Theater-Autorin zu Bayern-Dortmund "Der Shakespeare unter den Pokalspielen"

Die Theater-Autorin Dagrun Hintze kommentiert heute im High-Liveticker von SPIEGEL ONLINE das Pokalspiel Bayern gegen BVB. Hier spricht sie über ein Elfmeterschießen als Erweckungserlebnis und Thomas Müllers Bühnenqualitäten.

Thomas Müller
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SPIEGEL ONLINE: Dass Sie als Frau ein Buch über Fußball geschrieben haben, sorgt selbst im Jahr 2017 noch für Aufmerksamkeit. Wie finden Sie das?

Hintze: Einerseits schade, weil ich mich freuen würde, wenn sich genauso viele Frauen wie Männer für Fußball begeistern würden. Dann wäre eine Frau, die ein Fußballbuch schreibt, nichts Besonderes. Andererseits gibt es nun mal Unterschiede, wie Männer und Frauen Fußball betrachten.

Zur Person
  • Dagrun Hintze, 1971 in Lübeck geboren, ist freie Autorin. Sie schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa sowie über zeitgenössische Kunst und Dokumentartheater. Hintze lebt in Hamburg, ist aber BVB-Fan. In diesem Frühjahr erschien ihr Buch "Ballbesitz".

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Hintze: Ich bin immer wieder fasziniert davon, dass Männer stundenlang über Aufstellungen der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 1974 fachsimpeln können oder die Spielzüge des HSV im Europapokalfinale 1983 rekapitulieren. Sowas gibt mein Gehirn gar nicht her. Mich interessiert in Bezug auf Fußball eher das Psychologische, das Politische und Gesellschaftliche - die Fußballkultur. Und ich erinnere mich vor allem an die Atmosphäre bei einem Spiel, an seine Dramaturgie oder an eine besondere Gruppendynamik auf dem Platz.

SPIEGEL ONLINE: Fällt Ihnen da ein Beispiel ein?

Hintze: Das EM-Halbfinale 2000 Niederlande gegen Italien, bei dem Holland insgesamt fünf Elfmeter verschoss. Das war mein Erweckungserlebnis in Sachen Fußball, ich konnte einfach nicht fassen, was da passierte. Einen solchen Plot würde man mir als Theaterautorin niemals durchgehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Der Untertitel Ihres Buchs "Ballbesitz" lautet "Frauen, Männer und Fußball". Als Inhaltsangabe ist das ja etwas schwammig. Für wen haben Sie das Buch denn geschrieben?

Hintze: Wenn ich schreibe, habe ich nicht wirklich eine Zielgruppe vor Augen. Aber ich würde sagen: Jeder, der sich zumindest für einen dieser drei Begriffe interessiert, kann das lesen. Also vermutlich die meisten Menschen. Was mich sehr freut, ist, dass sich viele meiner fußballfernen Freundinnen mit dem Buch beschäftigen und feststellen, dass der Fußball vielleicht doch ein Feld sein könnte, mit dem man sich mal ernsthaft auseinandersetzen sollte. Im besten Fall führt das dazu, dass sie in Zukunft keine Knalltüten-Kommentare mehr abgeben, wenn sie bei einer EM oder WM vor meinem Fernseher sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Buch eine Anleitung, wie man zum Fußballfan wird?

Hintze: Eher die Beschreibung, wie ich einer wurde: Angefixt durch meinen damaligen Freund, der ein leidenschaftlicher BVB-Fan war und natürlich immer noch ist. Das hat abgefärbt - wir sind schon ewig getrennt, aber seine Liebe zu diesem Verein hat sich auf mysteriöse Weise auf mich übertragen. Außerdem ziehe ich im Buch immer wieder Parallelen zum Theater, zur Literatur und zur bildenden Kunst. Überall gilt: Man braucht die Bereitschaft, sich einzulassen, und man braucht Sachverstand. Sonst macht es keinen Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Und der Sachverstand fehlt Ihrer Meinung nach vielen Frauen?

Hintze: Natürlich gibt es tolle weibliche Fußballexpertinnen wie zum Beispiel Jessy Wellmer oder Birgit Schönau. Trotzdem ist es in meiner Generation alles andere als selbstverständlich, dass Frauen sich mit Fußball auskennen. Wir haben als Mädchen ja auch nicht gekickt, sondern waren stattdessen beim Klavierunterricht oder im Reitstall. Ich glaube aber, dass sich da gerade etwas ändert. Viele Töchter meiner Freunde spielen inzwischen Fußball - und das ist vermutlich noch immer der beste Zugang zum Thema.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:42 Uhr
Ohne Gewähr

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Dagrun Hintze
Ballbesitz: Frauen, Männer und Fußball (mairisch mono)

Verlag:
mairisch Verlag
Seiten:
104
Preis:
EUR 11,00

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Autorin unter anderem Theaterstücke geschrieben. Hat ein Duell wie Borussia Dortmund gegen Bayern München das Zeug für die Bühne?

Hintze: Diese Paarung ist ja quasi der Shakespeare unter den Pokalspielen, ein echter Klassiker und wahnsinnig aufgeladen, auch durch die besondere Situation, in der sich der BVB gerade befindet. Und mein schwarz-gelbes Herz und ich wollen da auf gar keinen Fall eine Tragödie erleben.

SPIEGEL ONLINE: Wer taugt in den beiden Mannschaften zum Schauspieler und für welche Rolle?

Hintze: Für den brillanten Verräter Jago aus Shakespeares "Othello" würden mir als BVB-Anhängerin gleich zwei Besetzungen einfallen. Und Thomas Müller wähnt sich vermutlich schon seit geraumer Zeit in einem Stück von Samuel Beckett: Alle warten darauf, dass er seine Form wiederfindet. So, wie Wladimir und Estragon auf Godot warten. Aber der kommt halt nicht.



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