Bayern-Niederlage in Dortmund Die Konkurrenz ist enteilt

Schon sieben Punkte Rückstand auf den Konkurrenten: Der FC Bayern konnte in Dortmund nur eine Halbzeit lang wirklich mithalten. Der Vorstandschef macht trotzdem in Optimismus.

Javi Martinez ist enttäuscht
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Javi Martinez ist enttäuscht

Aus Dortmund berichtet


Ein solches Spiel braucht eine Pointe, und dieses Spiel, vermutlich das beste der bisherigen Saison, hatte eine. Dortmunds Jungspund Jadon Sancho jagte Bayerns Franck Ribéry den Ball ab, bevor Borussia Dortmund in atemberaubendem Tempo den Angriff startete, an dessen Ende Paco Alcácer den 3:2-Siegtreffer gegen den FC Bayern erzielte.

Über Sancho sagte sein Mannschaftskollege Axel Witsel hinterher, dass dieser die Aufgaben in der Defensive gar nicht möge. Damit lüftete er kein Geheimnis. Es war ein wesentlicher Punkt im Plan des FC Bayern, Sanchos Schwäche auszunutzen. David Alaba und Ribéry kamen immer wieder mit Tempo über ihre linke Seite. Sancho wirkte bisweilen verzweifelt bei der ganzen Hinterherhetzerei. Er gab es aber nie auf.

Also hetzte er in der 73. Minute wieder mal Ribéry hinterher, dem Dortmunds Trainer Lucien Favre später bescheinigte: "Er war verrückt in der Balleroberung, also positiv verrückt." Dieses Mal lief es aber negativ verrückt: Sancho gewann den Ball, der ein paar Sekunden später im Münchner Tor lag.

Die Bayern verloren zum dritten Mal in dieser Saison, und das, obwohl sie zweimal geführt hatten. Es klang wie eine Provokation, dass ein Medium trotzdem von der "besten Saisonleistung" schrieb. Allerdings war es der vereinseigene Kanal.

Mischung aus Bescheidenheit und Augenwischerei

Mit einer Mischung aus neuer, angemessener Bescheidenheit und Augenwischerei reagierten die Münchner auf ein Spiel, das der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge "als eine Art Benchmark nehmen" will: Rummenigge, der nach dem dritten BVB-Tor auf der Tribüne eine Bierdusche über sich ergehen lassen musste, fügte an: "Wichtig war, dass wir heute mal ein Zeichen gesetzt haben. Wir haben gesehen, dass Bayern München noch eine sehr gute Mannschaft hat."

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Ein Video, das diese These für die Partie in Dortmund stützt, hätte mehr als 45 Minuten Laufzeit, aber für eine Spielfilmlänge würde es bei Weitem nicht reichen. Das bestätigte Manuel Neuer, der deutlich kritischer war als Rummenigge. "Es hat wirklich gebrannt", sagte der Torhüter über viele Situationen in seinem Strafraum, in denen "gefühlt immer jemand frei war".

Diese Situationen traten vermehrt in der zweiten Hälfte auf, die aus Sicht der Bayern deutlich schwächer war als die erste. "Der Trainer hat in der Pause gesagt, dass sie das Tempo nicht über zwei Halbzeiten halten können, wir aber schon", verriet Dortmunds Manuel Akanji die Vermutung Favres, die sich bestätigen sollte.

Hummels ging krank in die Partie

Als die im Schnitt fast drei Jahre jüngere Mannschaft der BVB nach der Pause weiter vorne angriff, sicherer am Ball war und dadurch viel häufiger in der Lage, Tempo im Angriffsdrittel aufzunehmen, war es um die Bayern geschehen. Auf die Pointe, dass der 18 Jahre alte Sancho dem 35 Jahre alten Ribéry den Ball vor dem entscheidenden Tor wegnimmt, wären auch mittelmäßig begabte Drehbuchautoren gekommen.

"Ich glaube nicht, dass es ein Kraftproblem war", widersprach Mats Hummels der These, dass die etwas älteren Herren in ihrer teils famosen ersten Halbzeit ein wenig überdreht hätten. Er selbst sei krank gewesen, teilte der Innenverteidiger mit, habe sich das Spiel gegen seinen ehemaligen Klub aber nicht nehmen lassen wollen.

Ein verschnupfter Hummels, der erst nach zwei schweren Fehlern in der 66. Minute vom Platz ging, und Jérôme Boateng, der seit Monaten mit athletischen Defiziten auffällt, bildeten die Innenverteidigung, der deutlich jüngere Niklas Süle saß zunächst nur auf der Bank. Von dort kam nach dem 3:2 des BVB Renato Sanches für Serge Gnabry, der an beiden Münchner Treffern maßgeblich beteiligt war.

