Bayerns Remis gegen Hoffenheim Kleiner Kontrollverlust

Ein lockeres Heimspiel hatten sich die Bayern gewünscht. Doch stattdessen verloren sie gegen Hoffenheim die Kontrolle - und ihren Spielmacher Thiago. Der Härtetest könnte vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Manchester United aber zur rechten Zeit gekommen sein.

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Aus München berichtet Sebastian Winter


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Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ging wie üblich schnell durch die Interviewzone der Münchner Arena, in seiner typischen, leicht vornübergebeugten Haltung. Normalerweise wird der Mannschaftsarzt des FC Bayern München auf dem Nachhauseweg nicht behelligt, doch an diesem Samstagnachmittag war es anders. Denn Thiago, Bayerns wichtiger Mittelfeldstratege, hatte sich Mitte der ersten Halbzeit verletzt.

Müller-Wohlfahrt stoppte kurz und stellte eine knappe Diagnose. Sie war erschreckend für die Bayern: Innenband-Teilriss am linken Knie, eine Kernspintomografie am Sonntag soll Genaueres ans Licht bringen. Wahrscheinlich fällt Thiago sechs bis acht Wochen aus, es wäre wohl gleichbedeutend mit dem vorzeitigen Saisonende. Nationalspieler Thomas Müller sagte: "Das ist ein katastrophaler Zeitpunkt jetzt vor den wichtigen Spielen." Am Dienstag treffen die Münchner im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League auf Manchester United (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Die Bayern hatten ihr Liga-Heimspiel gegen Hoffenheim eigentlich als gemütliche Zwischenstation geplant, nach ihrer Meistersause in Berlin und vor der Reise nach England. Doch das überaus intensive, hektische 3:3-Unentschieden gegen Mittelmaß-Club 1899 ließ niemanden bei den Münchnern gut gelaunt zurück. Vielmehr herrschte Katerstimmung: "Es war ein unangenehmer Gegner und ein verrücktes Spiel: zu viel Hin und Her, zu wenig Kontrolle. Und dann kommt so etwas dabei raus", sagte Müller, bevor er gereizt zum Ausgang eilte.

Spielkontrolle und Ballbesitz sind den Bayern und ihrem Trainer Josep Guardiola heilig. Doch gegen Hoffenheim war von beidem so wenig zu sehen wie selten in dieser Saison. Vor allem in der zweiten Halbzeit spielte der große Favorit ideenlos und versuchte, die 3:2-Führung nur noch zu verwalten. "Da war der Wurm drin. Und die Körpersprache war in der zweiten Halbzeit nicht so, dass wir total überzeugt waren, das 3:2 zumindest zu halten", sagte Bayern-Keeper Tom Starke, der Manuel Neuer vertreten durfte.

Hoffenheims Mut zahlt sich aus

Stattdessen hatten die Bayern nicht nur Thiago verloren - für den spät eingewechselten Arjen Robben "unser größter Verlust heute" - sondern am Ende fast das Spiel. Starke rettete sein Team mit einer Glanzparade gegen Sebastian Rudy. Dennoch haben die Bayern nach 19 Siegen in Serie wieder gepatzt, erstmals in dieser Saison holten sie im heimischen Stadion nur einen Punkt. Trotzdem sind sie, eine weitere wahnwitzige Statistik, auch nach 53 Spielen in Folge ungeschlagen.

Hoffenheim zeigte allerdings mit seinem starken Pressing und der extrem hohen Laufbereitschaft, dass die Münchner verwundbar sind. Im Gegensatz zu anderen Gegnern, die Guardiolas Mannschaft mit dieser Taktik in Bedrängnis brachten, hielt die TSG ihr Konzept trotz des zwischenzeitlichen 1:3-Rückstands durch - und wurde zum Ende des Spiels noch stärker. "Über allem stand der Mut. Wir haben den Gegner teilweise am Fünf-Meter-Raum angelaufen. Deshalb war es ein verdienter Punkt", sagte Hoffenheims Sportdirektor Alexander Rosen. 20 Torschüsse gelangen dem Außenseiter, den Bayern nur elf.

Natürlich haben die Feiern Spuren hinterlassen beim FC Bayern. Seit der Club sich am Dienstag in Berlin die früheste Meisterschaft der Bundesliga-Geschichte gesichert hat, geht es für ihn um nichts mehr in der Liga. Guardiola veränderte die Mannschaft außerdem auf sieben Positionen. Die Partie gegen Hoffenheim galt allerdings auch als Generalprobe für Manchester. Sie ist gründlich danebengegangen.

