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Hoffenheims Erfolg gegen Bayern Ein (kleiner) Ruck geht durch die Liga

Die ersatzgeschwächte TSG Hoffenheim schlägt erschreckend uninspirierte Münchner und setzt damit ein Zeichen: Der FC Bayern ist verwundbar. Und: Manchmal reicht ein fixer Stadionmitarbeiter.

Irgendwann hatten sie eigentlich alle ihre Sichtweisen auf das Spiel kundgetan, die Protagonisten dieses denkwürdigen Abends, die Angestellten der TSG Hoffenheim, die Gäste aus München. Doch als sich das Stadion leerte, war eine der Hauptpersonen dieses 2:0 (1:0) nicht zu Wort gekommen. Sie stand nicht auf den Statistikzetteln und wurde auch im Jubeltumult vor der Fankurve nicht gesichtet.

Dabei hatte dieser schmächtige Balljunge, der links von der Bayernbank vor der Haupttribüne seinen Dienst absolvierte, durchaus einiges beigetragen zu diesem Spiel, das dem deutschen Fußball vor Augen führte, wie es gehen könnte mit der Wiederkehr der Spannung im Meisterschaftskampf.

Es war die 27. Minute, als dieser Balljunge das tat, was Trainer Julian Nagelsmann in Hoffenheim am liebsten sieht - auch von den Jugendlichen am Spielfeldrand. So agierte Umut Tohumcu aus Hoffenheims U14 wie angewiesen gedanken- und handlungsschnell. Bayern-Verteidiger Mats Hummels hatte gerade einen Befreiungsschlag aus dem Seitenaus weit in die Hoffenheimer Hälfte gedroschen. Für die Defensive des Meisters ein Grund für eine kurze Konzentrationspause. Angreifer Andrej Kramaric nutzte den schnellen Zuwurf des Balljungen vor dem Bayern-Tor für einen schnellen Einwurf, Stürmerkollege Mark Uth selbigen für einen schnelle Abschluss - 1:0.

Ein kleiner Ruck geht durch die Liga

Es war die entscheidende, durchaus regelkonforme und symptomatische Szene eines Duells, das sich in den Statistiktabellen so liest, wie man es erwartet hatte - das aber in der entscheidenden Spalte dann doch die Zahlen so verteilte, dass ein kleiner Ruck geht durch diese Liga, die in den vergangenen fünf Jahren einem bayerischen Wunschkonzert glich. Hoffenheim war schnell - und nutzte die Chancen, wenn sie sich boten. Ja, man wäre in allen Statistiken schlechter gewesen, wusste Nagelsmann. Er wusste aber auch: "Das zählt halt nicht."

Spielerindex SPIX

Was zählt, ist, dass sich die Hoffenheimer spätestens nach der Führung erstklassig darauf verstanden, die Flügel dicht zu halten - auch als Bayern-Trainer Carlo Ancelotti mit den Einwechslungen von Arjen Robben, Franck Ribéry und Bundesliga-Debütant James seine prominentesten Türöffner aufs Feld schickte. So blieb dem zudem erschreckend einfallslosen Favoriten nur ein Mittel: Flanken, meist aus dem Halbfeld. 43 Mal wurde ein langer Ball in den Hoffenheimer Strafraum geschickt. Doch weil dort Ermin Bicakcic, Havard Nordtveit und Benjamin Hübner eine Dreierreihe wuchtigsten Ausmaßes bildeten, hieß es meist: Zustellung erfolglos - Sendung postwendend zurück.

"95 Prozent haben heute nicht gereicht"

Details hätten den Ausschlag gegeben, fand Ancelotti, der durchaus eine gute Leistung seines Teams gesehen haben will. Vielleicht liegt aber genau in dieser Betrachtungsweise die berechtigte Hoffnung für die Konkurrenz, die auf derartige Fehler des Serienmeisters wartet. "95 Prozent haben heute nicht gereicht", sagte Ancelotti, was nach diesem Auftritt die Frage aufwirft, wie weit diese Bayern mit hundert Prozent kommen.

Denn dieser Gegner in Hoffenheim war trotz aller Geschlossenheit und dem nötigen "Glück", das Mark Uth wie viele Kollegen extra erwähnte, vielleicht gar nicht die schwierigste Hürde dieser noch jungen Bundesliga-Saison. Vor der Partie hatten die Personalien Sebastian Rudy und Niklas Süle die Debatten bestimmt. Zwei Hoffenheimer Schlüsselspieler der vergangenen Saison, die vor der Saison nach München gewechselt waren und die die TSG nun vermisst. Dazu die Verletzten: Serge Gnabry, Leihspieler aus München, fehlte Hoffenheim ebenso angeschlagen wie Sandro Wagner. Auch der zuletzt starke Abwehrchef Kevin Vogt musste passen.

Von den Namen her sei das schon "abenteuerlich" gewesen, fand TSG-Sportdirektor Alexander Rosen. Dennoch: "Die Überraschung ist nicht so groß." In Hoffenheim, nun Liga-Zweiter hinter Dortmund, wussten sie beispielsweise längst von der Klasse ihres Angreifers Uth, der auch seine zweite Chance eiskalt nutzte (51.) und nun fünf der letzten neun Hoffenheimer Tore erzielte.

Im Video: Nagelsmann versteht Bayerns Ärger über den zweiten Ball

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Sehnsüchtige Bayern-Blicke auf Nagelsmann

Und sie vertrauten ihrem Trainer, der den Bayern-Code entschlüsselt zu haben scheint. Nagelsmann hat in nun acht Spielen als Trainer in der Jugend und bei den Profis nicht gegen den FC Bayern verloren. Es ist nur ein Puzzleteil, das die nicht allzu gewagte Prognose erlaubt, dass Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auf der Tribüne auch immer wieder einen sehnsüchtigen Blick in Richtung Hoffenheimer Coaching-Zone gewagt haben dürften.

Nicht nur dort war deutlich mehr Aktion zu beobachten als auf Münchner Seite. Vor dem stoischen Ancelotti lief das Bayern-Team neun Kilometer weniger als die TSG. Vor dem Start in die Champions-League-Saison gegen Anderlecht am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist das spielerische Potenzial trotz zweier glanzloser Siege zu Saisonstart im ziellosen Ballbesitzfußball nur zu erahnen.

Als Symbol der Niederlage darf ausgerechnet Thomas Müller herhalten, der sich zuletzt über seinen Bankplatz beschwert hatte. Gegen Hoffenheim war er von Anfang an dabei, ackerte wie gewohnt - blieb aber wirkungslos. Von seinen Zweikämpfen gewann er nur jeden fünften.

TSG Hoffenheim - Bayern München 2:0 (1:0)
1:0 Uth (27.)
2:0 Uth (51.)
TSG Hoffenheim: Baumann - Hübner, Nordtveit, Bicakcic - Geiger (63. Polanski) - Zuber (69. Schulz), Amiri, Demirbay, Kaderabek - Kramaric, Uth (75. Ochs)
Bayern München: Neuer - Rafinha (78. Rodriguez), Hummels, Martinez, Kimmich - Rudy (57. Robben), Tolisso - Coman, Thiago, Müller (78. Ribéry) - Lewandowski Schiedsrichter: Daniel Siebert
Gelbe Karten: Hübner, Kaderabek, Zuber / Hummels
Zuschauer: 30.150 (ausverkauft)

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