Trainer Niko Kovac überraschte mit der Aufstellung und einem Wechsel. James Rodríguez blieb auf der Bank. Der Kolumbianer war dort der einzige Spieler von gehobenem internationalem Format. Keine Pointe.

Borussia Dortmund - Bayern München 3:2 (0:1)
0:1 Lewandowski (26.)
1:1 Reus (Foulelfmeter, 49.)
1:2 Lewandowski (52.)
2:2 Reus (67.)
3:2 Alcácer (73.)
Dortmund: Hitz - Piszczek, Akanji, Zagadou, Hakimi - Weigl (46. Dahoud), Witsel - Sancho, Reus, Bruun Larsen (82. Delaney) - Götze (59. Alcácer)
Bayern: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels (65. Süle), Alaba - Martínez, Goretzka - Gnabry (74. Sanches), Müller (82. Wagner), Ribéry - Lewandowski
Zuschauer: 81.360 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Manuel Gräfe
Gelbe Karten: Akanji, Hitz, Weigl / Ribéry, Süle, Wagner



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faberhomo 11.11.2018
1. Zitat Favre
" Man muss sich inspirieren von Bayern erste Halbzeit und von Dortmund zweite Halbzeit. " Wer es schafft die goldene Mitte zu finden, wird Meister. Nach dem 34. Spieltag!!!
axelmueller1976 11.11.2018
2. Dortmund super in der Zweiten Halbzeit
Dortmund hatte am Mittwoch ein besonders schweres Spiel in Madrid ,während es Bayern gegen Athen wesentlich leichter hatte .Gibt es eine Erklärung dafür,daß der BVB dennoch gegen Bayern frischer und schneller und was noch wichtiger für den Erfolg war, 127 Lauf-Km absolviert hat. Ein Marco Reus welcher nicht als Laufwunder bekannt ist hat gar 12,7 Km zurückgelegt.
HerrDietrich 11.11.2018
3. Also...
erstmal kann man festhalten, dass Bayern die erste Halbzeit nicht einfach nur mitgehalten haben, sondern Bayern hat die erste Halbzeit klar dominiert! Die zweite Halbzeit war dann vertauschte Rollen da hat der BVB dominiert. Erinnert mich an letztes Jahr, da hat Bayern auch meist in der zweiten Halbzeit das Spiel klar gemacht.
vaikl 11.11.2018
4. Ein für drei Hochzeiten...
...zu klein bemessener Kader, "Säulen der Mannschaft", die sich trotz nachlassender Konstitution als unersetzbar sehen und sich quasi selbst aufstellen und ein Trainer, der mangels im Dienst an der Säbener Str. erworbener Autorität keine Entscheidungen treffen will, die Altstars zugunsten fitter Newcomer mal auf die Bank zu setzen - das kann dieses Jahr einfach nicht klappen.
poitierstours 11.11.2018
5. Rücklichter der Konkurrenz noch einholbar in Sicht
Für die Bundesliga war das gestrige Spiel ein Riesenereignis in einem spektakulärem Rahmen. Es hat gezeigt, Bayern ist von den Verantwortlichen über den Trainer bis zu den Spielern derzeit nicht das Maß aller Dinge im deutschen Vereinsfußball. Das ist ungewohnt. Der 1. FC Bayern München ist komplex in nicht guter Verfassung. Vielleicht sollte davon unter anderem auch die ominöse Pressekonferenz ablenken. Es scheinen sich auf verschiedenen Ebenen des Vereins und zwischen diesen über längere Zeit unausgesprochene und vielleicht nicht wirklich erkannte Probleme facettenreicher Unterschiedlichkeit angehäuft zu haben. Jupp Heynkes konnte sie letzte Saison aufheben für diese Saison, aber nicht auflösen. Vielleicht hat die Abwesenheit Höneß doch mehr Spuren hinterlassen, auch bei ihm selbst. Bayern München hat nicht nur einen Schnupfen, eher einen schweren Infekt. Passt der Trainer nicht zur Mannschaft oder die Mannschaft in sich nicht zu sich selbst? Per Knopfdruck jedenfalls wird ein Reset nicht einfach zu bewerkstelligen sein, das, was letzte Saison auch beim BVB zu konstatieren war. Bayern kann selbstverständlich Deutscher Meister werden. Wichtige verletzte Spieler werden in der laufenden Saison zurückkehren. Aber das Momentum spricht nicht für die Bayern und das bedeutendste ist, dass dieses Gefühl die Bayern-Stars selbst inhaliert haben und es der Öffentlichkeit nicht mehr verbergen können.
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