Bayern-Taktik unter Guardiola Messi-Double Götze, Ersatz-Libero Neuer

Mia san Mia statt Tiki Taka: Pep Guardiolas Amtsantritt in München dürfte vorerst keine gravierenden taktischen Veränderungen mit sich bringen, zu gut funktionieren die Bayern. Guardiola wird nur Nuancen ändern - eine Schlüsselrolle könnte Manuel Neuer spielen.

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Javi Martínez und Bastian Schweinsteiger stehen sich auf dem Spielfeld in der Münchner Arena im Mittelkreis gegenüber. Martínez passt den Ball über wenige Meter nach vorne in Schweinsteigers Fuß. Dieser lässt das Spielgerät zurück zu Martínez prallen; flach, schnell, präzise. Martínez spielt wieder zu Schweinsteiger, aus einem Pass wird ein Doppelpass, aus einem Doppelpass eine Stafette. Hin und her, immer wieder. Tik tak, tik tak.

Sieht so die Zukunft des FC Bayern unter Pep Guardiola aus? Unwahrscheinlich. Der am Montag offiziell vorgestellte Trainer wird den Bayern kaum jenen Stil einimpfen, den er beim FC Barcelona etablierte. Weil der deutsche Rekordmeister seine eigene Identität besitzt und andere Stärken und Schwächen hat als Barça, zum Beispiel physisch viel stärker einzuschätzen ist als die Katalanen. Und weil Bayern bewiesen hat, dass es auf Tiki Taka nicht angewiesen ist, um erfolgreich zu sein. Besonders eindrücklich geschah dies im Champions-League-Halbfinale, als Bayern Barça den Ballbesitz überließ, aber in allen anderen Bereichen klar überlegen war - und am Ende beide Spiele deutlich gewann.

Guardiolas schmaler Grat

Was also plant Guardiola? Wie viel Barcelona bringt er mit nach München? Ist es überhaupt ratsam, die Spielweise der derzeit weltbesten Vereinsmannschaft zu ändern?

Barça war bisher die erste und einzige Station für Guardiola als Trainer. 14 Titel sammelte er dort in vier Jahren. Nun steht er vor der Aufgabe, die richtige Balance zu finden zwischen dem, was ihn in Spanien so außerordentlich erfolgreich gemacht hat, und dem, was seinen neuen Arbeitgeber auszeichnet. Die Analyse des Fußballs, den Guardiola bislang hat spielen lassen, und der Spielphilosophie der Bayern ergibt dennoch Raum für Änderungen. Und, man mag es kaum für möglich halten, Raum für Verbesserung:

  • Noch mehr Variabilität: Bei den Katalanen modifizierte Guardiola die Ausrichtung seiner Mannschaft permanent - selbst während des Spiels. 4-3-3, 3-4-3, 3-3-4 oder 3-1-3-3 - Guardiola passte seine Formation an Stärken und Schwächen des Gegners an, baute dabei auf flexible Spieler. Auch Jupp Heynckes' Bayern waren flexibel. Unter ihrem neuen Coach besteht aber Steigerungspotential. Die richtigen Spieler für mehr Variabilität findet er im Bayern-Kader. Mario Götze oder Javi Martínez sind das, was Lucien Favre als "polyvalente Spieler" bezeichnen würde. Spieler also, die über die technische Fertigkeit und vor allem über die Spielintelligenz verfügen, verschiedene Positionen zu bekleiden. Götze könnte im offensiven Mittelfeld, auf Außen oder, nach Vorbild Lionel Messis, als spielender Stürmer eingesetzt werden. Je nach Spielsituation könnte er die Rolle wechseln. Martínez vermag zwischen Innenverteidigung und Mittelfeld zu pendeln und dem Mannschaftsteil Unterstützung zukommen zu lassen, der es nötig hat. Von einer Sekunde zur nächsten kann sich so Bayerns Formation verändern.