Doch womöglich kam der Härtetest gegen Hoffenheim gerade zur rechten Zeit. Denn die Bayern wissen nun, was ihnen blüht, wenn Konzentration und Körpersprache nicht stimmen. "Wenn wir am Dienstag so spielen wie heute in der zweiten Halbzeit, dann sind wir nicht Favorit", stellte Guardiola unmissverständlich klar. Und Arjen Robben sprach stellvertretend für alle Spieler, als er im Hinblick auf das Manchester-Spiel sagte: "Es wäre ein großer Fehler, wenn wir jetzt sagen, das schaffen wir locker." Gegen Hoffenheim haben sie gesehen, was in solchen Fällen passieren kann.

Bayern München - 1899 Hoffenheim 3:3 (3:2)
0:1 Modeste (23.)
1:1 Pizarro (31.)
2:1 Shaqiri (34.)
3:1 Pizarro (40.)
3:2 Salihovic (44.)
3:3 Firmino (75.)
München: Starke - Rafinha, van Buyten, Dante, Contento - Thiago (25. Lahm), Schweinsteiger - Götze (46. Mandzukic), Ribéry (76. Robben) - Shaqiri, Pizarro
Hoffenheim: Grahl - Johnson, Strobl, Vestergaard, Beck - Rudy, Polanski - Volland (89. Karaman), Firmino, Salihovic (60. Herdling) - Modeste (32. Elyounoussi)
Schiedsrichter: Dingert
Zuschauer: 71.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Schweinsteiger (3) - Vestergaard (3), Firmino (4)
Ballbesitz in Prozent: 67 / 33
Zweikämpfe in Prozent: 53 / 47
Schüsse: 11 / 20

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
in-teressant! 30.03.2014
1. Guardiolas Fehler
Das Unentschieden muss sich der Trainer ankreiden lassen. Wer nicht die stärkste Elf aufstellt, signalisiert klar: Das schaffen wir locker! Und dann fehlen Anspannung und Konzentration.
Traffical 30.03.2014
2. Kein Grund zur Aufregung
mal eine schlechte Halbzeit, bringt mich jetzt nicht ins grübeln. Sind halt auch nur Menschen. Ständig die Konzentration hoch halten ist eben nicht einfach. Die Schale ist dahoam. Rekorde ohne Ende. Und ein CL Spiel am Dienstag.
scooby11568 30.03.2014
3. Härtetest? Unsinn!
Die Mannschaft auf sieben Positionen verändert, Neuer, Alaba, Kroos, Robben, Müller sind sicher am Dienstag in der Startelf. Das sagt doch schon alles. Bayern nur in der ersten Halbzeit stark und Hoffenheim hat hervorragend gekämpft UND gespielt. Beide hatten noch Chancen, das Spiel zu entscheiden, aber die Punkteteilung ist gerecht. Ich als Bayern-Fan kann mit diesem sehr unterhaltsamen Spiel gut leben. So geht es hoffentlich den meisten von uns.
ashcroft_house 30.03.2014
4.
Zitat von sysopGetty ImagesEin lockeres Heimspiel hatten sich die Bayern gewünscht. Doch stattdessen verloren sie gegen Hoffenheim die Kontrolle - und ihren Spielmacher Thiago. Der Härtetest könnte vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Manchester United aber zur rechten Zeit gekommen sein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bayern-muenchen-spielt-nur-unentschieden-gegen-hoffenheim-a-961500.html
Immerhin haben die Bayern nach der gewonnen Meisterschaft keine komplette Arbeitsverweigerung betrieben und mutwillig verloren - solche Mannschaften soll es ja auch gegeben haben. Ansonsten wird diese Eindämmung der Selbstherrlichkeit vor den Spielen gegen Manchester nur gut tun. Wirklich ärgerlich an dem gestrigen Spiel ist nicht der Punktverlust sondern die Verletzung Thiagos. Zwar hat der FCB genau den Kader um das aufzufangen, ein wichtiger Spieler ist aber nichtsdestotrotz.
crankbros 30.03.2014
5. Generalprobe
Wohl kaum. 9 Aktuelle Nationalspieler waren zu Spielbeginn nicht auf dem Platz, Starke, van Buyten, Contento, Shaqiri und Pizzaro sind sicher in Manchester nicht erste Wahl. Guardiola hat ganz bewusst wichtige Spieler für kommenden Dienstag geschont, eine Generalprobe ist was anderes. Gute Besserung an Thiago, dessen Ausfall für die wichtigen Spiele schwer wiegt, obwohl die Bayern den Ausfall kompensieren müssten.
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