es verpennt haben einen ueberfaligen Umbruch in einer ueberalterten Mannschaft einzuleiten und dass Bayern nicht mal 10 mio zu Saisonbeginn investierte waehrend CL-Finalist und PL-Tabellenfuehrer Liverpool nur fuer den Torwart 60 mio investierte zu Saisonbeginn und davor knapp 80 Mio fuer van Dijk und zudem auf jeder Position doppelt besetzt ist...im Gegensatz zu den Bayern. Kovac ist sicher auch Schuld dass Neuer,Mueller,Boateng und Hummels seit Jahren ihrer Form hinterherlaufen und das DFB Team bei der WM epochal als Gruppenletzter scheiterte und seit fast zwei Jahren keinen grossen Gegner besiegen konnte. Kovac ist sicher auch Schuld dass Suele gegen Heidenheim unnoetig rot sieht und Hummels zum x-ten Mal sich ueberrennen laesst und einen unnoetigen Elfer verursacht. Bei Spielern wie Hummels (ausnahmsweise mal super gegen BvB) ,James,Rafinha,Boateng hat man schon lange den Eindruck dass sie gegen den Trainer spielen . Aber das mal nur so nebenbei.
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