  • Der mitspielende Torwart: In Barcelona war es üblich, dass sich Torwart Victor Valdes bei eigenem Ballbesitz mitunter weit vor dem eigenen Strafraum positionierte. Bei den Bayern trifft Guardiola in Manuel Neuer auf den Prototypen des mitspielenden Keepers. Zusammen könnten beide das Torhüterspiel verändern: Gegen Mannschaften, die den Bayern destruktiv begegnen, indem sie sich kollektiv am eigenen Strafraum verschanzen, könnte Neuer mehr noch als bisher als Libero fungieren. Das hat vergangene Saison im Heimspiel gegen Leverkusen bereits geklappt, als Neuer in der Schlussminute tief in der gegnerischen Hälfte agierte und sogar eine Torchance einleitete. Unter Guardiola könnte der Nationaltorwart in Zukunft aufgrund seiner für Torhüter herausragenden fußballerischen Qualitäten situativ bis an den Mittelkreis vorrücken. Selbst gegen weniger ängstliche Kontrahenten dürfte Neuer noch mehr in das Kombinationsspiel der Bayern involviert werden.
  • Das Spiel ohne Ball: Barça lebt seit Guardiola von den Bewegungen der eigenen Spieler ohne Ballbesitz. Sie sind es, die Messi Räume für seine Dribblings verschaffen. Andrés Iniesta, David Villa, Pedro - sie alle haben bei Offensivspielzügen mitunter nur die Aufgabe, durch ihre Laufwege Räume für Messi zu kreieren. Dribbelt der Weltfußballer etwa von außen ins Angriffszentrum, binden sie mit Sprints in den Sechzehner die gegnerischen Verteidiger. Hier kommt Thomas Müller ins Spiel. Seine Fähigkeit, Gegner aus ihren Positionen zu locken, macht ihn für Guardiola unverzichtbar. Obwohl er zwischen all den Götzes und Ribérys so gar nicht in die Philosophie des Trainers hineinzupassen scheint - Müller dürfte trotz aller Konkurrenz seinen Stammplatz sicher haben.

Bei Amtsantritt in Barcelona zettelte Guardiola noch eine Revolution an. Er sortierte Superstars wie Ronaldinho aus, stärkte die Abwehr dank des von ihm etablierten Gegenpressings und führte den abkippenden Sechser ein. Bei seinem Bundesliga-Debüt sind Umwälzungen solchen Ausmaßes nicht notwendig. Statt direkt eine ganz neue Taktik aufzubieten, wird der Spanier wahrscheinlich nur allmählich seine Handschrift entfalten. Nicht umsonst sagte Guardiola bei seiner Vorstellungspressekonferenz: "Das System ist egal", er richte sich "zu hundert Prozent nach den Spielern, die da sind."

Schweinsteiger wird also auch künftig Pässe über 50 Meter spielen, Philipp Lahm weiterhin Flanken vor das gegnerische Tor schlagen. Ein guter Trainer würde seine Elf nicht ihrer Stärken berauben, nur um einen bestimmten Spielstil zu erzwingen. Für Bayern heißt das, dass auch unter Guardiola gilt: Mia bleiben Mia.

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Seite 1
dannyinabox 24.06.2013
1. mann, mann
Was müsste ich lachen wenn die Bayern in der nächsten Saison nichts zustande kriegen würden. Die Medien die sich jetzt mit Liebesbekundungen nur so überschlagen, würden mit ziemlich abgesägten Hosen da stehen.
to5824bo 24.06.2013
2. Robben unter Guardiola
Zitat von sysopGetty ImagesMia san Mia statt Tiki Taka: Pep Guardiolas Amtsantritt in München dürfte vorerst keine gravierenden taktischen Veränderungen mit sich bringen, zu gut funktionieren die Bayern. Guardiola wird nur Nuancen ändern - eine Schlüsselrolle könnte Manuel Neuer spielen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bayern-muenchen-so-koennte-das-team-unter-guardiola-spielen-a-907452.html
Erst einmal vielen Dank für den wieder einmal sehr lesenswerten Taktikartikel von Herrn Montazeri. Ich denke mal, dass Arjen Robben bei Guardiola keine große Zukunft mehr haben wird. Thomas Müller kann dessen Job mehr als ebenbürtig ausfüllen und ist darüber hinaus zig mal flexibler als Robben. Dem wurde zwar vom"Kicker" (m.E. eher zu Unrecht) soeben das Prädikat "Weltklasse" verliehen, aber nach der Götze-Verpflichtung dürfte er in Guardiolas Planungen keine Rolle mehr spielen. Was nebenbei auch für die NM nicht schlecht wäre, wenn Müller und Götze sich bei den Bayern vorne gut einspielen. Dazu dann noch Reus und Özil, und die WM kann kommen…
G.Weiter 24.06.2013
3.
Dieser Typ hat eine solche Aura, dass es mir als Bayernfan schon fast egal ist, wie die Ergebnisse aussehen werden! Gruß, G.Weiter
Werder 24.06.2013
4. Köstlich!
Einen Tag ist Pep in München und schon schießen die Vermutungen ins Kraut ...............
LK1 24.06.2013
5.
Zitat von dannyinaboxWas müsste ich lachen wenn die Bayern in der nächsten Saison nichts zustande kriegen würden. Die Medien die sich jetzt mit Liebesbekundungen nur so überschlagen, würden mit ziemlich abgesägten Hosen da stehen.
...och, die Bayern kann doch ausser Felix Magath jeder erfolgreich trainieren. ;-)
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